Wo Bahnen Berge verschönern

12. September 2011 | Robert Wildi

Seilbahnen müssen in erster Linie technische Anforderungen erfüllen. Da bleibt wenig architektonischer Spielraum.  Dennoch gibt es in der Schweiz Bergbahnunternehmen, die sowohl mit ihren Transportanlagen als auch Nebenbetrieben künstlerische Botschaften aussenden.

  

Sie sehen aus wie riesige, zu Tal gedonnerte Steinwürfel, scheinbar willkürlich liegen geblieben. Was sich an der Seilbahn-Talstation in Laax (Kanton Graubünden) präsentiert, ist indes kein Felssturz, sondern ein genau durchdachtes Baukonzept. Die vor zwei Jahren erbaute Ferienappartement-Siedlung "Rocksresort" soll sich nahtlos in die natürliche Umgebung der boomenden Winterdestination einfügen. "Die gewählte Architektur setzt auf Authentizität und Nachhaltigkeit", sagt Britta Maier, Sprecherin der Betriebsgesellschaft Weisse Arena Gruppe. Sowohl außen wie innen wurden für den Bau Formen und Materialien aus der Umgebung verwendet. Dabei hat man kaum ein Detail vergessen.

Rockresort Laas

 

 

Baukunst spielt für die Weisse Arena generell eine wesentliche Rolle. Das Wintererlebnis vor Ort soll mehr ausdrücken als nur Ski- und Snowboardfahren. "Architektur ist für uns Ausdruck von Lifestyle und Teil des Ferienerlebnisses", so Maier. Nicht umsonst hat das Unternehmen auch mit der Bergbahn "Arena Express", die im benachbarten Flims steht, in der Architekten-Branche für Aufsehen gesorgt. Sowohl Tal- wie Bergstation als auch die beiden Zwischenstationen auf der Strecke Flims - Berghaus Nagens haben es sogar zu internationaler Anerkennung gebracht.

 

Glaspavillons für den Rundblick

 

Dass alpine Seilbahnarchitektur neben ihrer primär wichtigen Zweckorientierung gleichzeitig durchaus eine künstlerische Botschaft aussenden darf, haben auch andere Schweizer Bergbahnen längst entdeckt. Ein Beispiel ist die Niesenbahn im Berner Oberland. Das über 150 Jahre alte Berggasthaus am oberen Ende der Standseilbahn wurde laut dem heutigen Geschäftsführer Roger Friedli über die Jahrzehnte immer wieder renoviert und mit teils kuriosen Anbauten architektonisch "verschandelt". Anfang der 2000er Jahre wurde dann beschlossen, die Immobilie auf ihre ursprüngliche Form aus dem Jahr 1856 rückzubauen und als modernen Kontrast daneben einen Glaspavillon zu errichten.

 

 Das Werk ist ganz offensichtlich geglückt, nimmt man die Besucherzahlen als Maßstab. Der Umsatz des Restaurants hat sich seit dem Umbau von einer auf 2,4 Millionen Franken mehr als verdoppelt. "Wir organisieren heute Bankette, Konzerte, Events und begrüssen auch regelmässig Tagesausflugsgäste aus der Stadt Bern hier oben", sagt Friedli.

Berghaus Niesenbahn

 

Ein ähnliches Werk, noch viel grösser, ist der Bergbahn Tele Leysin in den Waadtländer Alpen gelungen. Das Restaurant Kuklos auf dem Gipfel der Kabinenseilbahn verfügt über eine Glasfassade und dreht sich innerhalb von  90 Minuten einmal um die eigene Achse. Gäste können so vom gleichen Platz zeitlich versetzt das Matterhorn, den Grand Combin, den Montblanc, Eiger und weitere imposante Gipfel bestaunen.

 

Architektonisch beeindruckend sind außerdem diverse weitere Gaststätten in den Schweizer Alpen. Etwa das bereits über 20 Jahre alte, siebenstöckige Berggasthaus auf dem Jungfraujoch, entworfen und gebaut vom verstorbenen Meiringer Architekten Ernst Anderegg. Trotz seiner imposanten Größe – die sechs integrierten Restaurants bieten über 700 Gästeplätze – fügt sich der Bau beinahe nahtlos in die Südflanke des Jungfraujochsattels ein und offeriert eine atemberaubende Aussicht. "Die täglichen Reaktionen unsere Gäste aus allen Weltgegenden belegen, dass wir mit unserer Philosophie den Geschmack einer Mehrheit getroffen haben", sagt  Jürg Lauper, Leiter Infrastruktur der Jungfraubahnen.

 

Sonderpreis für "markante, aber nicht laute" Architektur

 

Schwieriger als die bauliche Verschönerung von Berggasthäusern ist ein architektonischer Eingriff in die Transportanlage selbst. Ingenieure und Techniker predigen unentwegt, dass Seilbahngondeln, Tal- wie Bergstationen in erster Linie zweckorientiert gebaut werden sollten.

Talstation Carmenna

 

Doch Funktionalität und Schönheit müssen sich nicht zwangsläufig ausschliessen. Das haben die Arosa Bergbahnen (Graubünden) bewiesen und für die bauliche Konstruktion der Sesselbahn "Carmenna" im Rahmen des "Swiss Mountain Awards 2010" den Sonderpreis für Gestaltung und Architektur gewonnen. "Neben der technischen Realisierbarkeit haben wir beim Bau der Anlage eine möglichst einzigartige Architektur angestrebt und dennoch maximal auf das Landschaftsbild Rücksicht genommen", erläutert Philipp Holenstein, Leiter Administration und Verkauf bei den Arosa Bergbahnen.

 

 

Herausgekommen ist ein für die Jury des "Swiss Mountain Award" absolut gelungenes Wechselspiel zwischen den verschiedenen Gebäuden und der natürlichen Umgebung. Der Bau der Architekten Bearth, Deplazes und Ladner setze ein "markantes aber nicht lautes" Zeichen, heißt es in der Laudatio.

Bergstation Carmenna Aussensicht

 

Die Pflege einer nachhaltigen Architektur bleibt bei den Arosa Bergbahnen auch künftig ein wichtiger Teil der Strategie. Das gilt ebenfalls beim Neubau des Bergrestaurants Weisshorngipfel, der heuer in Angriff genommen wurde. "Wir wollen den Bau so gestalten, dass er am Berg eine nachhaltige Wirkung entfalten kann", sagt Holenstein. Damit verbunden seien natürlich Zusatzkosten gegenüber einer Standardlösung "ab Stange".

 

Im Cabrio auf den Berg schweben

 

 

Neben einer extravaganten Architektur für feste Bauten lassen sich einzelne  Bergbahnunternehmen auch für ihre Transportkabinen ganz besondere Spezialeffekte einfallen. Als Pionierleistung gilt etwa die neue "Cabrio-Bahn" der Stanserhorn-Bahn in der Zentralschweiz. Die schwebende Kabine soll fast vollständig aus Glas bestehen und den Fahrgästen auf einem "Oberdeck" unter freiem Himmel eine atemberaubende Aussicht bieten. Wenn alles nach Plan laufe, werde die neue Cabrio-Bahn im Mai 2012 als Weltneuheit in Betrieb gehen, sagt der Bergbahndirektor Jürg Balsiger. Eine ähnliche Glaskabine, allerdings geschlossen, verkehrt bereits für die Seilbahn Engelberg-Brunni. Eine prächtige Rundsicht für alle Fahrgäste auf das Alpenpanorama inklusive.

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