Sieben Uhr morgens, hoch über Garmisch-Partenkirchen: „Di-tám, dada-dada tá-ta, …“, swingige Musik tönt ins Hüttenlager hinauf. Dann ruft eine Männerstimme mit bayerischem Dialekt: „Guten Morgen! S‘Kaffee- und Teewasser is fertig, es Wetter is schee.“ Kurz darauf klettern die ersten Gäste gähnend aus den Schlafsäcken, draußen wärmen die ersten Sonnenstrahlen das Wettersteinmassiv. Für Hans Bader beginnt einer der letzten Tage im Oberreintal, bevor er „seine“ Hütte winterfest macht und schließt.

 

„Ich bin Wart, nicht Wirt“, betont der große, breitschultrige Kerl mit den brünetten Locken. Dabei rollt er das „r“, wie es sich für einen gebürtigen Garmischer gehört, und spielt auf das Selbstversorger-Prinzip an, das bei ihm gilt. Legendär ist das Abendessen-Ritual: Jeder Hüttengast legt bis 19 Uhr seine Packung Nudeln neben den Herd. Gegen einen kleinen Obolus kocht Hans sie dann alle in einem Riesentopf. Mit einem kräftigen Schlag auf den Küchentisch öffnen seine kräftigen Hände nacheinander alle Spaghetti-Packungen und lassen sie fächerförmig ins heiße Wasser fallen, dazu gibt’s Gemeinschafts-Soße. Im letzten Winter bewirtschaftete der studierte Bauingenieur auch noch die Stuibenhütte. Nun, wo Tochter Afra da ist, wird er die Wintermonate seit langem wieder im Tal verbringen.

Stuiben

Die kleine Stuibenhütte auf 1640 m liegt ganz in der Nähe der Pisten des Garmischer Skigebiets. Sie ist beliebter Stützpunkt für Tourengeher und Familien. Direkt vor der urigen Hütte befinden sich Skitourenziele wie der Hohe Gaif und Hochblassen oder die markante Ostflanke der Alpspitze und natürlich der Hausberg, der Stuibenkopf. Auch Einsteiger können hier ihre ersten Spitzkehren auf Fellen wagen. Besonders fein sind die Touren für Spätaufsteher oder, wenn es weiter unten an Schnee mangelt. Dann nämlich genießt man nach relativ kurzem Aufstieg zuerst die freien Gipfelhänge, um weiter unten auf der Piste ins Tal zu carven.

 

Zu Hans‘ Ex-Winterquartier geht’s mit der Bergbahn zunächst aufs Kreuzeck; nach ein paar Schwüngen über die Bernadeinhänge fellt man an und ist in 30 bis 45 Minuten bei der Alpenvereinshütte. Ist die Spur sauber eingetreten, kommt man auch zu Fuß gut hin. 30 Lager sind am Wochenende oft schnell voll, unter der Woche ist’s meist gemütlich. „Wenn du nicht am Stuibn übernachten willst, musst‘ die letzte Bergfahrt des Bernardeinlifts erwischen“, warnt Hans. Sonst drohen 300 Meter Gegenanstieg.

 

Seit seiner Jugendzeit kennt der 48-jährige Oberbayer die Berge hier in- und auswendig, der Vater war Bergführer. Nach dem Studium an der TU München arbeitete er für ein großes Bauunternehmen. „Dann kam der Punkt, wo ich von Baustelle zu Baustelle hätte müssen, um vielleicht Karriere zu machen“, erzählt Hans und zieht an der selbst gedrehten Zigarette. Dazu hätte er der Heimat den Rücken kehren müssen, denn hier gebe es außer im Tourismus ja kaum qualifizierte Arbeitsplätze. „Ich wollte aber nie weg aus Garmisch“. Also wurde er vor elf Jahren Hüttenwart. „Woascht scho‘ (weißt du)“, sagt er gerne.

 

Doch eigentlich ist Hans Bader nicht nur Hüttenwart, sondern Tausendsassa: Bergfex, begeisterter Kletterer, fit in regenerativer Energieversorgung und … Erfinder. Hans tüftelt gerne, quasi als Ausgleich. „Neun Monate im Jahr bin ich in den Bergen inmitten der Natur, das ist sehr schön. Aber es ist ein sehr einfaches Leben und geistig nicht besonders ergiebig“, meint er schmunzelnd. Als intellektuelle Herausforderung widmet er sich am liebsten seinem ruckXbob.

 

RuckXbob = Rucksack + Bob. Beim Klettern vor 15 Jahren, als er mit seinem Rucksack über ein Altschneefeld flitzte, kam ihm die Idee für den tiefschneetauglichen Bob. Das X von ruckXbob steht für Cross (Country), seine Erfindung ist eine Kreuzung aus Rucksack, Schlitten und Kunststoff-Bob. Auf der Sportartikelmesse ispo gewann er 2005 damit sogar den Innovationspreis. Durch eine große Öffnung kann man den Kunststoffkörper mit Brotzeit und Ausrüstung füllen, dank Trage-System eines deutschen Rucksackherstellers lässt er sich bequem mitnehmen.

 

Beim Thema ruckXbob gerät Hans ins Schwärmen. Immer wieder gebe der Bob neue Aufgaben auf: Technische Skizzen anfertigen, die ideale Kunststofftechnik finden, Internet-Seiten programmieren, Modell basteln, fotografieren. Käufer seien vorwiegend bergerfahrene Leute oder Rodelverleihe. Schließlich habe sich schon herumgesprochen, wie robust Hans‘ Werk ist. Letzten Winter brachte er nun ein neues zweisitziges Modell heraus. „Touren mit  dem ruckXbob sind eigentlich schon eine neue Sportart, aber erst der auf Abfahrt getrimmte Freeride zielt auf den Massenmarkt“, schwärmt er, während seine blauen Augen das Panorama scannen.

 

Überhaupt wünscht Hans sich mehr Phantasie, was man am Berg so machen kann. Mit so manchem Trend ist er deshalb nicht glücklich und meint kopfschüttelnd: „Skitourengeher, die lieber massenweise Pisten hochrennen, als einmal etwas Neues auszuprobieren...“ Nachdenklich streicht er über seinen Fünftagebart. „Innovation kommt vom freien Kopf“, sagt er schließlich.

 

 

 

Weitere Infos:

 

 

Hans Baders Hüttenseiten

ruckXbob