OnTheSnow: Die FIS will in der Weltcupsaison 2012/13 ein neues Sicherheitsreglement in Kraft setzen, das längere Ski und grössere Kurvenradien vorsieht. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

Russi: Die neu vorgesehenen Spezifikationen sind das Resultat langjähriger Studien zu Unfallursachen. Meinungen von Athleten, Trainern und Experten wurden umfassend darin berücksichtigt. Dazu wurden Testserien durchgeführt,  bei denen sowohl die Industrie als auch die Athleten hautnah dabei waren. Das Ziel ist klar: Weniger Aggressivität und Eigendynamik im Ski. Ich unterstütze die Maßnahmen.

OnTheSnow: Es gibt aber auch Widerstand. Skistars wie der Amerikaner Ted Ligety gehen auf die Barrikaden und fürchten, dass der Skisport durch solche "Rückschritte in die Steinzeit" ruiniert werde. Verstehen Sie ihn?

Russi: Die Reaktion verstehe ich sehr gut. Alle, die etwas vom Ski-Bau verstehen, wissen aber, dass auch unter Berücksichtigung der neuen Richtlinien Modelle gebaut werden, die attraktiven Rennsport bieten. Natürlich stellt sich die Frage, was attraktiv ist und was nicht. Das Hochgefühl der Athleten bei einem geschnittenen Schwung ohne Rutschphase kann ein Außenstehender gar nicht nachvollziehen. Ligety ist ein begnadeter Carver, deshalb verstehe ich seine Sorge.

OnTheSnow: Geschützt werden sollen also die weniger talentierten Fahrer?

Russi: Nein, genau das Gegenteil ist der Fall. Je schwieriger ein Sportgerät zu meistern ist; desto besser muss der Sportler sein. Auf schwierigen Pisten wie Adelboden oder Alta Badia haben fast alle Fahrer ihre Probleme. Dort sind Schwünge ohne Rutschphasen an gewissen Stellen nicht möglich. Ich beobachte, dass sich immer mehr Spitzenfahrer mit dem neuen Material auseinandersetzen und erkennen, dass die getroffenen Massnahmen in die richtige Richtung gehen.

OnTheSnow: Kann die Sicherheit der Skifahrer nicht auch anders verbessert werden?

Russi: Die totale Sicherheit gibt es im Ski-Rennsport nie. Verbesserungen werden täglich angestrebt und auch umgesetzt. Ich denke an die Kursetzung, die Struktur der Torflaggen, Sicherheitsvorkehrungen wie Netzkonstruktionen oder die Qualität der Helme und Anzüge. Aber die Eigendynamik der Ski wurde etwas zum Bumerang.

 

Russi

Bild: Bernhard Russi inspiziert, wie der Pistenbau in Sotschi verläuft: Foto: Tages-Anzeiger

 

OnTheSnow: Können Sie als Pistenbauer etwas zur Fahrersicherheit beitragen?

Russi:  Ja, das kann ich. Pisten sollen einerseits die Sicherheit gewährleisten, anderseits aber anspruchsvoll bleiben.  Das ist gar nicht so einfach. Auf einer bewusst unruhig konstruierten und präparierten Piste wird der Speed automatisch gedrosselt, weil teilweise aufrechter gefahren werden muss und der geschnittene Schwung immer wieder unterbrochen wird. Der Ski ist ständig in Bewegung, was mehr Konzentration und Können erfordert.

OnTheSnow: Geht mit sinkenden Tempi nicht das Spektakel und ein wichtiges Marketingargument für den Weltcup verloren?

Russi: Überhaupt nicht. Wenn die Athleten in den Kurven etwas mehr aufwenden müssen, dann werden wir vermehrt technische Unterschiede sehen und mehr Fehler erkennen können. Auf solchen Strecken setzen sich dann eben wirklich nur die besten Fahrer durch, was im Sinne des Sports und des Spektakels ist.

OnTheSnow: Das heißt: Sie wollen die Qualität der besten Fahrer herausfordern und gleichzeitig die Sicherheit der schwächeren Fahrer schützen?

Russi: Das trifft etwa den Kern und muss das Ziel sein, um die Attraktivität des Ski-Weltcups aufrecht zu erhalten. Nochmals: Die Gefahr ist nicht erstrebenswert. Aber einen Skirennsport ganz ohne Gefahr gibt es nicht.

OnTheSnow: An welchen Pistenbau-Projekten arbeiten Sie zurzeit?

Russi: Das sind einige. Im Vordergrund stehen natürlich die Pisten für Olympia 2014 in Sotschi. Aber auch für Olympia 2018 in Gangwon-Korea bin ich bereits aktiv sowie in einige Vorprojekte von Olympiakandidaturen 2022 involviert.

OnTheSnow: Wie sieht es mit Ihren Pistenbau-Diensten für die beiden nächsten Ski-Weltmeisterschaften in Schladming 2013 und Vail 2015 aus?

Russi: Hier sind meine Dienste nicht mehr nötig. Diese Pisten bestehen bereits und müssen weder angepasst noch ausgebaut werden.

 Russi Olympia

 

Bild: Russi auf seiner Pistenbaustelle in Sotschi. Foto: Tages-Anzeiger

OnTheSnow: Darf von Bernhard Russi bald wieder eine revolutionäre neue Piste erwartet werden?

Russi: Eine Piste kann nur so innovativ und revolutionär sein, wie es der entsprechende Berg erlaubt. Je attraktiver also der Berg ist, desto weniger bedarf es verrückter Ideen wie zum Beispiel die "Rattlesnake" in Beaver Creek 1989.

OnTheSnow: Neben dem Pistenbau arbeiten Sie für das Schweizer Fernsehen und sind Werbeikone für diverse Unternehmen. Was macht Sie so begehrt?

Russi: Das müssen Sie eher die andere Seite Fragen. Meinerseits bin ich stolz, mit Partnern und Produkten zu kooperieren, für die ich authentisch einstehen kann. Fernsehen macht mir einfach einen Riesenspass. Im Moment erst recht, wo unsere Schweizer Fahrer fast immer um den Sieg mitfahren.

OnTheSnow: Außerdem kooperieren sie eng mit dem ägyptischen Milliardär Samih Sawiris, der in ihrer Heimat Andermatt ein gigantisches Tourismusprojekt baut. Sind Sie vom Nutzen des Projekts für die Region felsenfest überzeugt?

Russi: Ja, das bin ich auf jeden Fall. Den Zweiflern möchte ich gerne die Gegenfrage stellen: Wie sähe die wirtschaftliche Zukunft für die Region aus, wenn dieses Projekt nicht umgesetzt würde?

OnTheSnow: Haben Sie keine ökologischen Bedenken?

Russi: Ökologie ist ein sehr weiter Begriff. Gebaut wir nach den neuesten Richtlinien und Wissenschaften. Überall wo gelebt und gearbeitet wird, müssen gewisse Kompromisse eingegangen werden. Das neue Resort ersetzt den Waffenplatz und dessen Arbeitsplätze. Das Gelände wurde unter großen Anstrengungen von Altlasten gesäubert. Das gleiche gilt für die geplante Verbindung des Skigebietes in Richtung Oberalppaß. Auch dieses Gebiet wird von einer Militärnutzung in eine Freizeit- und Skigebietszone umgewandelt. Ich sehe nicht, was dagegen spricht.

INFO ZUR PERSON

 

 

Der heute 63jährige Bernhard Russi war als Skirennfahrer in den 1970er Jahren Olympiasieger und Weltmeister in der Abfahrt. Ferner gewann er zehn Weltcuprennen und zweimal die Weltcup-Disziplinenwertung in der Abfahrt. Heute entwirft und baut der in Andermatt im Kanton Uri aufgewachsene Innerschweizer Pisten für den Skirennsport, ist Co-Kommentator im Schweizer Fernsehen und Werbebotschafter für zahlreiche Unternehmen. Der Vater von zwei erwachsenen Kindern spielt in der Freizeit Golf und klettert auf Berge. Als Athletenbotschafter unterstützt Russi zudem die Entwicklungshilfeorganisation "Right to Play" und ist Mitglied im Förderverein des Hilfswerks "Kinder in Not".