Der Schweizer Pirmin Zurbriggen, Allzeitgröße im alpinen Skirennsport, verrät OnTheSnow die Geheimnisse seines Erfolgs auf und abseits der Skipiste und weiß, warum die Schweizer Skirennläufer auf der Überholspur sind.

OnTheSnow: Herr Zurbriggen, Sie werden bis heute als einer der besten Skifahrer aller Zeiten verehrt. Denken Sie oft an ihre größten Erfolge zurück, etwa die zwei Goldmedaillen bei der legendären WM im Bormio 1985?

Zurbriggen: Obwohl das schon sehr weit zurückliegt, bleibt die Erinnerung erhalten. Das hat auch damit zu tun, dass ich im Alltag immer wieder auf diese Zeiten angesprochen werde. Zudem bin ich dem Skisport nach meiner Aktivkarriere treu geblieben und noch immer häufig auf der Piste. Zum Beispiel mit meinen fünf Kindern. Da kommt der Rennfahrer Pirmin Zurbriggen in bestimmten Situationen schon wieder zum Vorschein, was die Erinnerung an früher wach hält (schmunzelt, Anm.).

OnTheSnow: Einige Leute in der Schweiz nennen Sie den Roger Federer des Skisports.  Wie schätzen Sie Ihre Leistungen im Vergleich zu seinen ein?

Zurbriggen: Na ja, dieses Kompliment schmeichelt mir zwar, ist aber doch etwas übertrieben. Die Leistung von Roger Federer, der seit einigen Jahren an der absoluten Weltspitze mitspielt, ist höher einzuschätzen als meine damalige Skikarriere. Man kann zwar Tennis nicht unbedingt mit Skifahren vergleichen. Aber für mich ist klar: Roger ist unumstritten der grösste Sportler, den die Schweiz jemals hervorgebracht hat. Er ist sogar einer der Top-Weltsportler.

OnTheSnow: Die Bewunderung für Sie ist in der Schweiz dennoch riesig. Sie gelten als Symbol für die Zeit, als man die Österreicher auf den Pisten noch dominierte. Warum ist das seit Jahren nicht mehr so?

Zurbriggen: Es wurden damals als direkte Konsequenz des Erfolges Fehler begangen. Dass die Schweiz in den 80er Jahren so viele Topathleten hervorbrachte, ging auf ein relativ breites Selektionsverfahren in den 70er Jahren zurück. Aus unverständlichen Gründen wurde just in der Zeit, als man die Früchte dieser Arbeit ernten konnte, ein Strategiewechsel vollzogen. Man wollte alles noch besser machen und forderte noch mehr Leistung von den Athleten. Gleichzeitig wurde es aber versäumt, die Trainingsbedingungen im Sinne einer Vereinbarkeit mit Schule und Ausbildung zu verbessern. So gingen der Schweiz die Talente aus. Im Gegensatz zu Österreich, wo man diese Strukturen damals aufgebaut hat.

CransMontana

Bild: Pirmin Zurbriggen bei einem Husarenritt während der Ski-WM in Crans-Montana 1987. Foto: RDB/D. Preisig

OnTheSnow: Ist die Fehlentwicklung von damals der Grund, weshalb Sie sich seit Jahren intensiv um den Skinachwuchs in Ihrem Heimatkanton Wallis kümmern.

Zurbriggen: Das war sicher ein Grund, der mich zu diesem Engagement getrieben hat. Es gab aber auch andere: Die Liebe zum Skisport generell und das Bedürfnis, der Jugend etwas von meiner Erfahrung aus dem Weltcup weiter zu geben.

OnTheSnow: Ist das Wallis dank Ihres Engagements heute führend in der Schweizer Nachwuchsarbeit?

Zurbriggen: Ich denke, wir leisten im Wallis seit Jahren gute Arbeit. Wir haben zehn so genannte Stützpunktregionen aufgebaut, wo die Kinder in Absprache mit den lokalen Schulen optimale Trainingsbedingungen vorfinden. In Brig haben wir zudem das erste nationale Leistungszentrum der Schweiz gegründet. Dort können junge Talente das intensive Ski-Training mit einer Matura oder einem Handelsdiplom verbinden. Dieses Konzept funktioniert seit sieben Jahren erfolgreich.

OnTheSnow: Ist Brig das einzige Leistungszentrum dieser Art in der Schweiz?

Zurbriggen: Heute gibt es in Davos und in Engelberg ähnliche Strukturen, wo junge Talente Leistungssport und Schule unter einen Hut bringen können. Diese Einrichtungen sind wichtig für den hiesigen Skisport und haben in den letzten Jahren bereits Erfolge gebracht. Es gibt wieder mehr hoffnungsvolle Schweizer Talente im Weltcup, und wir sind auf gutem Weg, den Rückstand auf die Österreicher aufzuholen.

OnTheSnow: Trotz des Aufwärtstrends sind Sie in diesem Jahr ziemlich überraschend aus dem Präsidium des nationalen Verbands Swiss Ski zurückgetreten. Warum?

 

Zurbriggen: Dieser Entscheid reifte seit längerer Zeit. Neben dem zeitintensiven Amt als Präsident des Walliser Skiverbands fehlte mir irgendwann die Energie, auch auf nationaler Ebene derart stark eingebunden zu sein. Ich beschloss daher, meinen Fokus künftig auf das Wallis zu richten.

OnTheSnow: Wo Sie ganz nebenbei auch noch zwei Hotels führen.

Zurbriggen: Nicht nebenbei, sondern hauptberuflich (lacht, Anm.).

OnTheSnow: Und das erfolgreich. Ihre beiden Betriebe in Saas Almagell und Zermatt stehen in Hotelrankings ganz oben. Gibt es ein Erfolgsgeheimnis?

Zurbriggen: Eine geheime Rezeptur gibt es dafür nicht. Wir versuchen, den Gästen eine qualitativ hochwertige Leistung zu einem angemessenen Preis zu offerieren. Dazu gehören gute Infrastrukturen und vor allem zufriedene Mitarbeiter, die sich um die Gäste kümmern.

OnTheSnow: Profitieren die Hotels auch von Ihrem bekannten Namen?

Zurbriggen: Meine Bekanntheit ist sicher kein Nachteil, aber auch kein Garant für den Erfolg. Der Star ist bei uns das Team. Das war früher in meiner aktiven Zeit als Skifahrer nicht anders. Die Erfolge des einzelnen sind ohne eine starke Mannschaft nicht möglich. In meinen Hotels ziehen alle Mitarbeiter am gleichen Strick. Das spüren die Gäste und fühlen sich deshalb wohl bei uns.

OnTheSnow: Dieses Wohlgefühl hat einen hohen Preis. Fürchten Sie im bevorstehenden Winter keinen Rückgang bei den ausländischen Gästen wegen des starken Schweizer Franken?

HotelierZurbriggen

Bild: Der Hotelier Pirmin Zurbriggen. Foto: RDB/B. Torricelli

Zurbriggen: Die ungünstigen Wechselkurse treffen die Schweizer Hotellerie insgesamt. Trotzdem ist Panik fehl am Platz. Ein höherer Preis ist mit hervorragenden Leistungen durchaus zu rechtfertigen. Das kann und muss jeder Hotelier selbst beeinflussen. Ich sehe da Ähnlichkeiten zum Skisport. Nur wer besonders hart und zielstrebig arbeitet, kann zuoberst auf dem Treppchen stehen.

INFO ZUR PERSON

Der heute 48-jährige Pirmin Zurbriggen aus Saas Almagell im Kanton Wallis gehört zu den erfolgreichsten Skirennfahrern aller Zeiten. In den 1980er Jahren gewann Zurbriggen 40 Weltcuprennen und viermal den Gesamtweltcup. Er hat als einer der wenigen Fahrer Weltcup-Siege in allen fünf Disziplinen erzielt. Bei drei Weltmeisterschaftsteilnahmen gewann er neun Medaillen (vier goldene, vier silberne und eine bronzene), bei Olympischen Spielen je eine goldene und bronzene Medaille. Heute ist Zurbriggen, der fünf Kinder hat, Hotelier und Präsident des Walliser Skiverbandes. Sein jüngere Schwester Heidi Zurbriggen machte ebenfalls erfolgreich Karriere im Ski-Weltcup.