1970, in einer eiskalten Winternacht hoch über Garmisch-Partenkirchen (Bayern, Deutschland): Ein paar schneidige Burschen wetten, wer wohl mit einem Hornschlitten den steilen Weg von der Partnachalm ins Tal rasen würde. Dass aus dieser Stammtisch-Gaudi einmal ein Publikumsmagnet würde, daran dachte damals niemand im Traum. Am Dreikönigstag 2012 werden wieder tausende Zuschauer mitfiebern, wenn Draufgänger in Vierer-Teams auf ihren urigen Holzschlitten über die Rennstrecke rasen. Über 400 tollkühne Frauen und Männer treten beim 43. Hornschlittenrennen um die bayerische Meisterschaft an.

 

Den Bergbauern abgeschaut

 

Seinen Namen verdankt der Hornschlitten den gamsförmigen Kufen. Lange bevor die Schlitten zu zünftigen Rennsportgeräten avancierten, dienten sie Bergbauern als Arbeitsgerät. Sie heißen auch „Schnabler“, „Schalenggen“ oder „Horner“. Damit transportierten sie schwere Ladungen Heu oder Holz über schmale Ziehwege ins Tal. Als die moderne Landwirtschaft Einzug hielt, landeten viele der einst wertvollen Holzgefährte in Schuppen und Heimatmuseen … bis zum Beispiel die Stammtischbrüder in Partenkirchen sie wieder hervorholten. Bei Fackellicht veranstalteten sie das erste Rennen, gestoppt wurde per Hand.

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Bild: Hornschlitten dienten ursprünglich zum Heutransport.

 

Seit 1971 organisiert der Hornschlittenverein Partenkirchen nun die kernige Meisterschaft, den Klassiker in Bayern. Sehr urig ist das immer noch, aber viel professioneller als vor 40 Jahren: Die Rennstrecke ist präpariert und mit Banden gesichert, die Zeiten werden per Computer auf Tausendstelsekunden ausgewertet. Eine Großbildleinwand überträgt jede Kurve, jedes waghalsige Detail. Außer den Schlitten und der Strecke ist noch etwas legendär: Das Draufgängertum der Teilnehmer.

 

Nichts für Angsthasen

 

Als eine der jüngsten wird Katharina Neuner starten, ihr Team hält den Damen-Rekord. „Werdenfelser Schneehas’n“ nennen sich die vier Mädels aus Garmisch-Partenkirchen. Nach Häschen hört es sich jedoch gar nicht an, wenn Katharina von den Prellungen und blauen Flecken, die zum Schlittenrennen einfach dazugehören, erzählt. „Der erste Hang ist so steil, dass es Dir im Sommer bergauf mit‘m Mountainbike das Vorderrad aufstellt“, warnt die gebürtige Garmisch-Partenkirchnerin. Ihr „Ja, i brauch‘ schon den Kick“, klingt nach genau dem Gegenteil von Angsthase.

 

 

Lust auf Adrenalin und eine kräftige Portion Mut benötigen alle „Hornschlittler“. Mit bis zu 100 Stundenkilometern rasen die urigen Gefährte ins Tal, und wer nicht aufpasst, humpelt mit Einzelteilen in der Hand ins Ziel. Rund 25 Prozent Gefälle im Eriestich, die knackig-enge Kurve im Rasseneck und den steilen Zielhang mit Schanze heißt es in Garmisch-Partenkirchen zu meistern. Auf den „Schnablern“ im bayerischen Gaißach, nahe Bad Tölz sausen die Draufgänger zu zweit ins Tal, bei der Schanze am Zielhang fliegen sie bis zu 25 Meter weit. Dazu der 50 Kilogramm schwere, zwei bis drei Meter lange Holzschlitten, ohne verstellbare Kurven, ohne Gummilager, allerdings mit „Tatzen“, den Bremshebeln aus Hartholz-Laminat.

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Bild: Diese Mannschaft hat es ordentlich "zerlegt".

Riskantes Vergnügen

Schweißtreibend ist bereits der Anfang des Rennens: Per Pedes geht es zum Startplatz, die schweren Schlitten werden geschoben. Dort ist zunächst Entspannung angesagt. Es gibt eine warme Suppe, Glühwein und Bier, man plaudert. Dann wird’s spannend. „Am Start oben geht’s jedem gleich“, erklärt Katharina. „Es kribbelt brutal im Bauch, wenn du startest.“ Manchen macht ein Maskottchen oder ein ritueller Schlachtruf Mut. Die vier „Schneehas’n“ vertrauen auf ihre dicke Freundschaft und ihre Betreuerinnen, die notfalls ein Beruhigungsschnapserl einschenken.

Als Jüngste im Team sitzt Katharina an der zweiten Position. Nummer zwei muss beim Anschieben am Start nebenher rennen und als erste aufspringen. Das erfordert gutes Timing: Springt man zu früh auf, kostet das Schwung, zu spät kommt der oder die Letzte vielleicht nicht mehr mit. Die Schlüsselrolle im Team hat – wie bei allen Hornschlittlern – ihre Freundin an der Spitze des Schlittens. „Barbie“ hat die Tatzen in der Hand, damit lenkt und bremst sie ebenso wie mit den Beinen. Das ist Schwerstarbeit und riskant. Erst im Vorjahr landete die zierliche Frontfrau unter dem Schlitten, glücklicherweise ohne schlimmere Verletzungen. Waghalsige Manöver und Stürze gehören einfach dazu.

 Rekordverdächtig

                                               

Gewertet wird, wenn der Schlitten die Ziellinie berührt und alle vier Mann – oder Frau – durch’s Ziel sind. Da kommt es schon einmal vor, dass ein Sturzpiloten-Team den Schlitten in mehreren Teilen ins Ziel trägt. Oder ein anderer mit Tarzanähnlichen Schreien seiner Anspannung Luft macht. Ebenso urig wie die Rituale sind die Team-Namen selbst, die oft nur gute Dialekt-Kenner verstehen. „De wuiden vom Birnbam“, „Edelweißbrocka“ oder „Beira Hundsbuam“ heißen die Teams aus der Nähe. „Ruhrpottexpress“,  „Slowakei Stres“ oder „Brotteröder Flachmänner“ die weiter gereisten.

 

Bei 1 Minute 25 Sekunden liegt der Streckenrekord von den gefürchteten Gaißachern aus dem nahen Isartal. Die Bestzeit der „Schneehasn“ liegt nur 13 Sekunden darüber. Am Dreikönigstag 2012 werden sie sich wieder ins Zeug legen, um ihren Titel zu verteidigen oder sogar den eigenen Rekord zu brechen. Ein Preisgeld von 1000 Euro wartet auf die erfolgreichsten Kufenflitzer im bayerischen Olympiaort. Hals- und Beinbruch!

Cool

Bild: Das Zuschauerinteresse bei den Rennen ist gewaltig.

 

 

Übersicht Hornschlitten-Rennen 2012


Der „Klassiker“ in Bayern: Garmisch-Partenkirchen, 6. Januar, Start um 12 Uhr 30 im Rahmen der Wintersportwoche. Nähere Infos: Hornschlittenverein Partenkirchen e.V.

 

Schnablerrennen Gaißach (Bayern, Deutschland), 15. Januar

St. Peter / Schwarzwald (Deutschland): 29. Januar

Oberwiesenthal (Thüringen, Deutschland), 17. März

Schalenggen-Rennen Pfronten (Allgäu, Deutschland), 18. Februar

Hornerrennen Sibratsgfäll (Vorarlberg, Österreich), Nachtrennen am 17. Februar