Holzski, Schnürskischuhe, Lederhauben, Lodenkleidung und Bambusskistöcke waren am vergangenen Wochenende in Leogang im Salzburger Pinzgau (Österreich) wieder groß in Mode. Der Verein Anno 1900 hatte bereits zum 5. Mal zur Nostalgie-Ski-Weltmeisterschaft geladen. Über 260 wagemutige Starter traten mit bis zu 100 Jahre altem Skimaterial bei Fernlauf und Slalom zum Vergleichskampf im Schnee an. Ein Erlebnis für Teilnehmer und Zuschauer.

Begonnen hatte die Sache vor zehn Jahren mit einem Nostalgierennen im Fasching am Schanteihang in Leogang. Da die Begeisterung bei allen Beteiligten so groß war, entwickelte sich daraus ein "ernsthafter" Bewerb - eine Weltmeisterschaft. Und Leogang hat sich seither zum Zentrum des Nostalgie-Skisports in Europa entwickelt - wobei die Salzburger im Allgemeinen und die Pinzgauer im Speziellen eine besondere Liebe zum Rennsport der nostalgischen Art entwickelt haben. Mittlerweile gibt es eine kleine Serie an Rennen, bei denen sich "die Szene" des Nostalgiesports trifft. Aber über allen Bewerben thront natürlich die Weltmeisterschaft. Auch dieses Jahr war die Beteiligung international: Läuferinnen und Läufer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, aus Slowenien, der Slowakei und Tschechien waren diesmal am Start. Doch der Sieg führte in fast allen Klassen nur über die heimischen Teilnehmer.

Nostalgie-WM

Bild: Die Sicherheitsvariante beim Zielsprung: Diese Dame bevorzugte die Variante um die Schanze...

Und Heimvorteil sollte gerade beim ersten Bewerb der WM zählen. Der Fernlauf vom Asitz: Härteste äußere Bedingungen, Schneesturm, Windböen, minus 10 Grad - aber dafür ein halber Meter frischer Pulverschnee vom Allerfeinsten machten den ersten Renntag zum Erlebnis für alle Starter. Dabei ist der Fernlauf beileibe kein "Spaßbewerb". Schon die nackten Zahlen zeigen, dass bei der Nostalgie-WM ernsthafter Sport geboten wird. Eine Streckenlänge von 3.500 Meter und eine Höhendifferenz von über 1.000 Meter (mehr als die Streif-Abfahrt beim Hahnenkamm-Rennen) allein sind eine ordentliche Leistung - dass der Großteil der Strecke durch unpräparierte Waldpassagen, Tiefschnee, über Wege und Geländekanten führt und zudem mit zwei Aufstiegpassagen gewürzt ist, lässt die Leistungen der Holzskifahrer in einem anderen Licht erscheinen. Die Bestzeit: unglaubliche 12 Minuten und 46 Sekunden, erzielt vom dreifachen Weltmeister Johann Müllauer vom Veranstalterverein Anno 1900, gefahren auf einem Ski ohne (!!!) Stahlkanten. Eine Zeit, die wohl nur wenige, sehr gute Skifahrer mit modernem Skimaterial erreichen könnten. Die beste Dame im Feld: Barbara Müllauer. In 17:15 Minuten ließ sie fast alle Männer hinter sich.

 

Neu gestaltet wurde heuer der Zieleinlauf am Rande des Ortszentrums - eine ideale kleine Arena für die Zuschauer, die den Zielsprung bestens im Blick hatten und so das eine oder andere kleine sportliche Drama hautnah miterlebten. Trotz der harten Abfahrt waren schließlich alle Teilnehmer stolz, die Abfahrt bewältigt und froh, das Ziel ohne größere Blessuren erreicht zu haben...

Nostalgie-WM

Bild: Gut Holz! Hi-Tech-Material der 1920er bis 1950er-Jahre wartet auf den Einsatz.


 

Tag zwei sollte schließlich mit dem Torlauf am Schanteihang direkt im Leoganger Ortszentrum die Entscheidung über die Vergabe der Weltmeistertitel bringen - die Sieger wurden nämlich aus einer alpinen Kombination aus beiden Bewerben ermittelt. Strahlender Sonnenschein, die Postkartenkulisse der weiß überzuckerten Leoganger Steinberge und dazu ein fair gesteckter Kurs, den das Publikum im Zielgelände vom Start bis zum Ziel bestens einsehen konnte und so bei den kleinen und großen Katastrophen mitzittern konnte. Gefürchtet: die Edelweiß-Schanze kurz vor dem Ziel, ein Sprung, über den sich nur die Mutigen wagten und an der es um alles ging: Sieg oder Niederlage, Medaille oder Blech. Stilecht mit Haselnussstangen mit Dreicksflaggen ausgesteckt luden die zahlreichen offenen Tore (genaugenommen: die ausschließlich offenen Tore – die Fairness des Kurssetzers sei hier lobend erwähnt) des Kurses zum Angriff ein, so mancher Starter musste seinem Übermut Tribut zollen und seine Chancen vorzeitig im Schnee begraben. Dennoch: Letztlich setzten sich auch hier die Favoriten durch und konnten die Angriffe der gefährlichen Außenseiter souverän parieren.

 

Die Gesamtbestzeit bei den Herren erzielte Johann Müllauer vom Club Anno 1900, der - wie oben erwähnt - die Basis für seinen Sieg beim Fernlauf legte und sich beim Torlauf mit der zweitbesten Laufzeit den Weltmeistertitel sicherte. Die Tagesbestzeit beim Torlauf holte sich hingegen Sepp Geisler vom Pinzgauer Oldtimerclub - er hatte jedoch auf einen Start beim Fernlauf verzichtet und konnte so nicht in die Titelentscheidung eingreifen. Die schnellste Dame kam natürlich auch vom Veranstalterverein: Barbara Müllauer ließ schon beim Rennen vom Asitz keinen Zweifel an ihren Siegesambitionen aufkommen und verteidigte mit Laufbestzeit beim Torlauf ihren WM-Titel souverän.

 

Übrigens: Nicht alle Titel blieben in Leogang, zwei WM-Trophäen wurden sogar nach Deutschland entführt: Elisabeth Schinko (ASV Piding) siegte in der Klasse +50 und Anja Härtl von der Nostalgieskigruppe TV Geiselhöring in der Klasse -50 ohne Stahlkanten. Die weiteren Weltmeister/innen: Ernst Rohregger (+50 ohne Stahlkante), Julianna Herzog (+50 mit Stahlkante), Anton Herzog (+50 mit Stalkante), Erich Untermoser (-50 mit Stahlkante) - allesamt vom Verein Anno 1900 Leogang. Keine Preise, aber Anerkennung gab es für den ältesten und den jüngsten Teilnehmer: Anton Ully von der Nostalgie Skigruppe Feuerkogel war mit 75 Lenzen der WM-Senior, Sebastian Zeller vom Holzschiclub Grünten im Allgäu mit 17 Jahren das WM-Küken. Apropos Grünten: Die junge Allgäuer Truppe stellte nicht nur die stärkste, sondern auch die stimmungsvollste und lautstärkste Truppe der WM. Für Nachwuchs im Nostalgie-Skisport ist gesorgt.

Nostalgie-WM

 

Bild: So mancher Medaillentraum endete nach einem wagemutigen Sprung im Leoganger Schnee.

 

Aber trotz der Medaillen und der Titel: Der Spaß und die Geselligkeit stehen bei den Ski-Nostalgikern im Vordergrund, im Ziel wie auch bei den Abendveranstaltungen gehts naturgemäß lustig zu. Und - man kennt sich in der Szene. Ein lustiges Volk. Dennoch: wenn der Startrichter das Kommando gibt, erwacht in jedem das Rennpferd...

 

Viel Lob von  allen Seiten gab es übrigens für die Veranstater rund um Anno-1900-Obmann Rupert Grundner. Die Leoganger schufen - unterstützt von Bergbahnen, TVB, Gemeinde, Sponsoren und vielen HelferInnen – ein perfektes Umfeld für eine einzigartige Veranstaltung. 

 

Die nächste Nostalgie-Weltmeisterschaft in Leogang findet in 2 Jahren statt. Aber jetzt zieht der Skizirkus der Nostagiker erstmal weiter - die nächsten Rennen warten schon:

 

Nostalgie-Skirennen "Nostalski" in Zell am See

18. Februar 2012

www.nostalski.com / nostalrad@nostalski.com

 

4. Nostalgie-Skirennen St. Anton am Arlberg

Freitag, 24. Februar 2012

www.skiclubarlberg.at / office@skiclubarlberg.at

 

12. Nostalgie-Skirennen am Feuerkogel
Samstag, 03. März 2012

www.nostalgie-schigruppe-feuerkogel.org

 

14. Nostalgie - Skirennen "Berchtesgadener Charivari"
Samstag, 10. März 2012

www.berchtesgadener-land.info / info@berchtesgadener-land.info

 

19. Nostalgie-Skirennen der Nostalgie-Skigruppe Traisen

"Auf den Spuren von Mathias Zdarsky"

Sonntag, 18. März 2012

www.traisen.com/nostalgieski / mail@nostalgieski.at

 

 

 

 

 

Die WeltmeisterInnen 2012:

 

50 + mit Holzski mit freiem Absatz, ohne Stahlkante:

Schinko Elisabeth, ASV Piding (Zeit 31:11,70)

U 50 Holzski mit freiem Absatz, ohne Stahlkante:

Härtl Anja, Nostalgieskigruppe TV Geiselhöring (Zeit 22:05,20)

50 + Holzski mit freiem Absatz, ohne Stahlkante:

Rohregger Ernst, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 17:07,30)

U 50 m Holzski mit freiem Absatz, ohne Stahlkante:

Müllauer Johann, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 13:21,40)

50 + Holzski mit geschlossenem Absatz und Stahlkante:

Herzog Julianna, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 21:38,40)

U 50 Holzski mit geschlossenem Absatz und Stahlkante:

Müllauer Barbara, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 17:52,40)

50 + Holzski mit geschlossenem Absatz und Stahlkante:

Herzog Anton, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 13:59,60)

U50 Holzski mit geschlossenem Absatz und Stahlkante:

Untermoser Erich, Verein Anno 1900, Leogang (Zeit 17:18,20)

 

Weitere Infos: Nostalgie-Ski-WM