Der seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Österreicher Karl Frehsner ist der erfolgreichste alpine Skitrainer aller Zeiten. Wenige kennen den Weltcup und seine Stars besser als er. OnTheSnow hat er ein Interview gegeben. Er warnt davor, dass das Geld den Skisport in den Hintergrund drängen könnte und kann sich Weltcuprennen auch in Indien und China vorstellen.


OnTheSnow: Herr Frehsner, Sie zu erwischen ist noch immer nicht einfach.

Karl Frehsner: Langeweile kenne ich in der Tat nicht. Ich bin beim Internationalen Skiverband FIS zuständig für Pistenhomologierung und Sicherheit. Daneben sitze ich in mehreren Arbeitsgruppen, und man ruft mich immer dann, wenns irgendwo Probleme gibt. Während andere im Berufsleben stehen, bin ich halt jederzeit abrufbar.

OnTheSnow: Auch Swiss Ski hat Sie auf Mandatsbasis verpflichtet.

Frehsner: Vermutlich, damit ich nicht abgeworben werde (lacht). Bei Swiss Ski bin ich vor allem verantwortlich für Stoffe und Schnitt der Anzüge sowie für die Tests im Windkanal.

OnTheSnow: Wie viele Fahrerinnen und Fahrer beraten Sie noch?

Frehsner: Von den bekannteren sind es Lara Gut und Didier Cuche.

OnTheSnow: Überrascht Sie Cuches Rücktritt auf Ende Saison?

Frehsner: Ich hätte geglaubt, dass er noch einen Winter anhängt. 

OnTheSnow: Was unterscheidet die Stars von heute von jenen der 80er Jahre?

Frehsner: Nichts. Man kann von der heutigen Generation genau so viel verlangen wie von der damaligen; die Leistungsbereitschaft ist mindestens ebenso groß. Die Athleten sind auch nach wie vor bereit,  klare Anweisungen zu befolgen. Dies ganz im Unterschied zum aktuellen gesellschaftlichen Trend, alles zu hinterfragen, zu diskutieren und Vorschriften zu umgehen.

OnTheSnow: Der Vergleich im konditionellen Bereich?

Frehsner: Auch hier gibt es kaum Unterschiede zwischen den Topathleten von damals und heute. Geändert hat sich einzig die Effizienz des Trainings. Dank neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erreicht man heute mit weniger Aufwand mehr.

OnTheSnow: Wie hat sich der Skizirkus verändert?

Frehsner: Alles ist viel professioneller und vor allem kommerzieller geworden. Das Geld spielt eine enorme Rolle. Wir müssen aufpassen, dass der Sport nicht in den Hintergrund gedrängt wird. Verträge und Reglements dürfen nicht mit starrem Blick auf möglichst hohe Werbeeinnahmen abgeschlossen werden. Das gilt auch für die Startzeiten, die ausschließlich nach sportlichen Kriterien festgesetzt werden sollten. Eine halbe Stunde kann entscheidend sein für die Chancengleichheit. Ist diese nicht mehr gewährleistet, können wir aufhören. Auffallend ist auch, dass es heute im Weltcup viel demokratischer zugeht.

OnTheSnow:  Inwiefern demokratischer?

Frehsner: Einst sagten starke Persönlichkeiten wie der Italiener Mario Cotelli, der Franzose Honoré Bonnet oder der Schweizer Adolf Ogi, wo es langgeht. Widerspruch gab es nicht. Heute gibt es keine derart dominanten Figuren mehr. Viele reden mit – und wenn was passiert, ist keiner schuld. 

OnTheSnow: Ihre Meinung zu den Änderungen im Materialsektor?

Frehsner: Ich weiß sehr genau, wie sich das Material in den vergangenen 50 Jahren entwickelt hat. Und ich weiß, dass auf einem gewissen Niveau Kräfte frei werden, denen der menschliche Körper nicht mehr gewachsen ist. Die Forscher kennen diese Grenzen sicher besser als gewisse Fahrer. Deren Angriffe auf die FIS sind nicht bloß ärgerlich sondern auch dumm. Der Verband verfolgt mit den Änderungen nämlich ein eminent wichtiges Ziel: Der Fahrer soll sein Gerät beherrschen und nicht umgekehrt.

OnTheSnow: Ihr Wunsch für den Weltcup?

Frehsner: Er müsste weltumspannend werden. Schnee gibt es nämlich auch in Südafrika, Chile, Russland, China oder Indien. Auch eine Profiliga wäre denkbar. Aber das sind Illusionen. Die Strukturen sind zu festgefahren.

OnTheSnow: Ihre Prognose für den Skisport als Breitensport?

Frehsner: Solange es Schnee gibt, werden die Menschen immer vom Berg ins Tal hinunter fahren wollen. Einfach, weils Spaß macht.

OnTheSnow: Die schönste Erinnerung an Ihre Trainerkarriere?

Frehsner: Die beiden vierfachen WM-Abfahrtstriumphe mit den Schweizer Männern und mit Österreichs Frauen. Ich ging sogar zur Siegerehrung, was ich sonst nie tat.

OnTheSnow: Erzählen Sie uns noch eine von ihren unzähligen Weltcupepisoden.

Frehsner: In Vancouver beobachteten wir einmal, wie die Österreicher im Hotel ihre Mittagessen einzeln aufschrieben und mit ÖSV unterzeichneten. Unser Schweizer Team machte dann exakt dasselbe, einer nach dem andern. Abends fluchte mein Kollege und großer Kontrahent, der österreichische Cheftrainer Charly Kahr, über den horrenden Betrag auf seiner Rechnung fürs Mittagessen. Räuber seien das, Gauner und Halsabschneider. Ich stimmte ihm teilnahmsvoll zu... Und da fällt mir doch gerade noch die Sache mit Peter Müller ein.

OnTheSnow: Welche Sache?

Frehsner: 1984 qualifizierte sich Müller in der Abfahrt von Cortina d'Ampezzo als letzter Schweizer für die gleich darauf folgende Olympia-Abfahrt in Sarajevo. Kurz vor der Abreise präsentierte der Hotelier in Cortina Müller noch die Rechnung für ein Glas Milch. Müller behauptete, nie eine Milch konsumiert zu haben und weigerte sich zu zahlen. Darauf weigerte sich der Hotelier, ihm den Pass auszuhändigen. Ich wurde zwecks Schlichtung vom Berg heruntergeholt, doch Müller blieb hart. Da stellte ich ihn vor die Wahl: Entweder bezahle er die Milch, oder an seiner Stelle fahre der in der Qualifikation gescheiterte Silvano Meli nach Sarajevo. Unter unsäglichem Geheule lenkte Müller schließlich ein. Der Geizkragen hätte wegen ein paar Lire tätsächlich fast die Olympiaabfahrt sausen lassen. Er gewann dort übrigens Silber. 


INFO ZUR PERSON

Der heute 72-jährige Karl Frehsner hat mit seinen Athletinnen und Athleten 53 Medaillen bei Großereignissen wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele gewonnen, 35 davon allein in 17 Jahren als Cheftrainer der Schweizer Männer. Er baute Superstars wie Pirmin Zurbriggen, Franz Heinzer oder Peter Müller auf und löste 1987 in der Skination Schweiz einen beispiellosen Freudentaumel aus, als seine Athleten in Crans-Montana einen vierfachen WM-Triumph in der Abfahrt feierten. 1999 wiederholte Frehsner im US-Wintersportort Vail dieses Kunststück, das sonst noch keinem Trainer geglückt ist, mit den österreichischen Abfahrerinnen. Mit Topathletinnen wie Renate Götschl oder  Alexandra Meissnitzer gewann er in fünf Jahren weitere 18 Medaillen bei Großereignissen. 2004 erschien seine Biographie "Der Wille allein entscheidet".