Ein enthusiastisches Starterfeld nimmt jedes Jahr am ersten Wochenende im Februar an einem der attraktivsten Volkslangläufe Mitteleuropas, dem Lauf von Toblach nach Cortina in Italien, teil. Ein Großteil der Strecke verläuft am Bahndamm der Eisenbahntrasse, die bis 1963 den heutigen Startort mit dem Olympia- und Wintersportort verband. Weil das Rennen auf einer landschaftlich äußerst abwechslungsreichen Loipe stattfindet, habe ich mir heuer aus dem großen Angebot der Veranstaltungen diesen Lauf ausgewählt, um meine sportliche Form unter Beweis zu stellen und dabei die eindrucksvollen Szenerien der Dolomiten zu genießen, auch ganz im Sinne der „Spuren früherer Ereignisse“.

Der Lauf, an dem etwa 1.200 Langläufer aus 15 -20 Nationen teilnehmen, wird an 2 Tagen ausgetragen. Der Samstag steht ganz im Zeichen des Skatingstils. Das Teilnehmerfeld startet im Sportzentrum Fiames 4 km nördlich von Cortina und läuft auf der 30 km langen Strecke bis ins Langlaufstadion von Toblach. Die weltcuperprobte und äußerst professionell angelegte Nordic Arena bietet das Ambiente für den Zieleinlauf. Dabei genießen die Läufer die letzten Meter auf jener Zielgeraden, auf der jedes Jahr Anfang Jänner im Rahmen der Tour de Ski die Zielsprints der Weltelite ausgetragen werden.

Am Sonntag wird der Spieß umgedreht und die Ski werden gewechselt. Der Start befindet sich nun auf dem Flugfeld von Toblach, und die Läuferinnen und Läufer schnallen die klassischen Ski an. Mit einer Schleife rund um Toblach, einer weiteren im Verlauf der Strecke und mit dem Ziel unmittelbar vor dem Kirchturm von Cortina d’Ampezzo verlängert sich die Strecke auf die klassische Marathondistanz von 42 km. Natürlich kann an beiden Tagen gestartet werden, und es gibt eine Kombinationswertung aus beiden Ergebnissen.

Befassen wir uns nun ausführlich mit dieser Loipe, die den Vorschusslorbeeren mehr als gerecht wird.

Wir bereiten uns an einem klirrend kalten Morgen in Toblach bei – 15°C, stumpfem Schnee und leichter Bewölkung auf den Start vor. Es herrscht die stets prickelnde Atmosphäre, die alle Läufer bei einem Massenstart in Aufregung versetzt. Wie eine Herde ungeduldiger Rennpferde werden die mit Hartwachs präparierten Ski in den Spuren gewetzt, und pünktlich im 10 Uhr fällt der Startschuss.

 Zuerst braust das aus 560 Teilnehmern bestehende Feld 2 km Richtung Innichen los, um schon die ersten Positionen zu beziehen, denn eine schmale Unterführung ist zu bewältigen, die uns unter der Pustertalbahn auf die südliche Talseite bringt. Retour nach Neu-Toblach durchqueren wir auf den als Loipe präparierten Straßen den Ort und kommen an einer alten Remise der Ampezzaner Bahn vorbei, deren aufgelassenen Damm wir bald unter die Ski nehmen werden. Nach 5 Kilometern passieren wir die Nordic Arena von Toblach und haben kaum Zeit, einen Blick auf das futuristische Gebäude zu werfen.

Toblach

Bild: Eine grandiose Bergkulisse säumt die Strecke. Foto: Cometapress

 

Gleich danach biegen wir auf die alte Bahntrasse ein und bemerken noch kaum die geringe, aber stetige Steigung, die von den Triebwagen zwischen 1921 und 1963 viermal täglich bewältigt wurde. Man hatte die Bahnlinie teilweise aus Kriegsgründen angelegt, um das Südtiroler Pustertal mit dem Belluno zu verbinden. Die Olympischen Spiele 1956 in Cortina brachten einen Aufschwung für die Bahn, die bis Calalzo am Lago di Cadore führte und fast 65 km lang war.


Schnell ist der idyllische Toblacher See erreicht. Der Wald tritt zurück und kurz hat man Gelegenheit, die bizarre Gebirgsszenerie am Eingang zum Höhlensteintal zu genießen. Zur Linken ragen die Sextener Dolomiten auf, zur Rechten begleiten die Felsstöcke der Fanesdolomiten die enge Talung. Nach dem See folgt eine herrliche Loipenpassage, die sich mit sanften Schwingungen durch den Wald windet. Wir erreichen die erste Verpflegungsstelle beim Soldatenfriedhof Nasswand (Sorgenti).


Wenig später passieren wir die Festung Höhlenstein aus dem ersten Weltkrieg, der wir kaum Aufmerksamkeit schenken können. Denn die Loipe hat die Bahntrasse für einige Kilometer verlassen, um ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Stück mit Anstiegen und Abfahrten an der westlichen Talflanke zu absolvieren. Wir queren den tief verschneiten und wasserlosen Bach, danach geht es unter der Staatstraße hindurch auf eine weite Wiese, wo die nächste Labestation auf uns wartet.


Eine Schleife führt auf die Bahntrasse zurück, und wenig später erreichen wir den Dürrensee, der zugefroren und nicht sichtbar ist. Dafür erhaschen wir durch einen Taleinschnitt einen famosen Blick auf die Drei Zinnen, der trotz gewisser Atemlosigkeit wegen der konstanten Steigung einige Emotionen auslöst. Immerhin sind wir bereits 18 km unterwegs und nähern uns mit intensiven Stockschüben und langen Schritten allmählich dem Gemärk oder Passo Cimabanche. So wird die Region rund um die höchste Stelle der Bahn- und Loipentrasse bezeichnet, die immerhin auf 1550 m Seehöhe und damit 330 m höher als der Start- und Zielort liegt. Zuvor ist noch eine Schleife durch die Gebirgswälder nördlich des Passes zu durchlaufen, ehe wir auf den letzten 4 km bis zum Pass entlang von alten Steinmauern und Viadukten der Bahnstrecke den Kulminationspunkt erklimmen.


Das alte Bahnhofsgebäude samt Kiosk zum Einkehren kennzeichnet die Passhöhe. Für eine Rast haben wir jedoch keine Zeit, denn von nun an geht’s bergab. Vom Gemärk aus, das gleichzeitig auch Provinz- und Sprachgrenze ist, zieht die alte Bahntrasse nun mit stetem Gefälle dem Olympiaort Cortina entgegen. Noch warten 17 km auf uns, die ebenfalls an landschaftlichen Reizen nicht geizen. Die ersten Kilometer wirken eher flach und lassen nur bei schnellem Schnee, der derzeit nicht herrscht, eine rasante Abfahrt zu. Nach dem Passieren der alten Staatsgrenze zwischen der Donaumonarchie und Italien mit dem klingenden Namen „Dogana Vecchia“ und dem Weiler Ospedale befinden wir uns hoch über dem wildreichen Valle d’Ampezzo.


Gleich nach dem alten Bahnhofsgebäude von Ospedale folgt unerwartet eine Besonderheit dieses Laufs, ein alter Bahntunnel, der zum Durchlaufen mit Kunstschnee präpariert wurde. Dies ist eine der 10 Tunnelstrecken, die heute noch komplett erhalten und in die zu Sportzwecken verwendete Route eingebaut sind. Der firnige Schnee lässt die Ski ein wenig schneller laufen und führt uns direkt auf die alte Eisenbrücke hin, die das Ampezzaner Tal quert. Ab nun laufen wir an den Osthängen des Tales und kommen gleich zu einem weiteren, längeren Tunnel. Um die Orientierung nicht zu verlieren, hat man ihn künstlich beleuchtet. Danach queren wir weite Schutthänge, die bereits Blicke auf die Ampezzaner Dolomiten freigeben.

Die herrliche Streckenführung durchschneidet die mit Latschen und Föhren bewachsenen Hänge. Das Tal weitet sich und lässt leicht südliche Gefühle aufkommen. Der Schnee wird etwas weicher, die Luft erwärmt sich zusehends, und die Sonne umfängt die wunderbaren Blicke auf das Talbecken von Cortina mit der Tofana. Eine rasante Loipenführung mit Kurven bringt uns zum Sportzentrum Fianes und läutet die letzten fünf Kilometer ein. Ein kurzer Gegenanstieg auf welliger Loipe, dann haben wir den Nordrand des Olympiaortes erreicht und mobilisieren die letzten Kraftreserven. Die alte Bahntrasse zieht idyllisch durch Bergwiesen an den ersten Häusern vorbei und mit kräftigen Schüben passieren wir schon den Ortskern im Blick den Kilometer 41.

Toblach

Bild: Einlauf der Skater ins Zielstadion von Toblach. Foto: Cometapress


Eine steile Abfahrt leitet zur Hauptstraße des noblen Wintersportortes hinab, die komplett mit Schnee zu einer breiten Loipe umfunktioniert wurde. Die letzten 600 Meter sind von den Häusern und Geschäften flankiert, und beim Zielsprint für den Zielsprint bildet der Kirchturm von Cortina die Kulisse. Dann ist es geschafft, die 42 Kilometer enden nach knapp zweieinhalb Stunden am Hauptplatz von Cortina.


Mädchen und Burschen in Ampezzaner Tracht verteilen die Erinnerungsplakette, Tee und Tücher zur Erfrischung. Ich schnalle die Ski ab, um den kleinen Zielraum zu verlassen und stehe unvermittelt auf der Fußgängerzone inmitten von noblen Geschäften und gut gekleideten Winterurlaubern.  Das mondäne Flair bietet einen bizarren Kontrast zur sportlichen Anstrengung der 42 km zuvor, doch der Zieleinlauf im Ortszentrum stellt für mich ein besonderes Highlight der ohnedies schon ereignisreichen Strecke dar.


Den Spuren der ehemaligen Dolomitenbahn während dieses Volkslanglaufs zu folgen, hat sich gelohnt, die Strapazen sind durch die landschaftlichen und sportlichen Erlebnisse in Windeseile verflogen. Trotz der Kälte und den schwierigen Schneebedingungen war es ein sehr schönes und lohnendes Rennen, das ich gerne nächstes Jahr wiederholen möchte, dann vielleicht im Skatingstil.


Doch schon im Frühjahr komme ich wieder, denn dann findet auf derselben Strecke der Cortina-Dobbiaco-Run statt, ein Straßenlauf über 30 Kilometer.