Was Tischlern als Werkstoff für heimelige Stuben dient, benutzt er – man möchte beinahe sagen „zweckentfremdet“ – zur Herstellung eines Sportgeräts. Der junge Tiroler Sebastian Strobl baut bei sich zu Hause in Ladis im Tiroler Oberinntal (Österreich) Ski aus Zirbenholz. Seine Eigenmarke „Ziarmrocker“ hat ihre Feuertaufe auf Schnee schon bestens bestanden.

Heute ist perfektes Flugwetter. So gesehen müsste ich Sebi Strobl eigentlich irgendwo am Himmel entdecken, als ich Ende August von Ried auf das Sonnenplateau von Ladis, Fiss und Serfaus hinauffahre. Gleitschirmfliegen zählt nämlich zu Sebis liebsten Hobbys - neben dem Skibauen. Heute geht er freilich nicht in die Luft, sondern will mir seinen „Ziarmrocker“ zeigen, den Ski aus Zirbenholz, den er in Handarbeit gefertigt hat. So treffe ich ihn vor der Schnitzwerkstatt seines Vaters in Ladis. Die hat er kurzerhand in eine Skimanufaktur verwandelt – vermutlich in die kleinste der Welt.

 

Begonnen hat die Geschichte des „Ziarmrockers“  in Lech am Arlberg. In einem Sonnenstuhl ruhend hat Sebi, der nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann noch eine Lehre als Skibauer bei Stöckli in der Schweiz erfolgreich absolviert hat, seinen Gedanken freien Lauf gelassen. „Es müsste doch möglich sein, in Eigenregie einen Ski zu herzustellen“, überlegte er. Der Tiroler fackelte daraufhin nicht lange. In der Werkstatt seines Vaters konstruierte er wenig später eine einfache Skipresse. Die Basis für den "Ziarmrocker" war gelegt.

 

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Nun galt es, die richtige Holzsorte für den Ski zu finden. „Mein Vater meinte, ich solle es doch mit der Zirbe, der Ziarm, wie wir sie nennen, probieren“, erzählt der 26jährige. Kein Wunder, denn Vater Toni arbeitet in seiner Schnitzwerkstatt seit vielen Jahren erfolgreich mit Zirbenholz. Dem Einwand, Zirbe sei zu weich, konterte Vater Strobl lapidar: „Du weißt ja ohnehin nicht, ob es überhaupt funktioniert, probier es einfach!“

So nutzte Sebi im Frühjahr bzw. Sommer 2010 eine berufliche Auszeit und machte vorübergehend sein Hobby zum Beruf. Im Mai begann er damit, das erste Paar Ski zu bauen. Dabei setzte er komplett auf Handarbeit: Das Holz für den Kern selbst ausschneiden, es selbst zusammenleimen, mit einer einfachen Hobelmaschine die Dicke fräsen, mit dem Messer die Seitengeometrie des Kerns schneiden, die Kanten mit der Hand schleifen etc.

 

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Auch die Skipresse ähnelt keinem Modell aus dem Maschinenkatalog für Skierzeuger: Mit Hilfe eines Feuerwehrschlauchs, der auf acht Bar aufgepumpt wird, setzt Sebi darin die „Zutaten“ für den Ski unter Druck, damit sie zusammenhalten. Es hat funktioniert. Fünf Paar „Ziarmrocker“ sind entstanden, Seriennummer 1 war bereits Anfang Juli 2010 fertig.

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„Dieser Ski besteht ausschließlich aus Zirbenholz und ein wenig Fiberglas“, erzählt der junge Tiroler über den Prototyp mit der Seriennummer 1. Der Prototyp – ein Modell zum Freeriden mit Rockershape – kam allerdings nie zum Einsatz. „Er wurde zu hart“, gibt Sebi zu. Aber kein Wunder, standen Strobl doch keinerlei Anhaltspunkte für einen Kern aus Zirbenholz zur Verfügung.

Seriennummer 2 mit Buche im Bindungsbereich, damit die Bindungsschrauben besser halten, und etwas Karbon funktionierte hingegen hervorragend. Nummer 3, ein sportliches Modell mit Zirbenkern, Buche und Karbon entwickelte sich zum persönlichen Lieblingsski von Sebi. Nummer vier, bei dem sich der Tiroler in Sachen Material untreu wurde und einen Eichenkern zum Herzstück machte, entpuppte sich sogar als Siegerski bei einem Rennen. Nummer fünf sollte schließlich ein Pistenski werden, bei dem die Zirbe lediglich zur Verzierung der Oberfläche dient. Das Riesentorlaufmodell mit einem Radius von 21 Metern harrt noch seine Feuertaufe im Schnee. Kein Wunder – fertiggestellt im März 2011 wollte Sebi das gute Handwerksstück nicht auf steinigen Pisten postwendend wieder ruinieren…

„Alle meine Ski sind Rocker, also Modelle, die im vorderen Bereich aufgehen, wenn man sie in der Mitte zusammendrückt“, sagt der Tiroler und schaut grinsend zu einem historischen, rund 100 Jahre alten Paar Ski aus dem Dachboden, das jetzt in der Werkstatt steht – vom Typ her Rocker. Die heute als topmodern und innovativ geltende Rockertechnologie hat in Wahrheit nämlich schon viele Jahre auf dem Buckel.

 

 

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Rund zwei Wochen Arbeit am Abend und an den Wochenenden stecken in jedem Paar Ski des Tirolers. Die Mühen haben sich jedenfalls gelohnt, weil er schon zahlreiche Anfragen von Interessierten bekommen hat, die einen Ziarmrocker kaufen möchten. Dabei hatte sich Sebi bloß zum Ziel gesetzt, herauszufinden, ob er es überhaupt schafft, in Eigenregie und Handarbeit einen Ski aus Zirbenholz zu bauen. Die Anfragen hat er dankend abgelehnt.

Das Interesse hat freilich seinen Ehrgeiz weiter geweckt. So formulierte er das nächste Ziel: Bis 2012 einen Ski für den Verkauf herzustellen. Um Maßanfertigungen mit einem Oberflächenbelag aus Zirbe und bewährtem Sandwichaufbau soll es sich dabei handeln, um Modelle für die Piste.

Deshalb verstärkt inzwischen eine computergesteuerte Fräse Sebis Equipment und wird sein Vorhaben wohl erleichtern. Eine neue Skipresse hat er ebenfalls bereits in Arbeit. Noch in diesem Jahr soll sie fertiggestellt sein. Dann kann die wohl kleinste Skimanufaktur der Welt wieder ihren Betrieb aufnehmen.

 

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Das Bauen von Ski zu seinem Brotberuf machen will Sebi jedoch nicht. Der Spaß soll weiterhin im Vordergrund stehen. Und ausreichend Zeit fürs Gleitschirmfliegen möchte er ja schließlich auch haben.