Mit dem "Check your line"-Infotafelsystem will die Kaunertaler Gletscherbahn in Tirol gemeinsam mit dem risk`n fun Ausbildungsprogramm der österreichischen Alpenvereinsjugend und dem Funktionsspezialisten W.L. Gore Freerider für die Gefahren abseits der Piste sensibilisieren und zu mehr Eigenverantwortung anregen. Unsere Autorin Petra Rapp hat es sich angeschaut.

Einer dieser Traumtage. Blauer Himmel, sehr angenehme Temperaturen und Schnee, wohin das Auge reicht. Der Blick von der Bergstation der Kaunertaler Gletscherbahn reicht weit über den eingeschneiten Alpenhauptkamm. Er zeigt die unendlich vielen, weißen Möglichkeiten, die sich am Kaunertaler Gletscher auftun und das Herz eines jeden Freeridefans sofort höher schlagen lassen. Das Skigebiet hier ist schon seit Jahren zur beliebten Spielwiese für Freerider und Freeskier geworden. Neben 52 Pistenkilometern für verschiedene Ansprüche bietet die Gletscherregion Kaunertal-Fendels einen großen Funpark mit Superpipe und eben unzählige Freeride-Varianten. Und die locken von Jahr zu Jahr mehr freiheitsliebende Offpistler in das mit 2000 Gästebetten doch noch recht beschauliche Tal im Südwesten Tirols. Dort, wo früher lediglich Tourengeher unterwegs waren, tummeln sich heute Freeskier und Snowboarder und wollen vor allem Spaß haben. Neben guten Umsätzen bringen sie, wie in fast allen Skigebieten, aber auch hier Probleme mit sich. "Im allgemeinen sind die jungen Freerider zwar auf den Brettern meist sportlich unheimlich fit, doch nur selten verfügen sie über wirklich gute alpine Erfahrungen oder bringen die entsprechend notwendige Notfall-Ausrüstung mit", erzählt Bergführer Michele Gallonetto. Im Gegensatz zu vielen anderen Bergbahnen, die mit rigorosen Verboten den boomenden Trend weg von der Piste und die damit verbundenen Unfallgefahren unterbinden wollen, geht die Kauntertaler Gletscherbahn einen anderen Weg. "Wir wollen Freeriden nicht verhindern, sondern wollen die Offpistler begleiten und zum eigenverantwortlichen Handeln anleiten", erklärt Stefan Richter, Marketingleiter der Kaunertaler Gletscherbahnen. Gemeinsam mit dem OeAV haben sie deshalb das 'Check your line'-Infotafelsystem entwickelt und entsprechende Inhalte in das risk`n`fun Ausbildungsprogramm der OeAV Jugend, für das Michele arbeitet, integriert. Seit Dezember 2008 begleiten nun vier unterschiedlich positionierte Hinweistafeln den Weg eines Freeriders und Snowboarders ins abseits - vom Lifteinstieg an der Kabinenbahn Karlesjochbahn bis hin zum Ende eines 683 Höhenmeter-Runs am Kaunertaler Gletscher im unvergletscherten Bereich. Auf jeder der Tafeln stehen gezielte Fragen und Informationen zu den vier inhaltlichen Kategorien "Ich - Gruppe - Ausrüstung - Alpin", die zur Sensibilisierung für alpine Gefahren und kritischen Reflexion des eigenen Verhaltens anregen sollen. Dazu gibt es auf jeder Tafel wertvolle Informationen wie die Telefonnummer des Lawinenwarndienstes, Kartenmaterial und ein Panoramabild des jeweiligen Abfahrtsbereichs.

Wir stehen vor dieser ersten Tafel, die uns danach fragt, wie wir drauf sind, mit wem wir unterwegs sind, wie das aktuelle Wetter aussieht und ob wir Sonde, LVS Gerät, Schaufel und ein Erste Hilfe-Päckchen dabei habe. Das können wir alles guten Gewissens beantworten und steigen in den Lift. Oben an der Bergstation auf 3.108 Metern wartet bereits die nächste Tafel mit einem vertieften Sicherheitscheck auf uns, bevor wir uns hier nach einem längeren Ziehweg wirklich ins Gelände wagen können. „Passt die gewählte Variante zur Gruppe?“, ist eine davon. „Gibt es besondere Gefahrenstellen?“ eine andere. Wir überlegen, einige werden ungeduldig, wollen endlich los. „Genau das ist so eine Gefahr“, erklärt Michele: „In der Gruppe kommt es an einem schönen Tag einfach oft zu so einer Eigendynamik, dass viele einfach nur noch fahren wollen und alles andere einfach ausgeblendet wird. Wir können mit diesen Tafeln das Risiko sicher nicht minimieren. Es geht hier nur um Riskio-Optimierung. Alles andere wäre Augenwischerei.“ Mit diesem nochmaligen Appell zur Eigenverantwortung stehen wir jetzt am Ferner Egg, wo es endgültig in den Powder geht. Aber zuvor wartet hier Tafel 3. ICH: Was sagt das Bauchgefühl? GRUPPE: Ist die Entscheidung für alle transparent und nachvollziehbar? ALPIN: Passt die Hanglage zur aktuellen Lawinenwarnstufe? AUSRÜSTUNG: Letzte Chance zum LVS Check? Wir diskutieren die Punkte durch. Michele fordert uns auf, eine Entscheidung zu treffen, ob und wo wir in den Hang einfahren. Wir können uns nicht recht einigen, würden gerne ihn entscheiden lassen. „Das ist genau der Punkt, den wir unseren Schülern in unseren mehrtägigen Ausbildungskursen hauptsächlich vermitteln: die Teilnehmer müssen lernen, selbst Entscheidungen zu treffen. Auch Nein-Entscheidungen. Ich als Bergführer greife in der Regel nur ein, wenn ich muss.“ Wir beschließen also, vom Einstieg loszufahren und genießen den Run in vollen Zügen. Die Gruppe bleibt in regelmäßigen Abständen stehen und Michele zeigt uns besonders markante Gefahrenstellen und Wächten, die uns vorher so noch gar nicht aufgefallen sind. Eine Übung aus der Erlebnispädagogik - Michele ist hauptberuflich Lehrer - soll uns deshalb dabei helfen, im Hang wirklich sehen zu lernen und Dinge wahrzunehmen.

Am Weißsee auf 2.425 Metern dann die vierte und letzte „Check your line“-Tafel. Sie soll der Gruppe noch einmal die Möglichkeit bieten, über den Freeride-Tag zu reflektieren und für das nächste Mal eventuelle Verbesserungen auszumachen. Auch wir überdenken noch einmal einen Tag, an dem wir traumhafte Offpiste-Abfahrten bei besten Verhältnissen genießen durften. Und stellen fest, dass unsere Aufmerksamkeit über die lauernden alpinen Gefahren durch die aufgestellten Tafeln auf jeden Fall verstärkt wurde und wir uns an vielen Stellen viel umsichtiger in die Hänge begeben haben. Wer sich noch intensiver mit den alpinen Gefahren auseinander setzen will, für den bietet risk´n´fun drei aufeinander aufbauende Levels für alle Snowboarder und Skifahrer ab 16 Jahren an. Die Kurse dauern jeweils fünf Tage und werden von einem Bergführer und einem eigens ausgebildeten rnf-Trainer begleitet. Vermittelt werden alle wichtigen alpintechnischen Grundlagen. Außerdem wird intensiv an den verschiedensten Themen zur persönlichen Entscheidungsfindung gearbeitet. Trotz unverspurtem Pulverschneehang, Sonne und eventuellem Gruppenzwang auf sein Bauchgefühl zu vertrauen und auch wirklich Nein zu sagen, braucht nämlich schon eine gewisse Stärke. Stärke, die oft lebensrettend sein kann.