Es gibt nur wenige sportliche Techniken, die sich in den vergangenen 30 Jahren so gewandelt haben, wie die des Skifahrens. Ein Hook-Shot beim Basketball ist immer noch ein Hook-Shot. Ein Spannstoß beim Fußball ist immer noch ein Spannstoß. Im Kugelstoßen gibt es immer noch nur zwei angewendete Techniken, die Drehstoß- und die Rückenstoßtechnik. Doch beim Skifahren ist ein Schwung heute kaum noch zu vergleichen mit einem Schwung aus den 80er-Jahren - das Gefühl bekommt man zumindest, wenn man die Techniken von damals und heute miteinander vergleicht. Dass die Grundelemente aber immer noch die gleichen sind, erklärt Dr. Frank Reinboth, Teamchef des DSV Bundeslehretam alpin und verantwortlich für Ausbildung und Weiterbildung zum DSV Skilehrer und Landesausbilder, in der ersten Folge unseres Themenspecials "Skitechnik".

Skifahren in den 80ern, 90ern und 0ern

Skifahren in den 80er-Jahren war bestimmt von langen Skiern (Herren fuhren grundsätzlich Ski, die über zwei Meter lang waren) mit geringer Taillierung, die mit einer ganz speziellen Technik gefahren wurden. Dies wurde gerade bei kurzen Schwüngen im steilen Gelände oder abseits der Piste deutlich: Um die langen Ski, die zwar eine enorme Laufruhe hatten, aber sehr behäbig zu steuern waren, in die richtige Richtung zu lenken und Kurven zu machen, war die Technik beherrscht von extremen Hoch-Tief-Bewegungen und starken Hüftdrehungen - recht gut zu sehen in diesem Video.

Ausprägungen der Grundtechnik stark verändert

Damals war die Maxime, die Ski und damit auch die Beine und Knie möglichst nahe zusammen zu haben - das hatte aber hauptsächlich stilistische und keine funtkionellen Gründe. Um einen Schwung zu machen, wurde durch eine explosive Hochbewegung das Gewicht von den Ski genommen und diese dann mit Hilfe einer Beindrehung, teilweise sogar mit einem Sprung oder dem typischen Anheben des Innenbeins (Umsteigen), umgekantet. Insgesamt wurde meist ein gedrifteter Schwung gefahren, bei dem die Kanten natürlich für Brems- und Steuerungsmanöver genutzt wurden, aber aufgrund der fehlenden Taillierung nicht geeignet waren, um auf ihnen eine Piste ohne Rutschanteil zu bewältigen. Im Laufe der Jahre, vor allem aber seit der Verbreitung der Carving-Ski in den 90er-Jahren, änderte sich diese Auffassung und Interpretation der "Idealtechnik". Dr. Frank Reinboth vom Bundeslehrteam Alpin erklärt, welche Entwicklungen dafür entscheidend waren: "Skifahren ist einfacher und freudvoller geworden, teilweise auch sportlicher. Dies ist zum einen durch die Veränderung des Materials, als Beispiele kann man den Carving-Ski oder die Bauweise der Skischuhe anführen, aber auch durch die Pistenpräparation und Maschinenschnee gefördert worden."

"Kunstformen werden vermieden"

Aber haben sich auch die elementaren Grundtechniken des Skifahrens geändert? Wird heute komplett anders Ski gefahren als noch vor 20-30 Jahren? "Die Grundstruktur der Bewegungen hat sich nicht geändert: Belastungswechsel von Außenski zu Außenski, Aufkanten zur Erhöhung des Schneewiderdstands, Steuern mit mehr oder weniger Kanten und Verlagerung des Körperschwerpunktes - das alles wird auch heute noch gemacht. Die beobachtbare Form, die Skistellung, die Form der Kurven, der Aufkantwinkel und so weiter, hat sich jedoch deutlich verändert. Die Bewegungen sind funktioneller und damit natürlicher geworden, Kunstformen werden vermieden."

Optimale Bewältigung verschiedener Situationen

Mit den Carving-Ski, die Kurvenfahren mit einem geschnittenen, nur auf der Kante ausgeführten Schwung überhaupt erst möglich machten, hat sich die Skitechnik stark verändert - ohne aber die Grundelemente über Bord zu werfen. Drehen, Kanten, Belasten - diese Elemente spielen heute im Lehrplan des DSV die gleiche entscheidende Rolle wie vor 30 Jahren. In den Skischulen und in der Skilehrerausbildung stehen heute aber meist situative Ansätze im Vordergrund, die darauf abzielen, die grundlegenden Bewegungen in einer technischen Anwendung bei verschiedensten Verhältnissen anwendbar zu machen. Was heißt das konkret? Dr. Frank Reinboth erklärt: "Heute geht es vor allem darum, unterschiedliche Situationen - flache, steile, harte, weiche Piste, planes oder kupiertes Gelände - optimal zu bewältigen. Optimal heißt dabei, dass wir möglichst immer die Ski parallel zueinander führen und unsere Geschwindigkeit sowie die Richtung der Ski immer kontrollieren. Das klingt banal, ist es aber nicht! Das sehen wir selbst im Höchstleistungssport, dass dies nicht immer gelingt."

Rocker-Ski - neues Material = neue Technik?

Der neueste Trend den Pisten der Alpen sind aber nicht der Carving-Ski oder knallharte Boots, sondern Rocker-Ski - denen wir bereits ein eigenes Themenspecial gewidmet haben. Eigentlich wollten wir euch das aktuelle Technik-Leitbild in den nächsten Folgen erklären - aber die Frage drängt sich auf: Lohnt sich das überhaupt? Wird durch die Rocker-Skitechnologie das Skifahren erneut neue technische Ausprägungen erfahren und es neue Lehrwege geben? Wir haben unseren Experten Dr. Frank Reinboth gefragt: "Grundlegend werden sich aus meiner Sicht die Bewegungen nicht verändern. Der Rockerski verkürzt beim flachgestellten bzw. wenig aufgekanteten Ski die Kantlänge, was zu einer besseren Drehbarkeit und Toleranz gegenüber technisch nicht so präzise durchgeführte Bewegungen, aber auch zu einem gewissen Gefühlsverlust bei der Kurveneinfahrt führt. Darauf muss sich der Skifahrer vor allem bei höherem Tempo auf planer und harter Piste einstellen. Eine Abhilfe ist hierbei, früher einen größeren Kantwinkel im Kurvenverlauf aufzubauen oder auch etwas längere Ski zu fahren. Das heißt insgesamt verändert der Rockerski die sogenannten Bewegungsspielräume - also wann wir uns bewegen, wohin, wie schnell und wie umfangreich."

Das in Deutschland, Österreich und der Schweiz die Auffassung von der richtigen Technik beim Skifahren zum Teil variiert, thematisieren wir im dritten Teil unserer ersten Folge zur Skitechnik.