US-Topfahrer Ted Ligety kämpft weiter gegen die geplanten Materialänderungen im alpinen Skisport, die vor allem den Riesenslalom betreffen. Ligety hat sich dabei in seinem letzten Blog wieder einmal unmissverständlich als Gegner positioniert - der Eintrag trägt den Titel 'Die Tyrannei der FIS'.

Warum Tyrannei?

Ligety mahnt an, dass sich Athleten mundtot gemacht werden sollen: "Weiters dürfen wir uns auch nicht gegen die FIS Regeln äußern." Er geht zudem davon aus, dass das neue Reglement den Skisport ruiniert. Außerdem hält er es für falsch, den Riesenslalom als besonders verletzungsanfällige Disziplin zu erklären, da in dieser Disziplin viel mehr Läufe - auch im Training - absolviert werden: "Auf vielleicht 200 Durchgänge im Riesenslalom kommt 1 Abfahrtsdurchgang", schreibt Ligety. Auch kritisiert er die Eingriffe des Weltverbandes in das Sponsoring. Die möglichen Werbeflächen z.B. auf Skibrillen seien so klein, dass man sie einfach nicht erkennen könne - so mache Werbung oder Sponsoring keinen Sinn.

Vorwurf: Inkompetenz

Auch die Art und Weise, wie die neuen Regeln beschlossen wurden, zieht Ligety in Zweifel. "Wir Athleten, SRS und die Trainer haben einen Weltcup-Test vorgeschlagen, wo die 15 Top-Athleten die neuen Schi auf einer Weltcuppiste testen würden. FIS hat den Vorschlag, durch den Test das neue Equipment auszutesten und auszuwerten, abgelehnt", stellt der Amerikaner fest. Er bezichtigt die FIS konkret der Imkompetenz und schließt ab mit der Aussage: "Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Athleten uns gewerkschaftlich organisieren oder unser eigenes Ding machen. Ein Athleten-Verein entwickelt sich zurzeit, aber es ist abzuwarten, wie effektiv er sein wird. Dies sollte eine Warnung für Sportarten wie Freedride-Schifahren und Snowboarden sein, lasst die FIS nicht euren Sport monopolisieren."

Ligety mag eine extreme Meinung formulieren und eine schlagkräftige Allianz aller Athleten ist derzeit nicht zu erwarten. Da er für diese Kritik mit einer Strafe seitens der FIS rechnen muss, wollen wir euch seinen Originaltext aber nicht vorenthalten. Der Amerikaner bittet auf seiner Website: "Postet es überall!" Hier ist die von Ligety selbst gepostete (zum Teil etwas holprige) deutsche Übersetzung seines Beitrags:

Die Tyrannei der FIS
Die Tyrannei der FIS dauert schon zu lange an. Es scheint so, als würde die FIS den Schisport ruinieren wollen. Die FIS ist eine Diktatur! FIS will die absolute Kontrolle und versucht dabei, alles zu vertuschen.

Die Athleten, SRS (Association of Ski Racing Suppliers) und NGBs (national governing bodies) haben nicht die Möglichkeit dazu, den Schisport im positiven Sinne zu verbessern. Weiters dürfen wir uns auch nicht gegen die FIS Regeln äußern.

Ich fühle mich zwar so wie wenn ich gegen den Wind laufen würde, aber das Thema ist von enormer Wichtigkeit für die Zukunft des Schisports. Die neuen Regelungen bezüglich der Riesenslalomschi können, so wie sie zurzeit vereinbart sind, nicht umgesetzt werden, denn möglicherweise ruinieren sie den Sport. Die meisten von euch wissen ja schon dass die FIS versucht, den Schisport sicherer zu machen. Dabei schimäßig einen Schritt zurückzugehen ist der falsche Weg. Riesenslalom wurde unfair in die Mangel genommen.

Die bestehenden Regeln:
> 27 m Radius (mehr Taillierung), Länge: Minimum 185 cm

Neue Regeln wären:
> 35 m Radius (Schi aus den 80ern), Länge: Minimum 195 cm.

Ich fahre zur Zeit mit 191 cm langen Schiern mit einem Radius von 29 Metern.

FIS hat eine Studie herausgebracht, in der alle Verletzungen von 2006 - 2011 aufgelistet sind. Der Zeitrahmen gibt keine Auskunft über irgendeinen Zusammenhang zwischen den Verletzungen und der technischen Entwicklung der Schi. Der Zeitrahmen müsste viel weiter ausgeweitet werden, sprich wir bräuchten auch Daten aus den 80ern. Die Studie besagt, dass sich 36 Abfahrer, 9 im Super-G, 16 im Riesenslalom und 11 im Slalom „schwere“ Verletzungen zugezogen hatten. (Pause: 28 Tage oder länger). Es wurde nicht erwähnt, dass die Disziplin Riesenslalom am meisten Teilnehmer zu verzeichnen hat. Angefangen mit Slalomläufern bis hin zu den Abfahrern: alle trainieren Riesenslalom. Auf vielleicht 200 Durchgänge im Riesenslalomdurchgänge kommt 1 Abfahrtsdurchgang, wobei im Riesenslalom zudem noch 2 Durchgänge zu bewältigen sind.

Wenn man nun die Anzahl der Abfahrtsdurchgänge mit der Anzahl der Riesenslalomdurchgänge vergleicht muss man kein Mathegenie sein um zu erkennen, dass die Verletzungen pro Rennen in der Abfahrt deutlich höher sind als im Riesenslalom. Dies führt natürlich zu folgender Frage: Warum wird gezielt im Riesenslalom so hart durchgegriffen?

Im Weltcup kommt es selten vor, dass sich die Mehrheit der Schifahrer in einer Sache einig ist. Die neuen Regeln, besonders die des Riesenslaloms, haben die Athleten zusammengebracht wie noch nie zuvor. 41 der 50 Top-Schirennläufer haben eine Petition gegen die neuen Regelungen unterzeichnet. In Sölden trafen sich 15 der 20 Top-Riesenslalomläufer, um über die Regeln zu diskutieren. (Die Österreicher waren nicht anwesend!) Es sollte auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass nur 2 Rennläufer die neuen Regeln befürworten: Hannes Reichelt und Benjamin Raich mit der Schifirma „Amer Sports“, auch bekannt als Salomon und Atomic.

Wir waren uns alle einig, dass FIS von den Regelungen „weggebracht“ werden muss. Als Athleten ist es gerade für uns das größte Anliegen, sicher und verletzungsfrei zu fahren. Wir alle wissen wie kurz die Karriere sein kann und sehr viele von uns wissen, welchem Risiko wir uns aussetzen. Deshalb verwenden wir jetzt und auch in Zukunft Ausrüstung, die uns nicht nur die Möglichkeit gibt schnell zu sein sondern uns auch sicher ins Ziel bringt. Ich habe schon oft Schi gewählt, die zwar nicht die schnellsten waren, aber sicher. Mir war es wichtiger, einen Schi zu haben der mir Sicherheit verleiht anstelle einen unkontrollierbaren Schis. Die Skifirmen produzieren Ausrüstung, welche ein geringes Verletzungspotential mit sich bringen.

Sie haben viel mehr in uns investiert als die FIS und NGB - die Firmen wollen uns als ihr „Vermögen“ schützen. FIS schätzt die Athleten nicht, gut zu sehen im Falle der völligen Missachtung unserer Meinung. Die FIS Studie basiert auf 2 Wintern mit einigen Europacup Rennläufern. Dies berechtigt nicht annähernd dazu, solch dramatische Schlüsse daraus zu ziehen. Mit diesen 2 Tests ohne jegliche Meinung der Athleten und Trainer wurden diese Regeln aufgestellt. Somit hatten wir nie die Gelegenheit, über die Vorschläge zu diskutieren. Wir Athleten, SRS und die Trainer haben einen Weltcup-Test vorgeschlagen, wo die 15 Top-Athleten die neuen Schi auf einer Weltcuppiste testen würden. FIS hat den Vorschlag, durch den Test das neue Equipment auszutesten und auszuwerten, abgelehnt. Ich stelle fest, dass FIS kein Vertrauen darin hat, dass ihre Tests in Zukunft als relevant gelten. Das einzige Ziel der FIS scheint zu sein, es so aussehen zu lassen als ob aktiv für die Sicherheit etwas getan wird, obwohl die FIS es nicht am stärksten zu spüren kommt wenn die Regeln keine Verbesserung erbringen. Durch die Einführung dieser Regeln können sie sagen: „Wir haben es versucht“. Und schon sind sie aus dem Schneider.

FIS hat ihre Inkompetenz in der Einführung neuer Regelungen schon in der Vergangenheit gezeigt. 2007 führten sie eine Regel ein, die die Schi breiter und somit aggressiver machte. Die Hebelwirkung auf die Knie ist stärker geworden was möglicherweise zu mehr Verletzungen geführt hat. Die neue Regel würde den Sport noch mehr ungefährlich machen.

Die FIS-Studie hat ergeben, dass es statistisch keine Differenz zwischen der Kraft, die man für die neuen Schi braucht und der Kraft, die für die aktuellen Schi benötigt wird, gibt. Dabei wurde aber darauf verzichtet, die Kraft zu messen die benötigt wird, um einen schönen Schwung um das Tor zu machen. Die neuen Schi üben einen stärkeren Druck auf das Knie aus. Das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen wird eintreten und es wird wahrscheinlich zu mehr Verletzungen kommen. Die aktuelle Generation der Weltcup-Schirennläufer ist nie mit solchen Schiern gefahren sodass diese komplett fremd sind (schlechter kontrollierbar). Die Schi werden uns in schwierige Körperpositionen bringen und dazu führen, dass wir in einer Art „Sprungweise“ fahren müssen, um noch genug Kraft aufbringen zu können, dass Tor zu passieren.

Wir werden auch eine geradere Linie fahren, wo wir am „Höhepunkt“ der Kurve driften, hart ums Eck fahren, einen höheren Druck aufbauen (besonders im Bereich der Unterseite der Drehung, dort wo der Druck jetzt schon am größten ist), während wir uns zurücklehnen um den benötigten Radius zu fahren, da die Taillierung des Schis keine vorwärts gerichtete/zentrierte Körperposition mehr erlaubt.

Neben den Verletzungen wird dieser Schityp einen größeren Druck auf die Knie ausüben (häufig verbunden mit Kreuzbandverletzungen) und zu schnellerer Erschöpfung führen, was der Hauptgrund für Verletzungen ist. Die Schiindustrie hat viele Studien hervorgebracht die besagen, dass mit dem Erscheinen von Carvingschiern die Anzahl der Verletzungen zurückgegangen ist (hauptsächlich Knieverletzungen). Dafür wurden Millionen von Schifahrern über 30 Jahre lang beobachtet.

Ich schenke einer Studie, die mehr als 30 Jahre lang Millionen von Schifahrern beobachtet hat, mehr Glaubwürdigkeit als einer, die innerhalb von 2 Tagen beschlossen wurde und in der weniger als 10 Athleten involviert waren. Verletzungen passieren, wenn wir Athleten über unsere „Komfortzone“ hinausgehen - und diese neuen Schi würden uns dazu bringen.

Wie wird das Ganze also den Sport ruinieren? Die neuen Schi werden das Schifahren auf dem Weltcup-Level weniger ansehnlich machen und, was vielleicht wichtiger ist, das Teilnehmen weit weniger angenehm und gleichzeitig gefährlicher machen. Schöne Schwünge im Schnee zu ziehen ist das, was jeder Rennläufer heutzutage genießt. Dieses Gefühl wird es nicht mehr geben. Zuerst werden Weltcup-Athleten an diesem Schicksal leiden, dann, in ein paar Jahren, wenn die Regeln „FIS-wide“ werden, müssen 15 Jährige Kinder ihre „alten“ Carvingschi gegen die neuen Schi tauschen. Das wird den großen Kindern einen noch größeren Vorteil verschaffen und sie vom alpinen Schisport wegbringen. Hin zu „freeskiing“ oder den vielen anderen Sportarten, die ihnen zur Verfügung stehen. Eine andere Möglichkeit, den Sport zu ruinieren ist die wirtschaftliche Seite. Schirennen gehören zur Schiindustrie wie die Formel 1 zur Autoindustrie. Durch die neue Regel werden sich die Schifirmen vom Schisport abwenden, da man in jedem Geschäft bessere Schi bekommt als die die wir haben. Warum sollten Schifirmen weiter hauptsächlich für den Schirennsport produzieren, wenn sie dort keine führende Schitechnologie mehr anbieten dürfen?

Schifirmen sind die finanziellen Hauptunterstützer dieses Sportes. Die Athleten sorgen für den Haupanteil des Einkommens und die Anzahl der Ausrüstungen, die für sie produziert wird, ist astronomisch hoch. Wenn die Athleten nicht mehr „R&D“ fahren, werden sie von den Firmen möglicherweise nicht mehr unterstützt. Die meisten Athleten kämpfen jetzt schon, um in diesem Sport finanziell überleben zu können. Ohne die Unterstützung der Schifirmen werden es sich die meisten nicht mehr leisten können, weiter zu machen. Und so wird es mit dem Schisport weitergehen.

Die Tyrannei der FIS betrifft aber nicht nur die neuen Schiregelungen sondern auch die Unterstützung durch Sponsoren, beginnend mit der Größe des Kopfbedeckungs-Sponsors über den Rennanzug bis zum Logo deiner Schibrille. Besonders besorgt bin ich über diese „Logo Geschichte“ aus dem einfachen Grund: ich selbst besitze eine Helm/Schibrillen Firma: Shred. Langezeit gab es die Regel, dass das Logo auf dem Band der Schibrille nicht größer als 15 cm² sein darf. Die Regel wurde bis jetzt ignoriert, denn man kann ein 15 cm² großes Logo bei einem Vorbeifahrenden nicht lesen. Es hat sich deshalb nie durchgesetzt. In diesem Herbst hat die FIS aus heiterem Himmel beschlossen, diese Regel durchzusetzen - scheinbar ohne Grund. Dies wird jetzt teilweise gemacht, zuerst gibt es eine Warnung. Bei einer „Wiederholungstat“ darf man beim nächsten Rennen nicht starten. Die meisten Logos sind zurzeit 40 - 50 cm² groß. Es macht keinen Sinn, einen Schirennläufer zu sponsern geschweige denn ein Unternehmen zu gründen, wenn das Logo zu klein ist um es zu erkennen.

Das trifft vor allem kleine Firmen, so auch Shred, am meisten, da Shred so die Fähigkeit genommen wird, wertvolle Eindrücke zu hinterlassen und durchzustarten. Es ist aber nicht nur eine schlechte Idee. Zusätzlich wurden die Firmen nicht früh genug informiert um marketingpolitische Maßnahmen zu ergreifen. Sie konnten auch nicht überlegen, ob sie in Zukunft ihr Budget besser in andere Bereiche investieren.

FIS versucht scheinbar, die Taschen der Athleten zu leeren seitdem wir hohe Erträge durch unsere Helm/Schibrillen Firmen erwirtschaften. Es wäre das Beste für den Sport, wenn FIS nicht nur Wert auf FIS-Sponsoren legen würde sondern auch auf Sponsoren die uns Athleten erlauben, auf einem hohen Level zu konkurrieren. Nicht nur, dass FIS nicht auf die Ablehnungen von SRS und NGB bezüglich Schiregeln und Logokriterien hört. Sie will auch Athleten bestrafen, die sich gegen die FIS äußern. Mir wurde vor einigen Jahren gedroht als ich ein „FIS SUCKS“ Sticker auf die Rückseite meines Helmes geklebt hatte. Ich erschien 2 Minuten zu Spät zur Vorbesprechung der Startnummernverlosung und wurde gezwungen, als 45ter zu starten, obwohl ich im Weltcup führte. Daher das Sticker. Mir wurde gesagt, dass ein ähnliches Verhalten zu einer 5000 CHF Strafe führen würde. Zuletzt möchte ich noch sagen dass die FIS überlegt, Jon Olsson zu verklagen aufgrund der Kommentare auf seiner Webseite gegen die neuen Schi-Regeln und aufgrund des „FIS SUCKS“ Logos, dass er dort gepostet hat. Beim letzten FIS-Meeting wurde über Strafen für Sportler diskutiert, wenn diese sich gegen die FIS äußern. Ich zitiere einen Auszug aus diesem Treffen:

„Das Kollegium erklärte sich einverstanden, eine Art ‘Code’ zu entwickeln, um all jenem ‘unzulässigem Verhalten’ Herr zu werden, welches nicht unter den Zuständigkeitsbereich einer Wettkampfjury fällt, um bestehende Richtlinien gegen zB das Lästern auf Social Networking Seiten und das ‘Schlechtmachen’ des Sports zu verschärfen“.

Man würde denken, es gäbe einige Diskurs um diese Gräueltaten zu bekämpfen, aber an dieser Stelle nicht. Offenbar hat Bill Marolt, der Präsident der USSA und Vize-Präsident von FIS hat noch nicht einmal die Möglichkeit, diese Themen zur Diskussion zubringen geschweige denn rückgängig zu machen oder zu ändern. Bis jetzt hatten die Athleten keine Stellvertretung bei den von der FIS getätigten Entscheidungen. Wenn wir etwas über FIS-Entscheidungen hören und ihnen nicht zustimmen, dann werden wir wie in Sölden ignoriert. Gesichtslose Ausschüsse treffen diese Entscheidungen; einmal getroffen, lässt ihr Ego es nicht mehr zu, Fehler einzugestehen und Regeln rückgängig zu machen, die so offensichtlich falsch sind. Leider monopolisiert FIS den Sport für den alpinen Schiweltcup und somit wird jede Entscheidung hart umkämpft sein, oder sie überdenkt ihre Position. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir Athleten uns gewerkschaftlich organisieren oder unser eigenes Ding machen. Ein Athleten-Verein entwickelt sich zurzeit, aber es ist abzuwarten, wie effektiv er sein wird. Dies sollte eine Warnung für Sportarten wie Freedride-Schifahren und Snowboarden sein, lasst die FIS nicht euren Sport monopolisieren. FIS wird dem Sport all das nehmen, was ihn so cool gemacht hat.

Ted Ligety