Rocker-Ski haben eine andere Geometrie als Carver mit klassischer Vorspannung - und eignen sich deshalb insbesondere für Geländearten, die man abseits harter und planierter Pisten vorfindet: Tiefschnee steht da an erster Stelle, aber auch auf anderen, weichen und sulzigen Unterlagen, sollen sie Vorteile bringen. Rocker gelten zudem als besonders drehfreudig und fehlerverzeihend. Warum ist das so? Wie verhalten sich die Skier? Skiinfo.de hat sich bei einigen Experten umgehört.

Vorteil Nr. 1: Der Rocker dreht leicht

Dr. Arne Göring kümmert sich u.a. für den Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband ADH um die Ausbildung für Skifahrer, kennt sich also bestens aus mit Skitechnik und ihrem Erlernen. Er sagt: "Positiv ist beim Rocker: Durch die fehlende Vorspannung sorgt der Ski dafür, dass du in der Schwungeinleitung leichter rumkommst und einen gerutschten Schwung ganz einfach machen kannst. Die Dreh-Widerstände, die du auf der Piste entwickelst, sind wesentlich geringer."
Vorteil des Rocker: Durch die kürzere effektive Kantenlänge macht er das Drehen leichter - bei gerutschten Schwüngen.

Vorteil Nr. 2: Kaum Verkanten oder Verschneiden

Gerutschter Schwung? Ist das noch Carving? Unser Experte muss ausholen: "In Deutschland ist das Thema Rotation immer ein bisschen schwierig. Man hat jahrelang gesagt: Auf keinen Fall mit dem Oberkörper rotieren, weil diese Rotation zu einer negativen Vorspannung in den Knien führt. Eigentlich kommt genau das beim Rocker jetzt zum Tragen. Du kannst auf einmal mit einem Drehimpuls aus dem Oberkörper unheimlich leicht drehen. Die Rocker-Ski verkanten sich nicht."
Vorteil des Rocker: Er gilt als besonders fehlerverzeihend.

Vorteil Nr. 3: Gute Performance im Tiefschnee und Schlechtschnee

Die größten Vorteile hat der Rocker unbestritten im Tiefschnee, das sieht auch Dr. Göring so: "Mit dem Rocker kannst du unheimlich gut Tiefschnee fahren, auch wenn es sulzig oder bucklig ist." Im Übrigen bestätigen alle unsere Experten diese Qualität. Markus Steinke von Mountain Wave beschreibt es so: "Im Gelände ist es einfach: Der Ski ist leichter zu handeln, ist drehfreudiger, säuft nicht so schnell ab, hat also mehr Auftrieb und gibt mir große Vorteile, wenn's mal heiklere Verhältnisse gibt. Bei Bruchharsch etwa oder wenn es so einen leichten Deckel auf dem Pulver hat."
Vorteil des Rocker: Ein Rocker ist - ob im Tiefschnee oder auf der Buckelpiste - viel einfacher in der Handhabung.

Viel Lob für den Rocker

Keine Frage - ein Rocker-Ski macht durch diese Vorteile in vielen Situationen Sinn. "Der Ski wird Allround-tauglicher und gutmütiger zu fahren. Er ist weniger agressiv bei der Schwungeinleitung", beschreibt es Herbert Buchsteiner von Atomic. "Hervorragender Auftrieb, leichtere Schwungeinleitung", bestätigt Christian Lutz von Fischer. "Die Early Rise-Technologie ist bei uns entstanden, um das Skifahren leichter zu machen, aber speziell aus der Anwendung im Spitzensport. Für höheres, schnelleres Tempo, für längere und offenere Radien - dafür gibt sie mehr Sicherheit", stellt Siegfried Rumpfhuber für Kästle fest. Und Stefan Stankalla von K2 ergänzt: "Ideal sind Rocker für alle Skifahrer, die mit Spaß bei allen Schneebedingungen Skifahren wollen und das den ganzen Tag, da Rocker-Ski den Fahrer nie an seine körperlichen Grenzen zwingen." Also nur Vorteile? Das stimmt so nicht: Auf der hart präparierten Piste gibt es Nachteile - wenigstens nach Meinung einiger Experten.

Ab auf die Piste

Wir lassen den neutralen Experten zuerst zu Wort kommen. Wie schlägt sich der Rocker auf hartem Untergrund? "Bei großen Geschwindigkeiten wird der Ski unheimlich unruhig. Du kannst einen Rocker natürlich auch auf der Kante fahren - und er belastet sich auch auf der Kante, aber du hast kaum noch Steuerungsmöglichkeiten darüber", stellt Dr. Arne Göring fest. Das hängt natürlich mit der kurzen effektiven Kantenlänge zusammen.
Nachteil des Rocker: Die reduzierte Kantenlänge sorgt für ein Flattern der Ski bei höheren Geschwindigkeiten.

Problem: Flatternde Schaufel

Göring steht mit dieser Meinung nicht allein: "Bei der normalen Rockerbauweise ist es natürlich sehr schwierig, für mehr Stabilität auf der Piste zu sorgen. Da der mögliche Kantengriff verkürzt wird, hat man im vorderen Bereich immer wieder das Problem des leichten bis starken „Flatterns“, vor allem auf harten Pisten. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man von Kantenkontakt oder Kantengriff spricht", präzisiert Christian Mayer von Elan.

Eine Frage der Auslegung

Das kann man auch anders sehen. "Stabilität und Laufruhe werden auf der Piste durch eine Steifigkeitsanpassung kompensiert", heißt es bei Fischer. Wie das? Stefan Stankalla von K2 weist einen Mittelweg auf: "Rocker machen auf der Piste absolut Sinn. Nachteile bei Laufruhe ergeben sich manchmal beim Geradeausfahren, weil nicht der gesamte Ski Kontakt mit dem Schnee hat. Die gerockerte Skispitze liegt nicht oder nur ganz leicht am Schnee auf. Wichtig für die Laufruhe und Stabilität im Schwung oder in der Kurve ist die Vorspannung im Ski. Wenn der Rocker-Ski so konzipiert ist, dass im Schwungverlauf die 100-prozentige Kantenlänge zur Verfügung steht, dann ergeben sich keinerlei Nachteile in Bezug auf Stabilität und Laufruhe." Bleibt festzuhalten: Ein Pisten- oder Speed-Rocker verfügt über die (fast) komplette Vorspannung und ist eben nur an der Spitze etwas aufgebogen - er nimmt damit auch nur einen Teil der Pluspunkte des Rocker mit und lässt sich sportlich fahren wie ein Carver.

(Renn-)Sportliches Carven ist keine Stärke

Diese Auslegung ist relativ problemlos vermittelbar. Denn auch große Befürworter des Rocker würden einer bestimmten Zielgruppe diesen Ski nicht empfehlen: "Abraten würden wir rennsportorientierten Skiläufern", sagt Christian Lutz. "Jemand, der einen absolut powervollen Rennski fahren will und dessen Potential auch ausnutzen kann, also Rennläufer", sieht auch Stankalla nicht in der Rocker-Zielgruppe. "Ski mit Rocker verlieren ihr Potential auf der Piste, weil man einen sportlichen Schwung, bei dem man die Rotationskräfte spüren kann, damit eigentlich nicht herstellen kann", bestätigt Dr. Göring. "Der Rocker verschließt eine gewisse Variationsbreite des Schneesports. Du verschließt dir das Erlebnis von Kurvenkräften, von rennsportlichem Fahren. Mal Gas zu geben. Das was jahrelang als eines der höchsten Ziele des Skisports propagiert wurde." Das gilt, wie gesagt, für Rocker-Modelle mit wenig oder keiner Vorspannung. Und was bedeutet es für Skianfänger, die auf einem Rocker die ersten Kurven machen? "Eigentlich ist das für den Einsteiger, für die ersten Momente, durchaus von Vorteil. Das Problem, das ich sehe, ist dass du dann relativ schwierig mit diesen Ski den Anschluss zu einem sportlichen Skifahren auf der Piste bekommst", sagt der Ski-Ausbilder. Für so manchen heißt es dann: Noch einmal ab in die Skischule.

Ein Element der Skiperformance

Das soll und darf den Rocker nicht disqualifizieren. Die großen Plus- und Minuspunkte ergeben sich an den Extrempunkten auf dem Markt. Ein Full-Rocker, das kann man sagen, macht wenig Spaß auf harter Piste. Ein leicht gerockerter Ski mit Vorspannung schon. Siegfried Rumpfhuber von Kästle bringt es auf den Punkt: "Man darf nicht den Fehler machen zu sagen, Rocker-Technologie ist per se besser oder schlechter. Die Vorspannung oder Schaufelaufbiegung ist eines von verschiedenen Elementen, über die man die Skiperformance steuern kann. Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass man das Bauen eines Skis nicht auf ein Element beschränken kann. Rocker ist ein neues Element - sollte aus unserer Sicht aber auch als solches gesehen werden." Das bedeutet im Einzelnen? "Ein klarer Nutzen ist, dass er Aggressivität aus der Schaufel nimmt und eine andere Art von Lenkverhalten erzeugen kann. Daher macht es dort Sinn, wo ich diese Effekte haben will. Drehen wir es um: Fahrt mit einem Slalomski im Tiefschnee - und ihr werdet kein gutes Fahrgefühl haben."

Fazit: Die richtige Menge Rocker macht Spaß

Sportliches Fahren ist daher sehr wohl möglich. Rocker sind keine reinen Anfänger- oder Seniorenlatten, nur weil sie die Schwungeinleitung erleichtern. Jeder Käufer sollte seine Nutzungsabsichten kennen und auch seine Fähigkeiten als Skiläufer einstufen können. "Es gibt schon sehr gute Zwischenprodukte", bestätigt auch Dr. Arne Göring. Setzt sich der Rocker also durch? Im nächsten Artikel widmen wir uns den Marktchancen. Wir wird der Rocker den Skimarkt verändern?

Mehr zu Rocker-Ski erfahrt ihr in unserem Themenspecial!

 

Video: DSV-Experten-Tipps - Rocker-Ski