Rocker Ski - was ist das eigentlich? Und für wen eignen sie sich - oder für welche Verhältnisse? Fragt man dazu die Experten aus der Ski-Industrie, so bekommt man ganz unterschiedliche Antworten. Die Technologie, die man auch als Geometrie bezeichnen kann, kommt aus dem Snowboardsport - dort sind Rocker schon lange ein Thema. Wir machen uns auf die Suche nach dem Kern des Rocker-Ski.

(Keine) Vorspannung beim Ski

Wesentlich für diese Gattung von Ski ist die Vorspannung, auch Camber genannt. Bei einem klassischen Carving Ski ist diese sehr ausgeprägt: Der Ski ist in der Mitte - mit dem höchsten Punkt auf Höhe der Bindung - hochgebogen. Die Kontaktpunkte auf dem Schnee liegen jeweils recht weit vorne und hinten. Damit ist die Kantenangriffslänge beim Ski hoch. Bei einem Full-Rocker ist das anders: Hier gibt es zum Teil sogar eine negative Vorspannung. Der Ski ist an Tip und Tail (also vorne und hinten) aufgebogen und liegt mittig damit fast plan auf. Die Kontaktpunkte liegen vorne und hinten deutlich weiter zur Skimitte. Die Kantenangriffslänge ist entsprechend geringer. Ob ein Rocker also noch eine gewisse Vorspannung besitzt, wie breit er ist und die Geometrie (Länge und Höhe) der Schaufel machen Untertypen aus - wir werden weiter unten noch versuchen, solche Rocker-Typen zu spezifizieren.

Die Bedeutung der Geometrie

"Ein Rocker in seinen verschiedenen Versionen ist ein Ski, der vorne 'schnabelt', wie man früher gesagt hat", erklärt uns Mountain Wave Produktmanager Markus Steinke. "Der Kontaktpunkt mit dem Schnee ist deutlich in die Skimitte verlagert." Bei einem Rocker greift also beim Geradeausfahren nur die Mittelsektion des Skis. "Die Kontaktlänge hängt mit der Stärke des Rockers zusammen. Je stärker und länger der Rocker, desto kürzer die Kontaktlänge," präzisiert Herbert Buchsteiner, Director der Business Unit Alpin Ski & Binding bei Atomic. Welche Arten von Rocker finden sich auf dem Markt?

Typenfrage: Welcher Rocker darfs sein?

Rocker ist nicht überall Rocker. Und nicht immer heißt er so. "Wir bezeichnen die Technologie bei Kästle nicht als Rocker, weil es da eine zu große Bandbreite an Interpretationen gibt. Jede Skifirma handhabt das recht unterschiedlich. Wir sprechen von 'Early Rise', weil es bei uns ausschließlich eine Schaufeltechnologie ist", erläutert Kästle Geschäftsführer Siegfried Rumpfhuber. K2 benennt das Rocker-Prinzip "Baseline Technologie". Doch kommen wir zu den Untertypen: "Wir unterscheiden drei unterschiedliche Rocker Arten, die neben der verschiedenen Kontaktlänge unterschiedliche Schaufelgeometrien haben," sagt Christian Lutz von Fischer. Freeski, All-Mountain und Tour heißen die Merkmale hier. Bei Elan ist die Zahl ganz ähnlich - dort trennt man aber Resort-Rocker von Jib- und Backcountry-Modellen ab. Völkl hat Full-Rocker, Tip-Rocker und Tip-und-Tail-Rocker im Programm, Atomic spricht von Adaptive oder Powder Rocker, K2 von Speed-, All Terrain und Catch Free-Rocker. Wir versuchen die Marktsituation für euch zusammenzufassen:

Typ Full Rocker: Nur für den Tiefschnee
Der Full Rocker als erster Oberbegriff ist ein Ski mit verstärkter Aufbiegung im Schaufel- und Tailbereich, meist kombiniert mit einer relativ schwachen bis negativen Vorspannung unter der Bindung. Für Park-Rider und Jibber, die man als mögliche Untergattung ausgliedern kann, sind Tip und Tail besonders stark aufgebogen. Powder-Rocker (auch eine mögliche Untergattung) weisen zudem eine hohe Breite auf - Spezialisten wie bei Mountain Wave diffenzieren hier wie folgt: "Beim Modell 'Diplomat' hat man neben Tip- und Tail-Rocker 104 Millimeter unter der Bindung, eine reine Geländewaffe, der hat so gut wie gar keine Vorspannung mehr. Der 'Wanted', der Breiteste bei uns mit 125 unter der Bindung, ist ein ganz breites Schiff ohne Vorspannung und entsprechend weit aufgebogen," so Markus Steinke. Mit diesem Rockern wäre eine Pistenfahrt kein Vergnügen mehr. "Will ich vermehrt Off-Piste unterwegs sein, nimmt der Anteil des Rockers gegenüber der Vorspannung zu," sagt Stefan Stankalla, der die Einteilung als stufenlosen Prozess beschreibt: "Im absoluten Powder kann ich vom Rockeranteil kaum genug bekommen. Ein wenig Vorspannung macht aber auch bei diesen Ski Sinn." Je mehr Vorspannung dazu kommt, je weniger Tip und Tail aufgebogen werden, je mehr (und je schlanker) die Taille herauskommt, desto mehr geht der Ski vom Full Rocker in Richtung Allrounder.

Typ Allround Rocker: Flexibel und doch gut
Der Allrounder ist ein nur im Schaufelbereich (Tip-Rocker) mäßig aufgebogener Ski, der eine Vorspannung besitzt. In diesem Segment bewegen sich viele weitere mögliche Unterarten. All-Mountain (etwas mehr Rocker, ggf. auch im Tail-Bereich), Tourenski (leicht gebaut, nur Tip-Rocker), Pistenski (Speed-Rocker, minimale Aufbiegung) - es sind die Alleskönner und Allzweckwaffen, wie Salomons BBR, Elans Amphibio-Serie, K2s Rictor oder Atomics Blackeye Ti, auf die die Hersteller viele Hoffnungen setzen. Wenn die Rocker-Revolution gelingt, müssen diese Ski den Markt künftig beherrschen.

Macht der Rocker immer Sinn?

Die Gretchenfrage beim Skikauf - macht der Rocker immer und für jeden Sinn? Die Hersteller sind sich dabei ganz klar nicht einig. Zwei Meinungen herrschen vor. "Es ist für uns klar eine Technologie für spezifische Anwendungsfelder. Wir sehen in erster Linie jede Art von Backcountry: Freeriden, Tourenskisport oder Twin Tip. Rocker oder Early Rise macht eigentlich überall da Sinn, wo man mit Tiefschnee, Schlechtschnee oder Ähnlichem in Berührung kommt," formuliert Siegfried Rumpfhuber für Kästle eine deutliche Position - und ergänzt: "Aus unserer Sicht macht es ganz klar keinen Sinn für Pisten und Hartschneeanwendungen." Unterstützung bekommt er von Mountain Wave: "Auf der Piste tue ich mich ein bisschen schwer mir dem Thema," so Markus Steinke. "Für einen guten Fahrer macht der Rocker sicher überhaupt keinen Sinn." Auch Elan hat eine ähnliche Philosophie.

Atomic und K2 schwören auf Rocker

Atomic und K2 denken anders. "Wenn der Rocker richtig ausgeführt wird bringt er keine Nachteile mit sich", befindet Herbert Buchsteiner von Atomic. Stefan Stankalla wird präziser: "Wir sind absolute Rocker-Fans und haben unsere gesamte Ski-Kollektion mit Rocker ausgestattet. Wir sind der Meinung, dass Ski mit Rocker für alle Einsatzzwecke und Könnerstufen Vorteile bringen." Klare Worte - aber was sagen neutrale Experten? Dr. Arne Göring, Schneesportfachleiter an der Uni Göttingen, vergleicht die Einführung von Rockern mit den Entwicklungen auf dem Skimarkt der letzten Jahre: "Man kann das schon vergleichen mit der Einführung von Carving Ski. Wenn ich bedenke, was es da zuletzt noch so alles gab - Skier mit drei Kanten und fünf Kanten - Rocker ist schon nicht die schlechteste Innovation, die wir zuletzt hatten," lautet sein Urteil. Und das bedeutet? "Man muss dann sehen, ob es sich lohnt, die Materialschlacht mitzugehen - gerade für Anfänger oder Gelegenheitsskiläufer. Prinzipiell aber glaube ich, wird es darauf hinauslaufen, dass der ambitionierte Skifahrer einen Rocker zusätzlich zum Carving-Ski dazu kauft und sich dann nach den Bedingungen entscheidet, welchen Ski er jetzt nimmt. Das haben wir in anderen Sportarten ja auch gesehen, wie beim Kajak oder beim Surfen."

Fazit: Die unterschiedlichen Rocker-Modelle kommen unterschiedlichen Fahrtypen entgegen. Warum das so ist und wie sich die Rocker-Modelle verhalten, wie sich das auch auf das Erlernen des Sports auswirkt, das wollen wir im nächsten Artikel näher beleuchten.