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Thomas Stauffer übernahm vor wenigen Wochen das Amt als Damen-Bundestrainer beim DSV. Er hat nun die schwere Aufgabe, an die Erfolge von Vorgänger Mathias Berthold anzuknüpfen und das Glück, mit jungen und schon sehr erfolgreichen Damen zu arbeiten. Wie er sich in seinen Job eingelebt hat, erzählt er uns im Interview.

ski2b.com: Hallo Thomas - und herzlich willkommen in Deutschland. Wie gut hast du dich in den letzten Wochen schon in deinen neuen Job einfinden können?
Thomas Stauffer: Danke, ziemlich gut eigentlich. Und neu ist ja weder der Job noch die Funktion für mich. Ich habe mich in einige Details schon recht weit eingearbeitet. Es gibt aber einige, die ich mir noch genauer ansehen, wo ich das System noch kennenlernen muss.

ski2b: Wie und wann ist der DSV an dich herangetreten, um Mathias Bertholds Nachfolge anzutreten?
Thomas: Das war wenige Tage, nachdem Mathias weg war. Man ist an mich herangetreten, dann habe ich eine Woche bis zehn Tage überlegt und diskutiert. Ich musste ja auch klären, wie ich in Schweden aufhören kann.

ski2b:Was hat dich gereizt?
Thomas: Nach sieben Jahren in Schweden weiß man, wie der Hase läuft. Ich habe dort einige Projekte gehabt, die fast fertig waren und habe die noch abschließen können. Und dann konnte ich nur 'Ja' sagen. Der DSV ist ein großer Verband, mit einer sehr guten Mannschaft. Das ist eine Herausforderung für mich.

ski2b: Deine erste Handlung dürfte eine Analyse des Status Quo gewesen sein. Wie gut ist die Lage bei den deutschen Damen - und wo siehst du Verbesserungsmöglichkeiten?
Thomas: Ich glaube, auf Weltcup-Niveau ist alles schon da. Die Athletinnen sind jung, diese Linie sollten wir weiterziehen. Über Details kann man immer diskutieren. Gerade eine Ebene weiter unten stelle ich mir eine noch engere Zusammenarbeit vor. Es ist ein gutes System von oben nach unten - aber es kann sicher noch etwas besser werden.

ski2b: Nach diesen sieben Jahren - was nimmst du aus Schweden auch an Ideen mit?
Thomas: Ich habe einige Analysen im Materialbereich, die würde ich gerne durchgehen. Aber so anders ist die Arbeit in Schweden nicht. Es gibt eine etwas andere Philosophie, zum Beispiel beim Konditionstraining. Da kann ich sicher etwas frischen Wind reinbringen mit zwei, drei anderen Sachen. Beim Schneetraining ist es in Schweden sehr ähnlich wie in Deutschland. Die selben Orte, die selben Pisten, die selben Kontakte - da kenne ich mich gut aus.

ski2b: Unterscheidest du dich als Trainer-Typ von Mathias Berthold?
Thomas: Ja, ich glaube schon. Ich kenne Mathias ja, und wir haben eine andere Herangehensweise. Ich bin eher die Person, die ein bisschen aus dem Hintergrund kommt, ich analysiere gerne den Sport und versuche, mit Weitblick über alles zu schauen. Mathias war ja vorher Technik-Trainer und ist vielleicht auch deshalb näher dran auf der Piste.

ski2b: Das bedeutet mehr Verantwortung für dein Team. Wie klappt die Kommunikation?
Thomas: Das klappt ganz gut. Ja, ich finde die Disziplinentrainer sollen an der Piste die tatsächliche Arbeit machen.



ski2b: Jetzt arbeitest du nicht mehr mit Andre Myhrer sondern mit Maria Riesch, Kathrin Hölzl, Viktoria Rebensburg und Co. Ihr kommt gerade vom Trainingslager auf Zypern - was hältst du von deiner neuen Truppe?
Thomas: Oh, sie haben im Zypern-Camp gut gearbeitet. Sie wissen alle, was sie wollen und was es dafür braucht. Sie sind sehr gute Trainierer. Das ist in Schweden auch ganz ähnlich. Außerdem war die Stimmung sehr gut.

ski2b: Dein Vorgänger hat mal gesagt, Maria Riesch würde auch schnell fahren, wenn man ihr den Hausmeister an die Seite stellt. Sie hat eine überragende Saison hinter sich. Wie kannst du ihr helfen, den nächsten Schritt in Richtung Gesamtweltcup zu gehen?
Thomas: Wichtig ist zunächst, dass sie im Training kriegt, was sie braucht, um vielleicht noch besser - oder eher noch konstanter zu werden. Dann werden wir schauen, was man extra machen muss und an Details arbeiten. Ich kenne das ja von Anja Pärson. Der musste man auch nicht viel sagen. An dem Satz vom Mathias ist also auf jeden Fall etwas dran.

ski2b: Bei Maria geht es um Details - bei welcher Dame siehst du beim DSV das größte Entwicklungspotenzial?
Thomas: Das ist schwierig zu sagen. Ich kenne ja alle von früher, wir haben uns schon in Neuseeland getroffen. Das Potenzial ist ja auch bei anderen schon weit ausgereizt. Katy Hölzl beispielsweise ist die Nummer eins im Riesenslalom - da geht nicht mehr viel nach oben. Aber in der Breite kann sie sich verbessern, in den anderen Disziplinen.

ski2b: Ihr wart bereits in Zypern - wie viel Einfluss hast du eigentlich auf den weiteren Trainingsplan noch nehmen können?
Thomas: Der Plan stand zum größten Teil natürlich schon. Ich habe mir den genau angeschaut und es ist ein guter Plan, der den Mädchen auch Kontinuität bietet. Sie wissen, was auf sie zukommt. Ich habe daran also nicht mehr viel gemacht. Im Einzelnen werden wir noch über einige Sachen diskutieren, zum Beispiel, dass wir genug Abfahrts- und Super-G-Training machen.

ski2b: Der Erfolg deines Vorgängers setzt dich natürlich auch unter Druck. Und Goldmedaillen lassen sich - auch bei einer Heim-WM - nicht erzwingen. Hast du Angst, nach der nächsten Saison nur am Edelmetall gemessen zu werden?
Thomas: Ob ich das will oder nicht - gemessen werde ich daran sowieso. Wenn wir nach Garmisch gehen, dann haben wir alles gemacht, was nötig ist. Der Rest ist dann auch Wettkampfglück. Aber wir werden bereit sein!

ski2b: Du hast zunächst einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Was möchtest du in diesem Zeitfenster erreichen - abgesehen von der WM?
Thomas: Das wichtigste Ziel liegt auf der Hand. Wir wollen dann breiter aufgestellt sein in allen Disziplinen. Im Slalom stehen wir schon sehr gut da, im Riesenslalom haben wir drei unter den besten sieben und dann vielleicht noch eine oder zwei dahinter. Und in der Abfahrt gibt es Maria und Gina (Stechert, Anm. d. Red.), die letzten Winter von einer Verletzung zurückgekommen ist. Hier müssen wir noch zulegen.

ski2b: Dabei viel Glück - danke für das Interview, Thomas!