Der alpine Skisport genießt gerade ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Sogar der Spiegel blickt mit großem Interesse auf die aktuelle Situation und titelt: 'Abfahrt auf Crash-Kurs'. Stimmt das? Eins ist richtig, der Saisonbeginn hat schon viele schwere Verletzungen mit sich gebracht. Peter Fill, Lara Gut und Marcus Sandell erwischte es schon vor dem Auftakt, Nicole Hosp pünktlich im ersten Rennen. Sandra Gini, John Kucera, TJ Lanning, Max Franz, Rainer Schönfelder, Pierre-Emmanuel Dalcin und nun auch Jean Baptiste Grange - für alle ist verletzungsbedingt diese wichtige olympische Saison bereits gelaufen. Ein alarmierendes Zeichen.

Alle Disziplinen bergen Verletzungsgefahren
Eins vorweg: Die Abfahrt ist sicher nicht 'schuld'. Mit Hosp und Grange verletzten sich die prominentesten Saisonopfer im Riesenslalom, Weltmeister Kucera erwischte es im Super-G. Dennoch ist die Abfahrt oft der Stein des Anstoßes. Wie in jedem Jahr wird auch jetzt wieder gefragt: Sind die Skirennläufer Opfer eines sportlichen Systems, dass die Gesundheit der Aktiven geringer schätzt als das zu produzierende Fernsehbild? Und in der Königsdisziplin sind die Sprünge eben am extremsten, die auf die Sportler wirkenden Kräfte am höchsten. Und das bei oft nicht perfekten Bedingungen, mit böigen Winden und schlechter Sicht. Jede Abfahrt ist somit ein Ritt am Limit der eigenen Möglichkeiten - und das macht schließlich ihren Reiz aus.



Wer will Liftfahren sehen?
Interessant: Eines der Opfer hat vor der eigenen Verletzung bereits Stellung genommen: "Bilder, wie wir sie in Lake Louise gesehen haben, erschüttern - klar", schilderte Rainer Schönfelder. "Aber dass unser Sport auch gefährlich ist, werden wir nicht ändern, es sei denn, alle Disziplinen werden abgeschafft und im Weltcupkalender gibt‘s nur noch Liftfahren. Frage: Wie spannend ist Liftfahren?"

Zwei Opfer pro Wochenende
Nun, Liftfahren würde vorraussichtlich noch nicht einmal bei Eurosport einen Sendeplatz finden.
Dennoch darf man die Frage stellen, warum der Harrier-Sprung in Beaver Creek erst nach Dalcins Sturz entschärft wurde. FIS Rennleiter Günter Hujara muss diese Art von Entscheidung bei jedem Herrenrennen treffen und verantworten. Auch er zeigte sich bestürzt: "Wir verlieren derzeit pro Wochenende ein bis zwei Fahrer", und ordnete eine Dringlichkeitssitzung in Gröden an. Dort soll über das Material, Geschwindigkeit und riskante Sprünge in flache Abschnitte gesprochen werden.

Kein Interesse ohne Top-Stars
Das ist auch notwendig. Denn auch wenn diese Häufung von Unfällen eigentlich nur ein Zufall sein kann - immerhin haben sich die Rahmenbedingungen seit dem letzten Jahr nicht dramatisch geändert - so macht sie doch eines klar: Die Attraktivität der Rennen sinkt drastisch, wenn die besten Athleten nicht mehr dabei sein können. Zudem müssen auch für jugendliche Nachwuchsfahrer Bedingungen herrschen, die gesundheitlich zumutbar sind. Aber trotz aller möglichen Maßnahmen wird es immer Kreuzbandrisse und andere schwere Verletzungen geben - so wie es sie in der Geschichte des Skirennsports immer gegeben hat. Wegdiskutieren lässt sich die Gefahr nicht. Auch nicht beim Liftfahren.