Die weiße Zipfelmütze konnte nicht davon ablenken: Toni Sailer war ein dunkler Typ. Schwarze Haare, dunkle Augen, ein offenes Gesicht - ein Frauentyp ganz sicher. Und schnell. Der schwarze Blitz aus Kitz eben. Und der trug gerne diese Zipfelmütze - ein Erkennungszeichen. 1956, bei seinen Olympischen Winterspielen in Cortina d'Ampezzo, hätte er die eigentlich nicht nötig gehabt. Dafür war er einfach zu schnell.

6,2 Sekunden Vorsprung
Am 29. Januar 1956 ging Sailers Stern auf. Auf der Piste 'Ilio Colli - Faloria' war der Riesenslalom ausgesteckt. 95 Fahrer waren am Start und doch chancenlos, denn Sailer nahm dem zweitplatzierten Landsmann Andreas Molterer auf der 2,6 Kilometer langen Strecke über sechs Sekunden ab. Dieser Vorsprung ist immer noch ein olympischer Rekord des Kitzbühelers. Nur zwei Tage später wurde der Slalom ausgetragen, diesmal auf der Piste 'Col Drusciè'. Und wieder durchquerte Sailer die mit 'Arrivo' ausgewiesene Ziellinie mit deutlichem Abstand als erster. Rund vier Sekunden hatte er dem Japaner Igaya in beiden Läufen abgenommen. Natürlich jeweils mit Bestzeit. Erneut Gold, erneut wird Sailer Olympiasieger und gleichzeitig Weltmeister.



Riemenpanne vor dem Tofana-Start
Doch der Höhepunkt folgte zum Abschluss. Die Abfahrt auf der legendären Tofana stand ab - und Sailer war vor dem Start der Langriemen der Bindung gerissen. Er bekam jedoch Hilfe in Form eines Ersatzriemens vom italienischen Trainer Hansl Senger. Der zurrte eigenhändig den neuen Riemen fest, erst wenige Sekunden vor dem Start soll er damit fertig geworden sein. Das ist der Stoff, aus dem sportlichen Legenden entstehen.

Ein Rennen für die Ewigkeit
Sailer hatte offenbar keine Bedenken um seine Bindung. Er deklassierte das Feld erneut. "Gleiten und Schweben, zwischen Fallen und Flug", so bezeichnete die Arbeiter-Zeitung in Wien am Tag darauf den Fahrstil. Das Rennen war hart, viele Stürze und Verletzungen überlagerten begleiteten den Wettbewerb. 3,5 Sekunden Vorsprung wies Sailer auf den Schweizer Fellay am Ende auf. Das brachte erneut die Goldmedaille - und sogar zweimal WM-Gold - denn auch in der Addition von Slalom und Abfahrt war 'Toni' selbstverständlich vorne. Das Meisterstück war geschafft. Nie wieder sollte ein Skifahrer alle alpinen Goldmedaillen bei Olympischen Spielen auf sich vereinigen können.

Jung, erfolgreich, unvergessen
Drei Rennen - sieben Titel. Mit dieser beinahe brutalen Effizienz hat sich Sailer in Cortina d'Ampezzo in die Ski-Geschichtsbücher geschrieben. Zwei Jahre später in Bad Gastein untermauerte er den Triumph mit drei weiteren WM-Titeln. Bei der Siegerehrung in Cortina war er jedoch froh über seine dreifach goldene Ausbeute, denn er teilte seinen Preis auf: "Gut, dass es drei Medaillen waren: Eine für den Vater, eine für die Mutter - und für mich blieb auch noch eine." Nur wenige Jahre war Sailer als Skirennfahrer aktiv, ehe er seine Karriere in andere Bahnen lenkte - bereits mit jugendlichen 23 Jahren wendete er sich dem Filmgeschäft zu. Doch mehr Zeit hat er auch nicht gebraucht, um sich im Skisport einen Namen zu machen, den man auch nach seinem Tod am 24. August 2009 nicht vergessen wird.

Einen optischen Einblick in das schwierige Abfahrtsrennen von 1956 gibt dieser Clip (leider nicht in deutscher Sprache):