Der Jubel war groß, als Garmisch-Partenkirchen die alpine Ski-WM 2011 zugesprochen bekam - und auch die Bewerbung um Olympische Winterspiele in München im Jahr 2018 findet viele prominente Befürworter. Doch für den Ausrichter, den Markt Garmisch-Partenkirchen, bringt das Großereignis auch hohe Kosten. Bürgermeister Thomas Schmid erklärte öffentlich wiederholt, dass diese Ausgaben als Investition für den lokalen Tourismus wichtig und nützlich seien. Eine ganz andere Ansicht vertritt Prof. Dr. Thomas Bausch von der Fakultät für Tourismus an der Hochschule München. Er veröffentlichte im April 2009 die Studie "Der Tourismusort Garmisch-Partenkirchen: Führen Wintersportgroßveranstaltungen aus oder in die Krise?" und stand uns Rede und Antwort - auch zu seiner eigenen Meinung zu Olympia 2018 und der Ski WM.

ski2b.com: Warum haben Sie im April 2009 diese Studie veröffentlicht - was war der Anlass für die Zusammenführung früherer Untersuchungsergebnisse?
Prof. Thomas Bausch: Die Fakultät Tourismus wird schon seit längerem immer wieder zum Thema der wirtschaftlichen Effekte des Tourismus im Allgemeinen wie auch zu den Effekten von Großveranstaltungen gefragt. Dies erfolgt von verschiedensten Seiten, seien es die Fraktionen des Bayerischen Landtages oder aber auch Vertreter der regionalen Tourismuswirtschaft von Berchtesgaden bis Lindau und darüber hinaus. Um einmal eine ausführliche Darstellung zu haben, wurde einerseits das Berechnungsverfahren selbst in einem Beitrag zu unserer aktuellen Fakultätszeitschrift (ab Seite 34) publiziert, als auch andererseits einmal für einen Tourismusort exemplarisch aufbereitet.

ski2b.com: Welche Risiken birgt demnach die WM 2011 für Garmisch-Partenkirchen - welche Risiken würde die Gastgeberrolle bei Olympia 2018 mit sich bringen?
Prof. Thomas Bausch: Das Risiko WM 2011 aus der touristischen Sicht liegt vor allem darin, dass man sich Effekte im Skitourismus erhofft, die nicht eintreten können. Der Anspruch, Garmisch-Partenkirchen zu einem direkten Wettbewerber von St. Anton, St. Moritz, Sölden oder Gröden zu machen, ist völlig realitätsfern. Das Skigebiet in Garmisch-Partenkirchen hat mit 40 Pistenkilometern im Classic Gebiet sowie noch weiteren 22 km auf der Zugspitze (unverbunden) keine Chance, in diese Liga der Großskiarenen aufzusteigen. Dagegen ist das Skigebiet für Kurzaufenthalte, Naherholer und Einheimische nach den technischen Verbesserungen der letzten Jahre von ausgezeichneter Qualität. Daraus folgt, dass man im Bereich von Kurzaufenthalten sicherlich gewisse Zuwächse erzielen kann. Garmisch-Partenkirchen wird aber niemals zu einem Ski-Resort wie die genannten Wettbewerber aufsteigen. Dies hat aber massive Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit, die Verkehrsthematik und den Wohlfühlcharakter der Nicht-Skifahrer, die weiterhin auch im Winter dominieren werden. Aus finanzieller Sicht besteht das große Risiko, dass die Folgekosten der Investitionen für die WM den Handlungsspielraum in allen anderen Bereichen der Gemeinde massiv einengen, so auch in allen anderen Bereichen des Tourismus - insbesondere Sommer. Es ist zu befürchten, dass ähnlich wie 1978 nach den enormen Anstrengungen eine lange Konsolidierungsphase einsetzt, die erneut dazu führt, dass man recht schnell den Anschluss an weitere Entwicklungen verliert. Zur Gastgeberrolle Olympia 2018 kann ich mich nicht dezidiert äußern, da mir der Einblick in konkrete Planungen fehlt. Es wird aber sicherlich nicht einfach werden, einen Weg zu finden, bei dem die Stammkunden und die eigentlich anvisierte Hauptzielgruppe der LOHAS (orientiert sich an den Faktoren Gesundheit und Nachhaltigkeit, Anm. d. Red.) sich vom Ort abwendet, da die Eingriffe in die Natur verbunden mit langwierigen Baumaßnahmen auch im Ort nicht den Anforderungen des Kundenprofils entsprechen.



ski2b.com: Unter welchen Bedingungen halten Sie Investitionen in Sport-Großereignisse für vertretbar, wenn diese sich durch steigende Tourismuseinnahmen langfristig refinanzieren sollen?
Prof. Thomas Bausch: Geht man großzügig davon aus, dass in Oberbayern den Kommunen am Ende pro Übernachtungsgast 5 € Steuereinnahmen und Abgaben zur Refinanzierung bleiben, dann fällt es schwer, überhaupt eine einzige Großveranstaltung über den Tourismus zu rechtfertigen. Es gibt vielfältige Studien über die ökonomischen Folgen von Großveranstaltungen, von denen keine einzige bislang zum Ergebnis gekommen ist, dass eine Refinanzierung über den Tourismus erfolgreich möglich ist. Davon unbenommen ist aber zu sehen, ob ein Ort / eine Region, in der alpine Wintersportarten Teil der örtlichen Kultur sind, sich eine Großveranstaltung leisten wollen und können. Dann zahlen letztlich alle über ihre Steuern für dieses Ereignis, das man sich wünscht. Oder es gibt Sekundäreffekte, die mit gezielter Steuerung anderer Politikfelder zu tun haben. In St. Moritz fiel die Gesamt-Bilanz gemäß einer Studie der Hochschule St. Gallen neutral aus, da ein gezielter Bau und Verkauf von Zweitwohnungen zu erheblichen zusätzlichen Steuereinnahmen führte. Da jedoch in Bayern dieser Markt in den 70er und 80er Jahren schon meist überentwickelt wurde, sind solche Modelle nicht einfach übertragbar.

ski2b.com: Welche Entwicklungen für den Tourismus in GAP lassen sich für die Zeit nach der WM prognostizieren?
Prof. Thomas Bausch: Im Winter halte ich eine Zunahme der Kurzaufenthalte im Bereich der Skifahrer für wahrscheinlich, jedoch weniger wegen der WM selbst als vielmehr wegen der verbesserten Anlagen - d.h. hätte man die Anlagen ohne WM entsprechend verbessert, hätte man dieselben Effekte; weiterhin ist ein schleichender Verfall aller anderer Gästesegmente zu erwarten, da trotz WM keine Verbesserungen beim Beherbergungsangebot erzielt wurden. Im Sommer sehe ich keine positiven, sondern eher negative Effekte, da die anvisierte Zielgruppe der LOHAS mit Großveranstaltungen und Mega-Events inkompatibel sind und zudem die Struktur der Beherbergungsbetriebe für diese Zielgruppe nur eingeschränkt geeignet ist.

ski2b.com: Sie leben selbst in Garmisch-Partenkirchen - wie stehen Sie persönlich zur WM und zur Olympia-Bewerbung?
Prof. Thomas Bausch: Die WM-Bewerbung habe ich stets unterstützt. Eine Olympia-Bewerbung sehe ich grundsätzlich (verhalten) positiv, aber unter dem Gesichtspunkt der Tradition des Ortes und der Identifikation mit dem Thema. Aus der Sicht des Tourismus sehe ich es mehr als skeptisch. Doch neige ich als Wirtschaftswissenschaftler auch dazu, gerne vorher abschätzen zu können, wie die Relation von Kosten und Nutzen sind und wer am Ende die Rechnung präsentiert bekommt. Dass sich das IOC und der DOSB von allen möglichen Belastungen frei halten, aber den ökonomischen Nutzen (in Auftrag für eine höhere Sache) singulär für sich verbuchen, halte ich bei der Größe des Themas für nicht mehr zeitgemäß.
Die Fakultät für Tourismus (nicht ich alleine) plädiert ausdrücklich für einen ehrlich „nachhaltiges“ Konzept M+4 mit Oberstdorf (nordisch), Garmisch-Partenkirchen (alpin), Ruhpolding (Biathlon) und Schönau (Bob/Rodeln): dies wäre ökonomisch, sozial wie ökologisch erheblich ausgewogener. Wenn das IOC 'green games' will, dann soll es bitte Ansätze objektiv bewerten und nicht die Marketing-Show (Ice-Village und Snow-Village) über das Ganze stellen. Bei einer objektiven, fachlichen Bewertung ist das verteilte Konzept nachhaltiger. Wo liegt dann der Nachteil bei einer Bewerbung? Entweder ist beim IOC Nachhaltigkeit dann nur ein Etikettenschwindel oder es fehlt an der fachlichen Kompetenz der Bewerter.

ski2b.com: Danke für die klaren Worte, Professor Bausch.

Die komplette Studie "Der Tourismusort Garmisch-Partenkirchen: Führen Wintersportgroßveranstaltungen aus oder in die Krise?" lässt sich hier einsehen.