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Seit wenigen Wochen steht Karlheinz 'Charly' Waibel als Nachfolger des verunfallten Christian Scholz im Amt des DSV Herren-Cheftrainers fest. Im Interview mit ski2b spricht er über seine Trainervision, über mentale und technische Faktoren und Teamfähigkeit, mit denen er Erfolge feiern will.

ski2b.com: Charly, herzlichen Glückwunsch zum Cheftrainerposten bei den Herren - vielleicht kannst du uns kurz erzählen, wann und wie du den Job angeboten bekommen hast.
Charly Waibel: Angeboten bekommen habe ich ihn zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass der Christian den Job aufgrund seiner schweren Verletzung auch in der nächsten Saison nicht machen können wird. Dann hat man mit mir ein Gespräch geführt, ob ich mir vorstellen könnte, diesen Job zu übernehmen. Und dann hab ich mir mal Gedanken gemacht.

ski2b: Hast du sofort zugestimmt - oder gab es Bedingungen von deiner Seite?
Charly: Bedingungen im Sinn "Ich mach es nur wenn das oder das passiert", die gab es nicht. Sofort zugestimmt hab' ich auf der anderen Seite auch nicht, weil ich ja bisher beim DSV einen Job bekleidet hab, der mir sehr viel Spaß macht. Aber natürlich hat die Position eines Cheftrainers einen besonderen Reiz. Die Trainer nicht nur beraten zu können und ihnen gewisse Dinge zu empfehlen, sondern tatsächlich Dinge umsetzen zu können, das hat schon einen Reiz. Auf der anderen Seite bedeutet es für die Familie deutliche Einschnitte und das musste erst einmal abgestimmt werden.

ski2b: Du hast dich vorher viel um Theorie gekümmert, vor allem um den Rahmentrainingsplan. Jetzt kannst du diese Sachen umsetzen - allerdings sind die Voraussetzungen schwierig, denn die sportliche Bilanz des letzten Jahres ist nicht gerade positiv. Was kann man besser machen?
Charly: Dass die Bilanz so mager war, hat natürlich auch einen gewissen Vorteil. Wenn es einfach nicht läuft, dann sind die Menschen, die in einem System arbeiten auch eher bereit, Dinge zu verändern. In einem System, dass relativ gut funktioniert, ist es immer schwer, neue Wege zu gehen. Ich denke es ist sehr, sehr wichtig, dass wir neue Dinge implementieren in die Arbeit. Wir müssen die Qualität der Ausbildung erhöhen denke ich - um das kommen wir nicht herum. Wir werden also genau analysieren was funktioniert hat, was aber auch nicht - und dann versuchen, es besser zu machen. Was die Leistungsfähigkeit der Athleten anbelangt - und das kommt ja auch bei den Athleten selbst immer wieder zur Sprache - da haben wir diese mentalen Komponenten der Leistung, also die Leistungsbereitschaft im Wettkampf.



ski2b: Wo also wird der Hebel angesetzt? Steht alles auf dem Prüfstand?
Charly: Es steht sicher alles auf dem Prüfstand. Auf der anderen Seite habe ich auch - und das hat mir meine bisherige Position erlaubt - mit einer gewissen Distanz auf diese Dinge draufgeschaut, wie gearbeitet wurde, gearbeitet wird, sodass ich für mich eine gewisse Analyse schon betrieben habe und mir darüber klar bin, was ich ändern will. Die Art und Weise, Technik zu vermitteln, da kann man anders drangehen. Da gibt es andere Wege und Methoden, die auch im Rahmentrainingsplan drinstehen. Das wird ein Aspekt sein. Auf der anderen Seite haben wir das Thema Leistungsbereitschaft, Risikobereitschaft: Ich glaube, dort müssen wir den Hebel vor allem ansetzen. Wir haben ganz ordentliche und gute Skifahrer in unseren Reihen - aber wir haben keine guten Wettkämpfer, die in der Situation Wettkampf ihre beste Leistung abrufen, die risikobereit und selbstbewusst in die Wettkämpfe reingehen. Hier müssen wir sicherlich arbeiten, da brauchen wir kreative Leute am Berg, die diese Ideen umsetzen können, denn das ist nicht ganz einfach.

ski2b: Stichwort kreative Leute - gibt es dafür neues Personal?
Charly: Nicht großartig - ein paar Änderungen musste ich vornehmen. Es hat ja der Walter Hlebayna aufgehört, es ist der Mario Weinhandl ausgeschieden. Von dem her gibt es gewisse Veränderungen und die ziehen im System natürlich andere Veränderungen nach sich. Ich hab nicht einen Haufen neue Leute eingestellt, ich glaube wir haben gute Leute an den verschiedenen Positionen. Wir müssen ihnen nur den Mut geben, diese Kreativität auch auszuleben, sie nicht nur Dinge nachmachen oder kopieren lassen. Das ist ein wichtiger Aspekt und wird eine wichtige Aufgabe von meiner Seite sein, das ist es bereits.

ski2b: Wenn man sich die Bilanz genauer ansieht kann man sagen, wir haben Probleme im Riesenslalom, wo es keine Weltcuppunkkte gab und wir haben generell ein großes Problem im Bereich Speed. Welches Problem ist größer?
Charly: (lacht) Die Probleme hängen meiner Meinung nach unmittelbar zusammen. Um im Speed erfolgreich zu sein, muss eben das skifahrerische Grundpotenzial vorhanden sein und das kriegt man aus unserer, nicht nur meiner, Erfahrung im Riesenslalom. Und dort sind wir zu schwach - seit Jahren. Das zeigt sich in den technischen Disziplinen, nicht nur im Riesenslalom, zeigt sich aber auch in den Speed-Disziplinen. Die skifahrerischen Grundfertigkeiten sind offensichtlich nicht gut genug und das spielt im Super-G, aber auch in der Abfahrt eine Riesenrolle. Die Abfahrten werden immer technischer. Die Zeiten der reinen Gleiterabfahrten sind mehr oder weniger vorbei, da gibt's nur noch ganz, ganz wenige. Der Rest wird technisch immer anspruchsvoller, sodass der Riesenslalom, oder die Fähigkeiten, die man sich im Riesenslalom antrainiert, immer wichtiger werden.

ski2b: Was macht der Nachwuchs? Kommen Leute nach, die den etablierten Kaderathleten Druck machen?
Charly: Das ist auch ein Problem, was uns seit Jahren zu schaffen macht. Wir haben nicht diese Leistungsdichte in den Nachwuchskadern, wo eine komplette Gruppe Druck auf die etablierten Athleten in den höheren Kadern ausüben könnte. Und diesen Druck künstlich zu erzeugen ist unheimlich schwer. Die jungen Athleten, die jetzt ein, zwei gute Ergebnisse hatten, jetzt gut zu reden um damit auf die Älteren vermeintlich Druck auszuüben, das übt vielmehr Druck auf die Jungen aus. Und das hilft uns nicht weiter, das funktioniert nicht. Wir würden damit den Nachwuchs verheizen, da müssen wir andere Wege gehen. Die Jungen sollen sich in Ruhe an die Weltspitze ranarbeiten können. Wir müssen das Thema Leistungsbereitschaft im Wettkampf anders angehen und dann werden wir auch Spielraum nach oben haben. Ich glaube fest an das Entwicklungspotenzial, ansonsten hätte ich die Position gar nicht angetreten.

ski2b: Was sind jetzt deine nächsten Schritte?
Charly: Urlaub gibt's für die Athleten noch gar nicht, die sind jetzt schon wieder bei den ersten Schneelehrgängen, weil man die guten Bedingungen in den Bergen noch nutzen will. Wir sind mitten in den Planungen, hatten unsere Trainerklausuren, die Mannschaft steht und es geht jetzt mit den ersten Lehrgängen am Wochenende los, wo wir uns in der neuen Konstellation das erste Mal auf Schnee treffen und miteinander arbeiten.

ski2b: Wie haben denn die Athleten auf deine Ernennung reagiert?
Charly: Ich habe mit den Athleten zum Teil Einzelgespräche geführt, sehr intensive. Ich habe mit allen Athleten im Rahmen der Deutschen Meisterschaft geredet und ihnen gesagt, was sie von mir erwarten können. Das Feedback war bisher durchweg positiv - aber inwieweit das auch wirkt, das werden wir sehen. Da werden sicherlich Phasen kommen, in denen es schwierig wird, in denen sich das Team bewähren muss. Das bewährt sich, wenn schwierige Situationen kommen - und die werden kommen, da brauchen wir uns nichts vormachen (lacht).

ski2b: Du hast Christian Scholz am Anfang schon angesprochen. Er ist nach seinem Unfall die tragische Figur. Stehst du mit ihm zu den Inhalten deiner Arbeit in Kontakt?
Charly: Was die Inhalte meiner Arbeit angeht, stehen wir nicht in allzu großem Kontakt. Was Details angeht nutze ich seine Erfahrung gern. Ich denke, für mich war es wichtig, meine Erfahrungen und Einblicke umzusetzen. Einflüsse kommen von vielerlei Seite. Mir war es wichtig, da zu filtern und nicht zuviel von meinem ursprünglichen Konzept zu verlieren, denn ich brauche etwas, zu dem ich am Ende auch stehe und von dem ich überzeugt bin, dass es funktioniert. Mit dem Christian stehe ich aber natürlich in Kontakt und es war superschön für uns - er war jetzt bei den Klausuren dabei und hat gezeigt, wie weit er ist und das ist wirklich super nach all diesen Prognosen ihn jetzt zu sehen, auf seinen eigenen Beinen, nur mit einer Krücke die ihn stützt. Er steht wieder voll im Leben und wird wieder ein Leben führen können wie vor seinem Unfall.

ski2b: Jetzt wünschen wir dir aber erst einmal viel Erfolg - denn wir würden uns natürlich alle mehr deutsche Erfolge wünschen - insbesondere bei der Heim-WM 2011. Ist die auch dein erstes Ziel - oder hast du dir auch konkrete Vorgaben für die erste Saison gesteckt?
Charly: Ja sicherlich. Das erste Ziel war, ein schlagkräftiges Trainerteam zusammenzubauen, in dem wir, und das ist ein wichtiges Ziel, eine andere Kultur des miteinander Arbeitens etablieren können. Das war für mich mit einer gewissen Distanz schwierig zu verstehen: Das nicht alle verstehen, dass sie letztlich im gleichen Boot sitzen. Und das am Ende alle davon profitieren, wenn der sportliche Erfolg da ist, ganz egal von wem und auf welcher Ebene. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt. Ein Team zu formen, das letztlich auch als Team auftritt, sich als Team versteht und als Team arbeitet. Und dann ist natürlich wichtig: Wir haben ein Olympia-Jahr und da gehen wir nicht einfach drüber, da ist unser Ziel, den einen oder anderen Athleten erst einmal nach Olympia zu bringen und, wenn wir den Felix nehmen, der durchaus zu den Medaillenkandidaten in seiner Paradedisziplin Slalom gehört, dann ist es das Ziel, dass er auch eine Medaille gewinnt. Dann ist es unser Ziel in den Speed-Disziplinen, dass die Athleten, die ja schon einmal gezeigt haben, dass sie das Potenzial haben, in der erweiterten Weltspitze mitzufahren, ihre Leistungen punktgenau abrufen können und hoffentlich bei Olympia ihre beste Leistung zeigen. Mittelfristig geht es sicher auf die Heim-WM in Garmisch, und da ist mir wichtig, diese Vision in den Köpfen der Athleten und der Trainer besser zu platzieren. Dass wir eine Heim-WM haben ist das beste, was einem Athleten passieren kann, vor dem eigenen Publikum zu Hause eine WM zu fahren.

ski2b: Dabei wünschen wir viel Erfolg. Vielen Dank für das Interview!