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Es war ein schlimmer Unfall. Ski-Fans aus aller Welt litten mit dem Anfang März beim Super-G von Kvitfjell gestürzten Matthias Lanzinger und konnten nur verfolgen, dass dieser tatsächlich zwei Tage nach dem Crash sein Bein verlor. Die Umstände waren alles andere als normal. Probleme mit dem Hubschrauber, keine optimale Behandlung im Krankenhaus - eine perfekte Versorgung sieht anders aus. Aber hat der Athlet Lanzinger wirklich das Recht auf Schadenersatz? Und was würde das für künftige Unfallopfer im Weltcup bedeuten?

Zu den Fakten: Noch Ende September hatte man aus Kvitfjell vermeldet, die dortige Rennleitung sehe sich ohne Schuld, man habe sich schließlich an die FIS-Regularien gehalten. Die FIS wiederum lässt alle Athleten eine Erklärung unterschreiben, die unter anderem besagt, dass die Athleten gegenüber der FIS, dem nationalen Skiverband und dem Organisator sowie deren Mitgliedern, Direktoren, Funktionären, Freiwilligen, Lieferanten und Agenten auf alle Ansprüche aus Verlust, Verletzung oder sonstigem Schaden aus deren Teilnahme an den von der FIS genehmigten Wettbewerben oder Trainings verzichten. So weit so klar: Auch Lanzinger hat diesen Passus unterzeichnet und damit auf alle eventuellen Ansprüche verzichtet.



Lanzingers Anwalt argumentiert anders. Er verweist auf ein medizinisches Gutachten, wonach eine unvertretbare Verzögerung beim Transport Lanzingers ins Krankenhaus sowie mangelhafte chirurgische Versorgung im Osloer Spital Grund für die Amputation gewesen seien. Die konkreten Vorwürfe lauten: 1. Das Krankenhaus in Lillehammer, wohin Lanzinger zuerst eingeflogen wurde, hatte nachweislich nicht die Kompetenz, dessen Verletzung zu behandeln - das war vom Veranstalter jedoch ausgewiesen und von der FIS nicht geprüft worden. 2. Auch in der zweiten Klinik in Oslo habe es medizinische Fehlleistungen gegeben. 3. Erst 31 Stunden nach dem Sturz wurde der österreichische Gefäßchirurg Thomas Hölzenbein hinzugezogen, da war das Bein schon nicht mehr zu retten. Gegen die FIS spricht also: Die Einhaltung der Vorschriften für das Rettungswesen wurde in Kvitfjell offenbar nicht ernsthaft geprüft. Für die Behandlung durch die Ärzte in Oslo kann der Weltverband nichts.

Die bittere Wahrheit im Fall Lanzinger ist: Wäre er bei einem anderen Rennen gestürzt, hätte er wahrscheinlich noch beide Beine und könnte langsam an ein Comeback auf der Piste nachdenken. Das zeigt der ähnlich schwere Sturz von Marlies Schild vor wenigen Wochen in Sölden. Es gibt Weltcup-Orte mit Flugverbot - in Nordamerika darf teilweise gar kein Rettungshelikopter starten. Es gibt auch in den Alpen trotz vielleicht höchster Sicherheitsstandards Streckenteile, die so exponiert sind, dass eine Hubschrauberbergung nicht möglich ist. Diese Sonderfälle sind bekannt und akzeptiert. Doch in Kvitfjell hätte Matthias Lanzinger sein Bein nicht verlieren müssen. Daher scheint seine Klage berechtigt, trotz der Athletenerklärung. Denn in diesem Fall haben die verantwortlichen Instanzen schlicht schlampig gearbeitet und so die Gesundheit der Sportler gefährdet.

Offen bleibt, wer dafür zur Verantwortung gezogen werden kann. Nicht nur Lanzingers Anwalt wird die Neuerungen zum Rettungswesen seitens der FIS für die neue Saison als nachträgliches Schuldeingeständnis werten. Der Weltverband muss nun in den nächsten drei Wochen reagieren. Präzedenzfälle gibt es kaum. Nach dem tödlichen Unfall von Ulrike Maier im Jahr 1994 verklagte Maiers Lebensgefährte Hubert Schweighofer die FIS-Verantwortlichen Kurt Hoch und Jan Tischhauser - 1996 kam ein Vergleich zu Stande, nach dem Maiers Tochter Melanie ein Fond in Höhe von 600.000 Schweizer Franken zur Verfügung gestellt wurde. Ein Schuldeingeständnis gab es hier nicht. Ein neues Urteil könnte für die Zukunft im Skirennsport also Konsequenzen haben. In jedem Fall sollte die Einhaltung der maximalen Sicherheitsvorschriften nun wieder höhere Priorität genießen. Für Matthias Lanzinger kann das allerdings nur ein schwacher Trost sein.