Bode Miller echauffierte sich wieder. Jeder Athlet sei austauschbar, so der Amerikaner in Sölden. Nicht einmal der Tod eines Rennfahrers - und sei es ein Spitzenfahrer - würde daran etwas ändern. Ziel seiner Kritik ist der Ski-Weltverband FIS, der mit seinen veralteten Strukturen dieses System aufrechterhalte. Was ist dran an dieser Kritik? Und wie sicher kann der alpine Rennsport wirklich sein?

Die FIS wehrt sich. Die Strecken seien sicherer als je zuvor, auch das Rettungswesen unterliegt seit dem FIS-Kongress in Kapstadt neuen Vorschriften, um Tragödien wie den Fall Lanzinger zu vermeiden. Das sind lobenswerte Ansätze, wenn auch kritisch hinterfragt werden darf, warum Matthias Lanzinger erst ein Bein verlieren musste, bis die bestehenden Vorschriften für Rettungshelikopter in Frage gestellt wurden. Doch das alles hat Bode Miller wohl kaum gemeint.

Vielmehr dürfte es Miller darum gehen, wie die Skifahrer in Entscheidungen an den Rennorten einbezogen werden. Bereits in Kitzbühel 2008 beklagte der spätere Hahnenkammsieger, dass der Zielsprung nicht wie von den Fahrern erbeten abgetragen und damit entschärft wurde. Opfer dort wurde Scott Macartney. Und vor allem immer dann, wenn das Wetter die Bedingungen stark beeinträchtigt sind die Renndirektoren Hujara und Skaardal gefragt. Ihr Druck ist hoch. Ein Weltcup-Rennen ist ein Event, bei dem es um viel Geld geht, um Sponsoren und Fernsehverträge. Abgesagt wurde zuletzt nur bei wirklich katastrophalen Bedingungen, eine Windlotterie oder Nebelbänke, aber auch starke Winde und schwache Schneebedingungen nimmt man zumeist in Kauf. Sicher dienen diese Entscheidungen oft nicht der Sicherheit der Fahrer.



Welche Möglichkeiten bestehen also? Soll wirklich jedes widrige Rennen abgesagt werden? Das Risiko im alpinen Skirennsport ist unbestritten enorm hoch, viel höher, als beispielsweise im Langlauf. Rund 30 Prozent der Alpinen fehlen mindestens für einen Wettbewerb im Winter verletzungsbedingt - im Langlauf sind es nur rund sechs Prozent. Wer mit bis zu 150 Stundenkilometern den Berg hinab rast, ist nie wirklich sicher. Der Skifahrer hat kein Formel 1-Monocoque zur Verfügung. Das Risiko fährt immer mit. Und das ist ein Teil der Attraktivität dieses Sports. Szenen wie Millers wilder Ritt auf der Bande der Streif machen ihn selbst zum Superstar und die Strecke zur Legende - im Gegensatz zu 'Autobahn-Abfahrten' wie in Lake Louise.

Hujara und Co. wandeln auf einem sehr schmalen Grat. Sie müssen das Risiko für die Sportler kalkulierbar halten. Geht das gut, liegen sie richtig. Verliert ein Athlet die Kontrolle, tragen sie automatisch einen Teil der Schuld. Wir können nur hoffen, dass in Zukunft ihre Entscheidungen richtig sein werden - und aus den richtigen Gründen getroffen werden. Falls doch ein Unfall geschieht, muss den Aktiven, die sich solchen Gefahren stellen, sehr schnell und kompetent geholfen werden können. Mehr Sicherheit geht wahrscheinlich nicht.

Millers Vorwürfe sind daher überzogen. Athleten sind nicht austauschbar, ihre Siege und Tragödien sind vielmehr Teil des Sports. Das ist nicht die Schuld von Günther Hujara. Aber Miller hat auch recht. Er nutzt seine Prominenz, um das Thema Sicherheit in der öffentlichen Diskussion zu verankern. Sicher nicht zum letzten Mal.