Für Johannes Stehle war die Saison 2007/2008 nach elf Jahren in der Nationalmannschaft die letzte - bei Ski2b spricht er über die Gründe für seinen Rücktritt und seine neuen Ziele.

Ski2b.com: Hallo Johannes, du bist im Frühjahr vom Leistungssport zurückgetreten. Wie geht es dir jetzt einige Wochen später - und was machst du gerade?
Johannes Stehle: Mir geht es momentan recht gut, weil sich der Körper doch langsam von den Strapazen des Winters erholt und die Schmerzen weniger werden. Und wir bauen ja auch gerade unser Haus, da wird's mir garantiert nicht langweilig.

Ski2b: Die Entscheidung aufzuhören war sicher keine leichte für dich.
Johannes: Ganz klar, ich glaube das ist die schwierigste Entscheidung als Sportler.


Ski2b: Gab es einen besonderen Punkt an dem du gemerkt hast, dass es nicht mehr geht?
Johannes: Ich hatte mir klare Ziele gesteckt vor dem letzten Winter - ich wollte unter den Top 30 sein in der Abfahrt. In den Jahren davor lief es eigentlich immer identisch. Wenn ich fit war, ist es gut gegangen. Auch vor der letzten Saison war die Vorbereitung OK, die Überseerennen liefen eigentlich gut, Gröden auch. Und dann kommt Bormio und es ist zum ersten Mal so eisig und unruhig, dass mein Knie nicht mehr mitspielt. Danach war ich dann nie mehr schmerzfrei, das Knie wurde dick. Und dann kannst du einfach nicht mehr vorne reinfahren.

Ski2b: Wie hat dein Umfeld reagiert?
Johannes: Die meisten hatten Verständnis dafür. Ich habe diese Entscheidung ja auch unter medizinischen Gesichtspunkten getroffen, habe viel mit den Mannschaftsärzten gesprochen, von denen einer ja auch mein Onkel ist. Alle waren der Meinung, dass ich nicht ohne Knieprobleme weitermachen könnte. Ich glaube meine Mutter und Evi (Johannes Stehle ist mit der Langläuferin Evi Sachenbacher-Stehle verheiratet, Anm. d. Red.) waren auch ein bisschen froh, dass ich mich zum Aufhören entschlossen habe

Ski2b: Hast du befürchtet, dass dir bei einer Fortsetzung der Karriere vielleicht auch irreparable Knieschäden drohen?
Johannes: Ich habe ja schon Arthrose im Knie durch die Verletzungsschäden, durch zwei Kreuzbandrisse und einen Knorpelschaden. Im Leistungssport ist das Risiko eben extra hoch - und dieses Risiko ist zu hoch, wenn es dann nicht ganz nach vorne geht.

Ski2b: Du warst elf Jahre lang Mitglied der Nationalmannschaft - was nimmst du aus dieser Zeit mit?
Johannes: Es war eine sehr schöne Zeit, hart - aber sehr schön. Vom Leistungssport kann jeder nur profitieren, denke ich. Im Berufsleben, das jetzt auf mich zukommt, ist das sicher ähnlich. Ich habe bisher auch für den Sport gelebt und behalte das in guter Erinnerung.

Ski2b: Erinnerst du dich an ein besonders schönes oder skurilles Ereignis aus dieser Zeit?
Johannes: Es gibt so viele schöne Szenen, die ich im Kopf habe - auch gerade von den Dingen, die wir abends gemeinsam erlebt haben. Aber als Sportler sind die schönsten Momente die, wenn man Erfolg hat.

Ski2b: Jetzt steht ein völlig neuer Lebensabschnitt an. Wie geht es für dich weiter?
Johannes: Erst bauen wir unser Haus, damit habe ich viel zu tun. Und danach möchte ich gerne ein Studium beginnen, ich denke an Wirtschaftsmathematik. Das stelle ich mir spannend vor, und auch anstrengend.

Ski2b: Das wird sicher hart - vorher Outdoorsportler pur, und jetzt eingesperrt in Hörsälen und zwischen Büchern.
Johannes: Ja, das ist speziell - aber ich brauche auch etwas, in das ich mich neu festbeißen kann, wie vorher ins Skifahren.

Ski2b: Das heißt, du wirst das Studium sportlich nehmen?
Johannes: (lacht) Ja, so kann man es wohl sagen.

Ski2b: Was ist deine berufliche Perspektive?
Johannes: Ich habe viele Kontakte, derzeit finde ich die Option sehr interessant, als Finanzberater die Betreuung von Spitzensportlern anzugehen.

Ski2b: Deine Frau ist ja weiterhin als Athletin den ganzen Winter über unterwegs. Wirst du sie nun zu ihren Wettkämpfen begleiten?
Johannes: Ich denke schon, dass ich hin und wieder mal vorbeischauen werde, wenn es sich zeitlich vereinbaren lässt. Vor allem bei den Wettkämpfen hier vor Ort werde ich sicher dabei sein und sie unterstützen. Jetzt habe ich ja am Wochenende ja auch mehr Zeit, die vorher einfach nicht da war.

Ski2b: Wie bleibst du dem Skisport verbunden?
Johannes: Es gab schon einige erste Anfragen, mein ehemaliger Konditionstrainer hat mich angesprochen, ob ich bei ihm nicht mitfahren will. Auch der Bereich Trainer wäre interessant, da gibt es Möglichkeiten über den DSLV. Im Moment ist das aber nicht konkret.

Ski2b: Aber nach so vielen Jahren Outdoorsport wirst du auf das Skifahren selbst jetzt kaum verzichten können, oder?
Johannes: Absolut! Wenn man so lange Wintersport betrieben hat dann muss das auch so sein, sonst hätte man etwas falsch gemacht. Das Skifahren war immer meine größte Leidenschaft. Wenn es dann wieder schneit, wenn erste Weltcup-Rennen anstehen, dann werde ich auch raus müssen, dann wird es mich jucken. Das ist klar. Das gute ist: Ich kann dann einfach in den Powder und Spaß haben, das war ja vorher gar nicht so drin!

Ski2b: Vielen Dank Johannes - und viel Glück und Erfolg für deine Zukunft!