Man sprach von einem der besten Dopingkontrollsysteme der Welt, wenn Kontrollen bei deutschen Sportlern ein Thema waren. Am Mittwochabend brachte eine Dokumentation in der ARD so manchen Zuschauer ins Grübeln und den ein oder anderen Sportler in die Nähe praktizierten Dopings. Lücken im System würden es ermöglichen, dass Athleten Tests durch Abwesenheit umgehen könnten und dafür nicht bestraft würden. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wieso bestimmte Sportler mehrmals zu Kontrollen nicht anzutreffen waren.

Hintergründe und Regelwerk
In Deutschland ist die Nationale Antidopingagentur (NADA) als unabhängige Organisation beauftragt, Trainingskontrollen an deutschen Sportlern durchzuführen. Der Etat der Agentur stammt zu erheblichen Teilen aus Steuermitteln und von Sportverbänden. Dabei gilt es allerdings mithilfe von acht festangestellten Mitarbeitern die Kontrollen für circa 9000 Sportler zu organisieren. Die Durchführung der circa 4000 Kontrollen pro Jahr erfolgt dann durch etwa 40 freie Mitarbeiter. Alleine diese Zahlen zeigen bereits, dass aufgrund zu geringer Finanzmittel zu wenig Personal für den Antidopingkampf bereitsteht. Um den Kontrolleuren die Arbeit zu erleichtern, wurden einige wichtige Regeln aufgestellt. Grundsätzlich ist eine Kontrolle zwischen 7 und 23 Uhr möglich. Befindet sich der Athlet in einer zentralen Trainingsmaßnahme seines Verbandes verlängert sich der Zeitraum auf 6 bis 24 Uhr. Vor der Probennahme darf er allerdings das Training
beenden. Nach der Abgabe des Urins teilt der Sportler dieses unter Anleitung des NADA-Beauftragten in eine A- und B-Probe auf. Zum Schluss werden beide Proben unter Aufsicht des Sportlers versiegelt.
Der Sportler muss darüber hinaus seinen Aufenthaltsort in einem passwortgeschützten Bereich auf der Homepage der NADA angeben. Der Ort darf nie länger als 24 Stunden unbekannt sein. Dort muss der Athlet dann auch für Kontrolleure zu erreichen sein. Ist er das nicht, sieht das Regelwerk eine Verwarnung durch die NADA vor. Ist er bei einer weiteren Kontrolle ebenfalls nicht anzutreffen, ist eine Sperre von drei Monaten zu verhängen. Bei jedem weiteren Nichtantreffen erhöht sich die Sperre bis zu einem Zeitraum von zwei Jahren.

Die Rechercheergebnisse der Dokumentation
Zwei Redakteure des Rundfunkt Berlin-Brandenburg (RBB) nahmen in den letzten Monaten das Kontrollsystem der NADA genauer unter die Lupe. Ihre Recherche brachte dabei eine Liste mit 400 sogenannten "missed tests" (unangemeldeter Test, bei dem der Sportler nicht angetroffen wird) zutage. Einige Sportler, darunter auch Olympiasieger und Weltmeister seien im Zeitraum einiger Monate sogar mehrmals hintereinander nicht angetroffen worden. In einer Szene wird gezeigt, wie Kontrolleure vergeblich versuchen, einen nicht näher benannten Biathleten aus dem Chiemgau zu kontrollieren. Nachdem dies misslingt, stellt einer der NADA-Mitarbeiter fest: "Wir müssen die potentiellen Dopingsünder unter denen vermuten, die wir permanent nicht antreffen." Bei einer unangemeldeten Kontrolle während eines Trainingslagers der Biathleten im November in Kittilä (Finnland) wird Andi Birnbacher vor laufender Kamera damit konfrontiert, dass er sich seit mehreren Wochen nicht mehr abgemeldet habe.
Gegen Ende der Sendung wird DSV-Präsident Alfons Hörmann um ein Statement zu den "missed tests" bei Athleten seines Verbandes gebeten. Er stellt allerdings fest: "Uns ist kein einziger Fall gemeldet, der gegen die Regeln verstößt. Wir können als Verband nur dort eingreifen, wo uns Dinge vorliegen."


Reaktionen und Schlussfolgerungen
Zwar sind die Sportler grundsätzlich selbst für ihre An- und Abmeldung verantwortlich, bleibt eine Bestrafung allerdings aus, ist das Kontrollsystem unwirksam. Bestraft können Athleten allerdings nur werden, wenn die NADA bei einem "missed test" eine Verwarnung ausspricht. Auch eine Sperre kann erst ausgesprochen werden, nachdem der Athlet bereits einmal verwarnt wurde. Dazu Stefan Schwarzbach, Pressesprecher des DSV: "Wir haben in den letzten Monaten weder mündlich noch schriftlich eine Mitteilung der NADA über nichtangetroffene Sportler des DSV oder Unregelmäßigkeiten bei Dopingkontrollen erhalten."
Seit einem Jahr sind die DSV-Athleten selbst für die An- und Abmeldung zuständig. Dies wurde ihnen vom Verband rechtzeitig mitgeteilt. Allerdings könnte das Meldesystem durchaus eine Vereinfachung vertragen. Dies wäre durch eine bessere Zusammenarbeit von NADA, WADA (Weltantidopingagentur) und der internationalen Verbände durchaus möglich. Andi Birnbacher erklärte zum Beispiel im ZDF Interview, dass er Probleme gehabt habe, sich mit seiner persönlichen PIN in den An- und Abmeldebereich der Homepage der NADA einzuloggen. Eine Meldung per SMS könnte diesen Vorgang deutlich einfacher und mobiler gestalten, da keine Internetverbindung mehr nötig wäre.
Die NADA lässt unterdessen vermelden, dass man unabhängig von der Dokumentation bereits Maßnahmen gegen die "missed tests" eingeleitet habe. Zwar will NADA-Geschäftsführer Roland Augustin die Zahl von 400 "missed tests" nicht bestätigen, bestreitet aber auch nicht, dass es Sportler gibt, die diese Lücke im Kontrollsystem ausnutzen. Eine Anbindung an das Datensystem der WADA, ein nationaler Testpool und eine festgelegte Verfahrensweise mit "missed tests" soll seit 1. Januar 2007 Abhilfe schaffen.
Bleibt zu hoffen, dass diese Maßnahmen möglichst zielgenau greifen. Im DSV ist die Linie sowieso klar festgelegt. "Unsere Sportlerinnen und Sportler stehen immer für Dopingtests zur Verfügung", so Schwarzbach.