Ski2b.com: Wie bewertest Du die Lage im alpinen Bereich des DSV?
Tobias Barnerssoi: Die Lage ist klar: Martina Ertl-Renz hat für den einzigen Podestplatz des Frauen-Teams gesorgt, Alois Vogl für den einzigen bei den Männern. Einen deutschen Sieg gab es nicht. Und bei Olympia war die Bilanz so schlecht wie seit 1968 nicht mehr. Das tut weh! Vor allem wenn man ehemaliger Skirennläufer ist und das Herz am Alpin-Rennsport hängt.
Aber ich sehe auch positive Ansätze: Die großen Hoffnungen ruhen auf Maria Riesch. Ich wünsche ihr ein gelungenes Comeback nach ihrer erneuten Verletzung und dass sie die hohen Erwartungen erfüllen kann. Ich traue es ihr auf jeden Fall zu! Auch die Saison von Felix Neureuther sehe ich nicht so negativ wie einige sie gemacht haben. Seine Auftritte in den Slaloms von Shigakogen sind leider in der Presse untergegangen und deshalb nicht so gewürdigt worden. Trotzdem waren sie klasse! Außerdem haben die Funktionäre gegenüber meiner Zeit dazu gelernt und Felix trotz nur halber Norm zu Olympia mitgenommen. In Turin hat er Live mitbekommen, dass Olympia halt doch KEIN "normales Rennen wie jedes andere" ist. Diese Erfahrung hat er schmerzlich gemacht. Sie wird ihm aber bei zukünftigen Großveranstaltungen sehr helfen."

Ski2b.com: Welche Maßnahmen sollten Deiner Meinung nach ergriffen werden, um den alpinen Skirennsport in Deutschland wieder nach vorne zu bringen?
Tobias: Alois Vogl wird wahrscheinlich noch ein Jahr dranhängen. Hilde Gerg und Martina Ertl-Renz haben ihre Rücktritte schon bekannt gegeben. Damit ist die Goldene Ära, das deutsche Frauen-Wunder, endgültig vorbei. Jetzt nach Olympia ist die beste Gelegenheit einen Neuanfang zu wagen. Wenn nicht jetzt wann dann? Wichtig ist jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen und die Grundlagen zu legen, dass der Alpin-Sport wieder auf die Beine kommt. Meiner Meinung nach entscheiden die nächsten Monate über das Schicksal des Alpinrennsports für die nächsten 5-10 Jahre. Die Alpinen drohen in die 2. Reihe gedrängt zu werden. Andere Sportarten schieben sich in den Vordergrund. Der DSV hat Siegertypen im Biathlon, Langlauf und Nordischer Kombination. Die Folgen könnten fatal sein. Ich sehe die Auswirkungen ja bei uns in der Sportredaktion. Auch beim Fernsehen werden alle Strukturen nach Olympia in Frage gestellt. Die Alpinen drohen nicht mehr die Rolle zu spielen, die sie schon mal gespielt haben. Vorsichtig ausgedrückt!
Fehler, die in den vergangenen Jahren bei den Alpinen "vertikal" gemacht wurden, dürfen jetzt nicht "horizontal" gemacht werden. Sprich: Als man im Weltcup Siegfahrer hatte wurde die Nachwuchsarbeit quasi eingestellt. Jetzt wo man Siegertypen bei den Nordischen hat darf man die "Baustelle Alpin" nicht einstellen.
Ich habe aber großes Vertrauen in Alfons Hörmann und seine Mannschaft im Präsidium, sie wissen um die Wichtigkeit des Alpinrennsports. Ich wünsche ihnen den Mut, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen."

Ski2b: Tobias, vielen Dank für diese Ausführungen.