Auf dem Olymp wohnen bekanntlich die antiken Götter der Griechen. Ob diese sich nun für alpine Skifahrer interessiert haben, ist bislang nicht überliefert - Fakt ist aber, dass sich auch bei diesen Olympischen Winterspielen wieder einige Athleten zu Ski-Göttern aufgeschwungen haben, während andere ohne die erhoffte Erfolge die Heimreise antreten mussten. Das waren die alpinen Wettbewerbe bei den Spielen von Turin 2006.

Deneriaz und Ligety überraschen
Die Herrenwettbewerbe begannen mit zwei Paukenschlägen. Bei der Abfahrt, der Königsdisziplin, riss Antoine Deneriaz nach einem perfekten Lauf dem österreichischen Top-Favoriten Walchhofer die Goldmedaille noch aus der Hand. Dem als reinen Gleiter bekannten Franzosen war das auf dieser auch technisch anspruchsvollen Strecke nicht zugetraut worden. Für Walchhofer war die Silberne der einzige Lichtblick der Spiele. Nach dem Aus in der Kombination wurde er bereits zum Super-G nicht mehr nominiert und trat vorzeitig die Heimreise an. Für den ÖSV folgte in der Kombination gleich der nächste Rückschlag. Das fest eingeplante Gold für Benni Raich löste sich mit dessen Ausfall in Luft auf. Statt dessen jubelte der beste Slalom-Fahrer dieses Tages: Ted Ligety fuhr in zwei furiosen Durchgängen von Platz 32 nach der Abfahrt auf den ersten Platz vor und holte bei Olympia seinen ersten großen Sieg überhaupt. Das rechtfertigte den übergroßen Jubel des 21-Jährigen und seiner Landsleute im Ziel. Silber sicherte sich hier Ivica Kostelic, der nach der verkürzten Abfahrt und zwei Slalom-Durchgängen noch vor Rainer Schönfelder lag.

Aamodt erweitert seine Sammlung
Der Norweger Kjetil Andre Aamodt hat es wieder einmal allen gezeigt. Ungeachtet der Tatsache, dass die Österreicher fast alle Super-G Rennen im Weltcup unter sich ausgemacht hatten, schlug er beim Rennen des Jahres in dieser Disziplin eiskalt zu und holte sich seinen vierten Olympiatitel. Es war seine 20. Medaille bei Großereignissen und eine Krönung der Karriere für Aamodt, der nun aber vielleicht sogar noch weiterfahren will. Nur Hermann Maier, bei dem nach einigen Erkältungsbeschwerden kurz zuvor auch noch Asthma festgestellt worden war, konnte die Bilanz der Österreicher in deren Lieblingsdiziplin mit Platz zwei schönen. Für die Schweizer Herren sorgte Ambrosi Hoffmann überraschend für die zweite Medaille, nachdem Didier Cuche bereits Bronze in der Abfahrt gewonnen hatte. Eine Nullnummer wie bei der letzten WM in Bormio blieb Swiss Ski damit erspart.

Raich schlägt zurück - ÖSV-Dreifachsieg im Slalom
Nach dem wenig erfolgreichen Auftakt schlug dann bei den Herren die Stunde des Benni Raich. Der Gesamtweltcupführende hatte zuvor Gold in der Kombination verloren und im Super-G als 21. nicht überzeugt. Doch im Riesenslalom und im Slalom spielte er seine Klasse aus und holte beide Goldmedaillen. Im Riesenslalom siegte der Pitztaler vor dem Franzosen Joel Chenal und Hermann Maier, im Slalom führte er gar zwei weitere Landsleute auf das Siegerpodest: Reinfried Herbst und Rainer Schönfelder landeten auf den Plätzen zwei und drei. Beide Rennen hatten es in sich. Im Riesenslalom sorgten zunächst Wetterprobleme für eine Startverzögerung, danach ging es sportlich zur Sache. Gleich neun Fahrer hatten nach einem engen ersten Durchgang noch Hoffnungen auf Edelmetall, ehe Raich im Finale auftrumpfte. Im Slalom schieden dann die Medaillenanwärter gleich in Serie aus: Giorgio Rocca ließ die Träume der Tifosi unerfüllt, Ligety und Miller kamen ebenso bereits im ersten Durchgang nicht ins Ziel wie der Deutsche Alois Vogl. Doch erst der Einfädler des starken Finnen Kalle Palander im Finale öffnete den Österreichern das Tor zum ganz großen Triumph. Für das DSV Herren Team endeten die Spiele enttäuschend: Felix Neureuther startete in Riesenslalom und Slalom, Alois Vogl nur im Slalom. Keiner von beiden schaffte es, in die Wertung zu kommen.

Doppel-Gold für Dorfmeister
Anders als bei den Herren sorgten die ÖSV-Damen gleich zu Beginn der Spiele für gute Ergebnisse. Daran beteiligt war vor allem Michaela Dorfmeister, die sich mit den beiden Goldmedaillen in Super-G und Abfahrt zur alpinen Königin der Spiele aufschwang. Mit ihr gewann die beste Speed-Fahrerin dieses Winters beide Speed-Titel. Keiner wird daran zweifeln, dass sie diese Erfolge zum Ende ihrer großen Karriere wirklich verdient hat. Ebenfalls auf dem Siegerpodest fand sich die Schweizerin Martina Schild in der Abfahrt wieder - ein sicher unerwarteter Erfolg der Eidgenossin, die auch Anja Pärson hinter sich ließ. Im Super-G wurde Dorfmeister von der Kroatin Janica Kostelic und Landsfrau Alexandra Meissnitzer eingerahmt. Leer gingen dagegen die Top-Fahrerinnen Renate Götschl (AUT) und Lindsey Kildow (USA) aus. Beide waren nach Stürzen aber auch nicht völlig fit in die Rennen gegangen.

Kombi-Gold erneut an Kostelic
Es waren nicht die Spiele von Janica Kostelic - und dennoch holte die Ausnahmeathletin auch in Turin einmal Gold und einmal Silber. Bei Abfahrt und Riesenslalom verzichtete die Kroatin aus gesundheitlichen Gründen auf einen Start, im Slalom verpasste sie grippegeschwächt als Vierte eine Medaille nur knapp. In der Kombination aber konnte sie immerhin einen ihrer drei Titel von Salt Lake City 2002 verteidigen. Nach Rang zwei in den Slalom-Durchgängen sicherte sie sich in der nach Wetterproblemen auf den Folgetag verlegten Abfahrt ihren insgesamt vierten Olympiatitel, vor Marlies Schild und Anja Pärson.

Slalom: Pärson nicht zu schlagen
Anja Pärson war dagegen im Slalom auf einer Mission. Sie wollte den Olympiatitel gewinnen. Nach zuvor zweimal Bronze gelang ihr das auch, in ihrer Lieblingsdisziplin. Mit der Startnummer eins ging sie ins Rennen und gab die Spitze danach nicht wieder aus der Hand. Im ersten Durchgang konnte ihr schlicht niemand das Wasser reichen, das Finale brachte sie sicher ins Ziel. Gescheitert waren damit auch die Gold-Ambitionen von Marlies Schild, die Dritte wurde. Auf Platz zwei fuhr mit Nicole Hosp eine weitere Österreicherin vor. Das letzte Damenrennen ging fast im Nebel und Schnee von Sestriere unter. Beim Riesenslalom der Damen hatten diese zu fast keinem Zeitpunkt den Durchblick. Am besten arrangierte sich Julia Mancuso aus den USA mit diesen Verhältnissen und holte sich ihr erstes Olympia-Gold. Dahinter platzierten sich zwei Skandinavierinnen: Tanja Poutiainen freute sich nach dem doch verhaltenen Saisonverlauf mit ihrer ersten Podiumsplatzierung gleich über Silber, Anna Ottosson riskierte im Finale alles und verbesserte sich in einem beeindruckenden Lauf von Platz 13 auf den Bronzerang.

Auch DSV-Damen ohne Medaille
Platz sechs für Petra Haltmayr in der Abfahrt, Rang sieben jeweils für Annemarie Gerg im Slalom und Martina Ertl-Renz in der Kombination. Das ist die Ausbeute des deutschen Olympia-Teams, das mit vier Damen und zwei Herren nur ein Mini-Team war. Die wenigen wirklichen Medaillenchancen im Slalom der Damen und Herren, sowie im Riesenslalom der Damen konnten die Deutschen nicht nutzen. Verglichen mit dem bisherigen Saisonverlauf können diese Ergebnisse nicht einmal enttäuschen - auch bei allen Weltcup-Rennen 2005/2006 sprang erst einmal ein Podestplatz heraus, als Alois Vogl im Slalom von Wengen auf Platz drei fuhr. Dennoch bleibt nach dem Großereignis eine gewisse Ernüchterung zurück, denn die Deutschen waren hier zumeist nur Zuschauer. In drei von fünf Herren-Wettbewerben ging erst gar kein DSV-Athlet an den Start. Grund genug für den Verband, sich über die Nachwuchsarbeit einige kritische Gedanken zu machen.

Österreich erfolgreichste Ski-Nation
Wie erwartet haben die Österreicher die Ski-Wettbewerbe dominiert. Sie gewannen 14 von 30 Medaillen, davon viermal Gold. Für die USA sorgten Ligety und Mancuso immerhin noch für Platz zwei, vor Kroatien, das von den Kostelic's auf Rang drei gehoben wurde. Zwei Überraschungserfolge bringen den Franzosen den vierten Rang ein, gefolgt von den vier Medaillen der Schweden, die zum größten Teil auf das Konto von Pärson gehen. Kjetil Andre Aamodts erneuter Triumph hält die Norweger in der Wertung und auch die Schweizer haben sich in diesem Medaillenspiegel mit einmal Silber und zweimal Bronze verewigt. An achter und letzter Stelle im skialpinen Edelmetall-Ranking hat sich Finnland postiert, dank Tanja Poutiainen.

Die Verlierer von Turin 2006
Enttäuschungen gab es auch auf den Pisten von Sestriere und San Sicario. Allen voran konnten die US-Fahrer Bode Miller und Daron Rahlves ihren hohen Ansprüchen nicht entsprechen. Während Miller vor allem durch Disko-Besuche auffiel, wurde seine sportliche Bilanz mit jedem Rennen schwächer, bis hin zu seinem indiskutablen Auftritt im Riesenslalom. Auch Daron Rahlves trat dreimal als Medaillenanwärter an und scheiterte klar an dieser Vorgabe. Giorgio Rocca, fünffacher Slalom-Sieger im Weltcup, überzeugte weder im Kombinations- noch im Spezialslalom, wie auch keine der italienischen Hoffnungen vor heimischem Publikum für eine Medaille sorgen konnte. Bei den Österreichern blieben die Speed-Fahrer Strobl, Gruber und Reichelt doch weit hinter den Podestplätzen zurück. Auch das kanadische Team blieb trotz einiger Top-Fahrer vier Jahre vor den Spielen im eigenen Land ohne Edelmetall.