Kristian Ghedina ist die Gallionsfigur der Olympischen Spiele in Turin. Der italienische Abfahrtsspezialist hat eine bewegende Karriere hinter sich und will bei seinem letzten großen Auftritt der heimischen Kulisse noch einmal ein Spektakel bieten.

Ski2b.com: Kristian, nach Cortina d\' Ampezzo 1956 finden 2006 zum zweiten Mal Olympische Winterspiele in Italien statt. Die Sportwelt wird ab dem zehnten Februar auf Turin blicken. Was bedeuten die Spiele für Dich?
Kristian Ghedina: Die Olympischen Spiele verbinde ich mit großen Emotionen. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich als Aktiver Olympia im eigenen Heimatland erleben darf. Gerade als ein Sohn des Olympiaortes Cortina hat man eine besonders ausgeprägte Verbindung zu den Spielen. Es ist toll, dass die olympische Flamme in mein Städtchen zurückkommt. Wenn ich bei diesen Spielen eine Medaille gewinnen könnte, dann wäre es für mich das Größte.

Ski2b.com: Du trägst die Olympische Flamme auf deren Weg quer durch Italien in Deine Heimatstadt nach Cortina d’Ampezzo. Wie kommt man zu dieser Ehre?
Kristian Ghedina: Die olympische Organisation hat mich darum gebeten, vermutlich, weil ich durch den Skisport den ich seit 20 Jahren betreibe mit meiner Heimat Cortina d’Ampezzo eng in Verbindung gebracht werde. Persönlich bedeutet mir dieser Moment sehr viel, denn in diesen Tagen wird die ganze olympische Geschichte von Cortina noch einmal aufgearbeitet, und ich bin froh, dabei sein zu dürfen.

Ski2b.com: Im Vorfeld gab es viele Berichte über finanzielle Probleme und Organisationsschwierigkeiten. Können wir uns trotzdem auf schöne Olympische Winterspiele freuen?
Kristian Ghedina: Ich hoffe, dass sich die Probleme nicht zu sehr auf die Rennen und vor allem den olympischen Geist auswirken. Für Italien wäre Olympia eine große Chance, doch bisher hat es viel Kritik gegeben. Ich hoffe, dass mein Land dabei keine schlechte Figur abgibt. Aber der Italiener liebt nun einmal das Improvisieren, der Deutsche hingegen das Planen. Was dies angeht, würde ich mir für uns Italiener ein Stück des organisatorischen Könnens der Deutschen - mit Blick auf die Fußball-WM - auch für Turin wünschen.

Ski2b.com: In Deiner langen und sehr erfolgreichen Karriere hast Du viele Siege erlebt, aber noch nie eine Goldmedaille bei einem Großereignis gewonnen. Gerade bei Olympischen Spielen bist Du bislang leer ausgegangen. Wie wichtig wäre eine solche Medaille für Dich?
Kristian Ghedina: Sportlich wäre es für mich das Allergrößte und die wichtigste Zacke in der Krone, die noch fehlt. Aber egal wie Olympia für mich ausgeht, ich werde den Spaß am Skisport und am Skifahren niemals verlieren.

Ski2b.com: Die alpinen Wettbewerbe der Herren werden in Sestriere ausgetragen. Auf der Olympia-Strecke in Sestriere hast Du bereits 1997 Bronze in der WM-Abfahrt gewonnen. Liegt Dir die Piste?
Kristian Ghedina: Ich würde sagen ‚Ja’. Die Charaktereigenschaften der Piste sind mit meinen persönlichen Fahreigenschaften absolut vereinbar. Ich würde zwar meine Lieblingsstrecke Gröden als Abfahrt bevorzugen, aber auf meiner persönlichen Lieblings-Skala aller Abfahrten liegt Sestriere mindestens im gesicherten Mittelfeld.

Ski2b.com: Das italienische Team hat viele Medaillenaspiranten im Kader, auch einige gute junge Athleten. Was können die Italiener in den alpinen Wettbewerben erreichen?
Kristian Ghedina: Mit Rocca haben wir einen Skistar, der die Favoritenrolle im Slalom trägt. Auch im Riesenslalom haben wir ein starkes Team und reale Medaillenchancen. Im Super-G und in der Abfahrt sind wir nicht ganz auf dem Niveau der Techniker. Bei den Damen ist es momentan eigentlich genau anders herum. Im Speedbereich sieht es gut aus, im technischen Bereich sind wir noch ausbaufähig. Aber für die Zukunft sieht es im italienischen Skisport recht gut aus. Zumindest was das Potenzial des Nachwuchs\' angeht. Leider tut sich Deutschland diesbezüglich etwas schwerer, doch ich bin davon überzeugt, dass Maria Riesch und Felix Neureuther den Deutschen noch viel Freude bereiten werden. Ich stufe beide als große Talente ein. Gut Ding braucht Weile.

Ski2b.com: Wie groß ist der Vorteil, vor heimischer Kulisse als bekanntester italienischer Wintersportler anzutreten?
Kristian Ghedina: Der Ansporn ist groß, der Druck des Volkes und der Medien aber auch. Der Druck ist eben ein zusätzlicher Faktor, mit dem wir Italiener verstärkt konfrontiert werden.. Es gibt wenige Ruhemöglichkeiten und viel Rummel um die Athleten. Dennoch wird bei den Rennen dann auf unsere Tifosi Verlass sein.

Ski2b.com: Was hat sich in der Abfahrt verändert, seit Du als 20-Jähriger Deine ersten Siege errungen hast?
Kristian Ghedina:Zu viel. Die Abfahrten sind heute weniger anspruchsvoll. Manchmal habe ich auf einigen Strecken den Eindruck, dass ich auf einer Autobahn fahre. Die Abfahrten ähneln oftmals zu sehr dem Super-G, sind einfach zu drehend gestaltet. Vor allem aber fehlen mir die 70 Meter Sprünge. Ich denke, dass kann Markus Wasmeier bestätigen, mit dem ich noch auf „richtigen“ Abfahrten unterwegs war.

Ski2b.com: Du warst immer bekannt für Deine kompromisslose Suche nach der Geschwindigkeit und für die waghalsigsten Sprünge im Weltcupzirkus. Gibt es jemanden, der Dein Erbe antreten könnte?
Kristian Ghedina: (Lacht) - Risiko und Geschwindigkeit sind mein tägliches Brot. Ab 100 km/h fange ich an, mich zu unterhalten. Die besten Abfahrer der Welt sind im Vergleich zu früher älter geworden. Aber es gibt auch bei den jungen Burschen gute Fahrer. Silvano Beltrametti wäre sicher heute einer der großen Abfahrer, er war ein außerordentlicher Athlet. Aber sein Schicksal zeigt uns allen, dass wir uns stets an der Grenze bewegen. Am Ende gehört in unserem Sport auch immer Glück dazu. Nun Nachfolger - zu gut habe ich noch vor Augen, als mir vor 16 Jahren Pirmin Zurbriggen nach seinem letzten Rennen gesagt hat, ich würde sein Nachfolger werden. Das hat mich damals tief berührt. Es hat nicht ganz dazu gereicht, aber es ist schon komisch, dass ich jetzt nach meinem Nachfolger gefragt werde. Wie die Zeit doch vergeht. Wenn ich einen Namen nennen sollte, dann muss ich sagen, dass mir Erik Guay aus Kanada besonders gut gefällt. Er riskiert viel.

Ski2b.com: Mit dieser Saison neigt sich auch Deine Karriere als Skirennfahrer dem Ende entgegen. Gibt es Dinge, die Du im Nachhinein anders machen würdest?
Kristian Ghedina: Nicht wirklich, ich habe mich immer auf meinen Instinkt verlassen und den Spaß am Sport gesucht. Das war der Schlüssel zu meinem Erfolg. Ich habe den Sport zwar immer ernst genommen, aber dabei nie verkrampft. Meine gesamte Karriere war für mich wie ein schönes Spiel. Ich bereue nichts. Vielleicht hätte ich mir ein paar Verletzungen ersparen können, die ich mir beim ‚Blödeln’ zugezogen habe. Aber auch das ist Kristian Ghedina. So bin ich halt, und ich brauche diese Freiheit.

Ski2b.com: Wenn Du auf Deine Karriere zurückblickst, was war das kurioseste Ereignis, an das Du Dich erinnerst?
Kristian Ghedina: Ich habe unglaublich viele kuriose Dinge erlebt. In meiner Autobiografie, die in diesen Tagen in italienisch auf dem Buchmarkt erscheint, habe ich viele dieser Erlebnisse beschrieben. Wenn ich aber eines hervorheben müsste, ist es das Reh, welches im Zielhang auf meiner Lieblingsabfahrt in Gröden 2004 vor mir die Piste bei 120 km/h überquert hat. Diese Begegnung war irrsinnig kurios. Noch nie ist ein Reh auf die Piste eines Weltcuprennen gekommen.

Ski2b.com: Wirst Du nach Deiner aktiven Laufbahn dem Skisport verbunden bleiben?
Kristian Ghedina: Ich weiß es noch nicht. Mein ehemaliger Abfahrtsrivale, der heutige Ralley-Star Luc Alphand ist mein großes Vorbild. Die Motoren ziehen mich unglaublich an. Dem Skisport werde ich aber immer verbunden bleiben. So lange ich stehen kann, werde ich Skifahren.

Ski2b.com: Was passiert in Italien, wenn Kristian Ghedina, der erfolgreichste italienische Abfahrer aller Zeiten, die Olympische Abfahrt 2006 gewinnt?
Kristian Ghedina: Sollte dieser Traum in Erfüllung gehen, dann wäre es das erste Abfahrtsgold für Italien seit über 50 Jahren. Die Tifosi werden einen solchen Sieg sicher gebührend feiern. Und ich würde mir ernsthaft Gedanken über einen Rücktritt vom Rücktritt machen.