Ski-Ikone Marc Girardelli hat sich extra für das Olympiaspecial von Ski2b.com Zeit genommen, um über seine eigenen Erfahrungen bei dem sportlichen Großevent zu berichten. Dabei geht der fünfmalige Weltcup-Gesamtsieger auch auf die aktuellen Skirennläufer und ihre Chancen bei den Winterspielen in Turin ein.

Über Olympische Spiele sind schon ganze Sportbibliotheken gefüllt worden, und jede Spiele haben zweifelsohne ihre eigene Geschichte geschrieben - so wird es auch in Turin 2006 sein. Mich persönlich interessiert jedoch auch bei solchen Großveranstaltungen zunächst immer die sportliche Leistung der einzelnen Athleten. Ich will guten Sport sehen. Für Turin und die alpinen Wettkämpfe bin ich da auch zuversichtlich.

Immerhin bietet Sestriere ein sehr anspruchsvolles Skigebiet, und auch die Pisten stufe ich persönlich bei den Herren als äußerst selektiv ein. Ich habe dies leider 1989 im Dezember selbst am eigenen Körper zu spüren bekommen. Damals habe ich beim Super-G den ‚Abflug’ gemacht und muss
noch heute mit den Folgen leben. Denn der Aufprall war so hart, dass es mir den Beckenknochen durch den Gesäßmuskel geschlagen hat. Seitdem habe ich im unteren Rücken und in der Hüfte kein Gefühl mehr. Zudem musste ich danach mein Training umstellen und auch der eigentlich stärkere Linksschwung erwies sich in der Folge des Sturzes auf einmal als mein schwacher Schwung, weil ich die Muskulatur dort nicht mehr so gezielt einsetzen konnte. Mit anderen Worten: die Olympiastrecke hat es aus meiner Sicht in sich.

Ich hoffe wirklich, dass die Athleten im knallharten Rennsport, der es heute erst recht ist, von Verletzungen und Stürzen vor und auch bei Olympia verschont bleiben. Meine ersten Spiele 1988 in Calgary standen nämlich unter keinem guten Stern, da ich mich drei Wochen vor Olympia bei einer Abfahrt in Leukerbad verletzt hatte. Nach den Rippenbrüchen und dem Sehnenabriss im Ellenbogen war die Zeit für einen Formaufbau letztlich zu knapp. Olympia in Kanada geriet für mich dadurch eher zur Aktiv-Reha.

Auf Medaillen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften hat man aber nur eine Chance, wenn man fit ist, im Rennen Mut zum Risiko zeigt und die Motivation stimmt. Ich halte viel von einem Bode Miller, weil ich ein Fan seiner Fahrtechnik bin. Keiner fährt so brutal auf die Stangen zu. Quasi im ‚Holzhacker-Stil’ geht Bode die Rennen an. Miller ist in der Lage schneller zu fahren als ein Raich, aber nicht, wenn es ihm an Motivation mangelt. Einen Olympiaausfall wegen riskanter Fahrweise würde ich ihm
niemals ankreiden. Da muss man attackieren. Aber lustloses ‚Gefahre’ finde ich unerträglich. Ich bin gespannt, ob Miller den Hebel bei Olympia einfach wieder umlegen kann. Dann könnten es seine Spiele werden.

Ich selbst erinnere mich gerne an die Spiele 1992 in Albertville (Frankreich) zurück. Das war im Rückblick meine erfolgreichste Olympiateilnahme. Ich hatte eine gute Form mitgebracht und auch den Willen zum mutigen Attackieren. Im Riesenslalom und im Super-G reichte es zu zwei Silbermedaillen. Ich musste mich im Riesenslalom nur Alberto Tomba und im Super-G Kjetil Andre Aamodt geschlagen geben. Aber auch in der Abfahrt und im Slalom war ich stets ‚bei den Leuten’, bis ich jeweils mit Zwischenbestzeit ausgeschieden bin. Aber ich hatte es wenigstens versucht.
Das erwarte ich mich mir nämlich auch von den Teilnehmern in Turin - Kampfgeist.

Hoffentlich wird man rund um die Spiele nicht bloß wieder in den alten Wahn verfallen und nur nationenweise gebannt auf den Medaillenspiegel schauen. Medaillen, egal um welchen Preis. Für mich haben Pokale oder Medaillen nur dann einen Wert, wenn wirklich eine gute Leistung dahinter gesteckt hat. Und würdigen sollte man zunächst auch die Leistungen der einzelnen Athleten - unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit. Noch heute muss ich mir von Österreichern vorhalten lassen, dass ich damals für den Zwergstaat Luxemburg angetreten bin, statt Medaillen für Austria zu holen. Wegen der Querelen mit dem ÖSV habe ich so zum Beispiel 1984 die Spiele von Sarajevo als Zuschauer erlebt, obwohl ich damals bis dato in der Saison fünf Slaloms gewonnen hatte. Ein Ingemar Stenmark fehlte dort, wegen seines Profistatus' ebenfalls. Gewonnen hat dann im Slalom Phil Mahre aus den USA, der im Weltcup in jenem Jahr in keinem einzigen Durchgang beim Slalom mal vorne war. Aber gestört hat das ehrlich gesagt keinen ‚Hund’. Gold für den Medaillenspiegel. So hatte ich Olympia zunächst erlebt. Ich wünsche mir, dass die besten Fahrer starten können. Leider wird es im Vorfeld schon wieder ‚Opfer’ geben. Gerade in Österreich wird man Sportler aussortieren, die eine Teilnahme aus sportlicher Sicht verdient hätten. Hier steckt Olympia mit seinen Vorschriften der Startplatzbegrenzung in einem Dilemma.

Doch ich bin über die Jahre dann noch zum begeisterten Olympioniken geworden und bedauere im Nachhinein nur, dass ich niemals im olympischen Dorf gewohnt habe. Als Vielstarter bei Olympia kannst Du entweder nette Leute aus anderen Sportarten treffen oder Dich ernsthaft auf deine Wettkämpfe vorbereiten. Ich kann dies nur allen Aktiven wünschen, dass sie terminlich die Zeit haben zu solchen Begegnungen. Dies ist schließlich ein Hauptgrund für Olympia.

Einige Favoriten für Turin sehe ich übrigens durchaus auch neben den Namen Miller und Raich. So könnte ich mir zum Beispiel auch einen Aksel Lund Svindal im Super-G als Olympiasieger vorstellen, da der Super-G sehr technisch sein wird. Auch glaube ich, dass die ‚Alten’ die ‚Jungen’ schon noch kitzeln werden. Bei den Damen sollte man auch auf Dorfmeister, Meissnitzer, Götschl und Ertl-Renz achten. Den Deutschen kann ich übrigens nur wünschen, dass sie sich an das Teamgold bei der WM in Bormio 2005 erinnern und daraus vielleicht den Mannschaftsgeist entfachen, der zu guten Leistungen animieren kann. Medaillenchancen sehe ich nur mit Abstrichen bei Martina Ertl-Renz, die an einem starken Tag mithalten könnte und vielleicht bei einem Vogl und einem Neureuther im Slalom der Herren.

Aber auch ohne eine Medaille kann einem Olympia viel geben. Lillehammer 1994 waren meine letzten Spiele, und ich war eigentlich schon nicht mehr in der Verfassung, um im Slalom und Riesenslalom vorne mitzumischen. Diese extremen Trainingsumfänge konnte ich meinem Körper nicht mehr zumuten. Doch in der Abfahrt und im Super-G reichte es immerhin noch zu einem fünften und einem vierten Platz. Neun Hundertstel Sekunden fehlten am Ende im Super-G zu Bronze. Aber auch knappe Niederlagen gehören zum Sport. Dennoch denke ich gerne an Lillehammer zurück. Das waren Spiele mit Stil und Flair.

Bleibt zu hoffen, dass es auch in Turin schöne Spiele werden, die nicht durch Organisationsprobleme überschattet werden. Wobei Sestriere im Bereich der Hotellerie sicherlich nur eine mittelmäßige Wahl ist. Dieser Gebirgsort hat sich einfach seit Jahren nicht weiterentwickelt. Einmal Olympia wird da nicht ausreichen, um den Ort nachhaltig nach vorne zu bringen, fürchte ich. Wenigstens kann man dort die Pisten gut einsehen, auch, wenn es nur wenige Karten für Zuschauer im Zielbereich geben wird. Nicht, dass es zusätzlich wegen zu hoher Eintrittspreise so endet wie bei der Ski-WM in Bormio. Damals hat man letztlich Schulklassen herangeholt, damit die leeren Ränge gefüllt wurden.

Ich werde jedenfalls die Spiele 2006 in Turin als aufmerksamer Beobachter verfolgen und habe mir fest vorgenommen, dass ich die Abfahrt der Herren live vor Ort anschaue, sofern ich noch eine Unterkunft ergattern kann. Die sind ja rund um die Wettkampf-Orte rar gesät und mit 500€ pro Nacht nicht gerade billig. Da ich seit September vergangenen Jahres als frisch gebackener Ehemann in festen Händen bin, muss ich leider auch auf wesentlich günstigere Möglichkeiten von früheren Bekanntschaften in der Umgebung verzichten. Also stelle ich mich brav in der Schlange an - auch an ‚Gira’ nagt eben der Zahn der Zeit.