Das letzte Jahr vor den XX. Olympischen Winterspielen war geprägt von negativen Schlagzeilen. Häufig ging es dabei um die schlechten Bedingungen an den Wettkampfstätten oder um die finanzielle Lage. Teilweise fühlte man sich an die Meldungen vor den Sommerspielen in Athen 2004 erinnert, als ständig neue Gerüchte um die Sportanlagen kursierten. Allerdings hatte das Turiner Organisationskomitee (TOROC) nicht unbedingt mit der Fertigstellung der Wettkampfstätten, sondern mit der fehlenden Infrastruktur zu kämpfen.

Erinnerungen an die Ski-WM in Bormio
So sahen drei Monate vor der Eröffnungszeremonie noch einige Gebäude aus wie eine einzige Baustelle. Am Turiner Flughafen fehlte es noch an vielen Ecken und Enden. Ebenso stellte es sich mit den Verkehrsanbindungen zu den Wettkampforten dar. Der Internationale Skiverband FIS hofft derweil auf die Improvisationstalente der Gastgeber. Dennoch erinnert die Situation stark an die vergangene alpine Ski-WM 2005 in Bormio. Auch dort waren die Italiener erst zum Beginn der Veranstaltung mit den notwendigsten Arbeiten fertig geworden.

Verkehrschaos in den Alpen
Zwar führen sprichwörtlich viele Wege nach Rom, aber nicht nach Sestriere, wo die alpinen Wettkämpfe stattfinden. Aufgrund der kurvigen Bergstraße zum Austragungsort kommen auch nur 5.400 Zuschauer in den Genuss, sich die meisten Disziplinen der Skirennläufer anzuschauen. Nur bei den Speedwettbewerben der Damen, die in San Sicario ausgetragen werden, können immerhin 8.000 Skifans ihren Favoriten zujubeln.

Novum: Drei olympische Dörfer
Außerdem liegen Sestriere und San Sicario in etwa zwei Stunden von der eigentlichen Olympiastadt Turin entfernt, was die Anreise für Fans und Sportler nicht erleichtert. Beide Gruppen müssen mit stressigen Anreisen rechnen, bei denen Staus vorprogrammiert sind. Kurz gesagt: Die Verkehrssituation in einigen Wettkampfregionen droht aufgrund der fehlenden Infrastruktur chaotisch zu werden.
Da helfen den Athleten auch die drei olympischen Dörfer nicht weiter. Neben dem größten Olympiadorf aller Zeiten in Turin, das sich über 90.000 Quadratkilometer erstreckt, gibt es noch eins direkt in Sestriere und eins in Bardonecchia. Die besonderen Begegnungen im olympischen Sinne wird es da dieses Jahr nur selten geben. Die olympische Familie wird es schwer haben, sich kennen zu lernen. Snowboarder und Freestyler, Eishockeyteams und Eisschnellläufer, Alpinsportler und Langläufer - die drei Gruppen werden wohl unter sich bleiben müssen. Für viele Athleten bedeutet diese Aufteilung aber auch, dass sie Turin womöglich nur auf dem Weg vom Flughafen in die Berge
zu Gesicht bekommen. Die pulsierende Metropole mit ihren kleinen Bars und Cafes und den geschichtsträchtigen Palazzi könnte sich für die Olympioniken dann auf ein paar
Ausblicke aus dem fahrenden Auto beschränken. Es wurde in diesem Zusammenhang immer vom hoch gelobten ‚olympischen System’ gesprochen, der Verbindung einer Metropole mit den nahen Skisportressorts. Nur ist das wirklich ein Vorteil, wenn die Wettbewerbe verstreut in den Piemonter Alpen, wo alle Sportarten, die nicht in einer der Turiner Eishallen ausgetragen werden können, stattfinden.

Quartiersorgen machen die Spiele teuer
Außerdem bietet Sestriere laut DSV-Generalsekretär Thomas Pfüller keine guten Trainingsbedingungen, sodass für die Athleten zusätzliche Quartiere angemietet werden mussten. Dadurch rechnet der Deutsche Skiverband mit Zusatzausgaben von 300.000 Euro, denn die Preise für die Unterkünfte vor Ort sind völlig überzogen. Dies ist aber nötig, da in der Bergregion um den italienischen Skiort kaum Unterkünfte zur Verfügung stehen, weshalb Trainer sowie Offizielle weit entfernt von den Wettkampfstätten unterkommen müssen.

60 Millionen fehlen im Budget
Dies sind allerdings Probleme, mit denen sich eher die Zuschauer und die Sportler plagen müssen. Das TOROC hat ganz andere Sorgen, denn die größten Probleme sind finanzieller Natur. Es fehlen offenbar bis zu 60 Millionen im Budget. Lange Zeit drohte die Insolvenz, da die italienische Regierung im Laufe des Jahres 2005 die Unterstützung der Spiele im Rahmen eines Sparpaketes erheblich gekürzt hatte. Im Dezember wollte die Regierung das Turiner Budgetloch aber mit einem Last-Minute-Deal wieder stopfen, um die Winterspiele zu sichern. Diese Maßnahme scheint aber eher öffentlichkeitswirksam gewesen zu sein, da das römische Parlament ohnehin für die Verluste hätte aufkommen müssen.

Visitenkarte für Italien
Aufgrund des Sparplans geriet das Organisationskomitee in die roten Zahlen und war gezwungen, neue Sponsoren zu suchen. Bereits im Oktober hatte sich Gianni Petrucci, der Vize-Präsident des Komitees, besorgt zu Wort gemeldet: "Ich hatte den Eindruck, dass alle politischen Kräfte die Bedeutung der Winterspiele begriffen haben. Die Winterspiele sind die Visitenkarte Italiens in der Welt." Die Kürzungen der Regierung betrafen unter anderem die Sicherheit, für die sie selbst zuständig ist. Außerdem sollten damit die Werbekampagne und mehrere Dienstleistungen für Sportler und Journalisten bezahlt werden.

Teures Ehrenamt
Auch die freiwilligen Mitarbeiter müssen aufgrund der Finanzmisere mit einem teuren Ehrenamt rechnen, denn das TOROC entschied sich dazu, die Leistungen für sie herunterzusetzen. So wurde die Übernahme der Kosten für An- und Abreise, Unterkunft und einen Teil der Verpflegung sowie die Unterstützung bei der Zimmersuche gestrichen. Die Volunteers erhalten nun nur noch eine Mahlzeit pro Arbeitsschicht und eine Uniform.



Träumen in Turin?
Man kann also gespannt sein, was uns die Olympischen Spiele in Italien bieten. So ideal, wie sich die Organisatoren ihr olympisches System vorgestellt haben, ist es anscheinend nicht. Für die Spiele ist aber zu hoffen, dass sich die Ankündigungen der Verantwortlichen doch noch erfüllen: Olympia in Turin, "das ist wie träumen mit offenen Augen".