Gute Planung ist für eure Tour unerlässlich. Unternehmungen im winterlichen Backcountry sind umso sicherer, desto besser sie geplant und organisiert sind. Dabei dauert eine gute und gewissenhafte Tourenplanung meist nicht länger als 20 Minuten, zudem sind während einer Tour unterwegs "immer wieder Entscheidungen zu treffen, die entsprechend umgesetzt werden müssen", so die Experten Durner und Römer. Werner Munter schreibt dazu: "Auch wenn wir die Lawinengefahr nur indirekt erschließen (vermuten, erraten) und diese Einschätzung in jedem Fall nur den Stellenwert eines Indizienbeweises hat, heißt das keineswegs, daß man auf jede Beurteilung und Planung verzichten kann, im Gegenteil: Wir müssen versuchen, uns möglichst viel Informationen zu verschaffen und diese systematisch zu verarbeiten, zu gewichten und zu vernetzen. Mit einer guten Strategie kommen wir trotz unsicheren Daten in den meisten Fällen zu guten Entscheiden".

Elemente der Tourenvorbereitung
Zu den wichtigsten Punkten einer vorausschauenden Tourenplanung gehören der Wetterbericht mit seinen Daten über Wind, Niederschlag (Neuschnee) und Temperatur, sowie der Lawinenlagebericht (LLB), der die Gefahrenstufen und besondere Gefahrenstellen einer Region ausweist. Mit topografischen Karten und einhelligen Tourenführern ist eine erste Geländebeurteilung des Zielgebietes und Routenverlaufs möglich - sie beantworten grundsätzliche Fragen nach der Hangneigung, -form und -exposition. Karten im Maßstab von 1:25.000 bieten einen guten Überblick - und die Exposition eines Hanges ist auf Karten mitunter besser zu erkennen als in der Natur. Zudem sind die Größe und das Können der Gruppe der Teilnehmenden einzuschätzen und auch psychologische Aspekte mit zu bedenken. Schließlich ist die obligatorische Notfall-Ausrüstung auf Vollständigkeit zu kontrollieren und vor der Tour auf ihre Funktionalität zu überprüfen. Dazu gehören: LVS, Schaufel, Sonde, Biwaksack und ein Erste Hilfe-Set sowie ein Funkgerät.

Vor der Tour
Ist eine Route ausgewählt, die Planung steht und der Termin der Tour rückt näher, sind die Vorbereitungen zu Hause abgeschlossen - besondere Gefahrenstellen und die vom Lawinenwarndienst ausgegebenen Gefahrenstufen sind eingeprägt!

Während der Tour
Dann gilt es, vor Ort mit weiteren Filtern - die Routenwahl im Gelände immer wieder kritisch hinterfragend und an jedem Einzelhang überprüfend - bestehende Lawinenrisiken handhabbar zu machen. "Eine hervorragende Möglichkeit, alle wichtigen Aspekte während einer Skitour oder einem Freeridetag zu berücksichtigen, ist die 3x3 Methode nach Werner Munter. Er hat ein Schema geschaffen, daß die Routenwahl und die Einzelhangbeurteilung einschließt. Diese Faktoren werden unter Berücksichtigung von Schnee- und Wetterverhältnissen, dem Gelände und der Menschen überprüft und ausgewertet", ist in Durners und Römers Lawinen Know-How zu lesen.

Unfallvermeidung
"Mit einer umsichtigen Tourenplanung lassen sich mehr als die Hälfte der Unfälle verhindern", betont Werner Munter.

Checkliste Standardmaßnahmen
- LVS-Set (LVS, Lawinenschaufel und -sonde)
- Lawinenlagebericht (Gefahrenstufen und -stellen)
- Alarmzeichen ("Wumm-Geräusche", die entstehen können, wenn sich die Schneedecke setzt, Risse in und Durchnässung der Schneedecke, Lawinenabgänge an anderen Hängen, Lawinensprengungen)
- Beobachtungen (Hangrichtung, -steilheit, -form, Neuschnee, Triebschneeanzeichen)
- Gruppe beachten
- Entscheidungsstrategien (3x3 Filtermethode, Reduktionsmethode, SnowCard, Stop or Go, Faktorencheck)

Interview mit Günter Durner
Wir sprachen mit dem vielseitigen Alpinfachmann und Lawinenexperten darüber, wie man sich auf eine Tour entlang schneebedeckter Hänge und Täler vorzubereiten hat.

Lawinenwarndienste und Lawinenlagebericht
Es sind die Lawinenwarndienste der Alpenländer, die regelmäßig, meist täglich, bei Bedarf aber auch in kürzerem Intervall, Lawinenlageberichte herausgeben. Diese "Bulletins", wie sie in der Schweiz heißen, informieren die Öffentlichkeit, insbesondere die Kommunen (Lawinenkommissionen) und die winteralpin Aktiven über die aktuelle Lawinensituation. Vorrangiges Ziel dieser Institutionen ist die möglichst exakte Prognose bestehender Lawinengefahren. "Der Lawinenlagebericht dient als Grundlage für die Beurteilung der Lawinensituation und muß daher immer zur Tourenplanung herangezogen werden" (Durner und Römer). Er ist nützliches "Hilfsmittel zur Tourenplanung", ersetzt aber "keinesfalls die selbständige und eigenverantwortliche Beurteilung der Situation vor Ort" (Werner Munter). Neben meteorologischen und schneetechnischen Daten enthält ein LLB weitergehende Informationen über (nach Durner und Römer: 26):
- die vergangene und aktuelle Wettersituation und die daraus resultierende Schneedecke,
- den Schneedeckenaufbau (Setzung, Schichtung, Durchfeuchtung) und seine Störanfälligkeit,
- zu erwartende Lawinenarten und die Auslösewahrscheinlichkeit eines Abgangs und
- die vermutete, weitere Entwicklung der Lage (Prognose).

Interview mit Rudi Mair
Über die Arbeit der Lawinenwarndienste und ihre Mitteilungen sprachen wir mit dem Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol, Rudi Mair. Mair ist Meteorologe. Mit Schnee befasst sich der Schnee- und Eisphysiker seit nunmehr 25 Jahren, unter anderem verbrachte er zwischen 1988 und 2000 eineinhalb Jahre in der deutschen Georg-von-Neumeier-Station in der Antarktis. Er stellt seine Institution vor und betont, worauf es bei der Tourenplanung ankommt.

Die europäische, fünfstufige Lawinengefahrenskala
Sie gilt in allen Alpenländern und steht für ein gewisses Maß an Schneedeckenstabilität und die Auslösewahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs, was in der entsprechend gültigen Gefahrenstufe zum Ausdruck kommt.

Gefahrenstufe 1 - gering
Die Schneedecke ist allgemein gut verfestigt und stabil.
Eine Auslösung ist nur bei großer Zusatzbelastung an sehr wenigen, extremen Steilhängen möglich - große Zusatzbelastungen können eine Skifahrergruppe, ein Pistenfahrzeug oder auch eine Lawinensprengung sein; von geringer Zusatzbelastung spräche man im Falle eines Skifahrers oder eines Schnehschuhgehers. Mit "extremen Steilhängen" sind bezüglich Neigung, Geländeform, Kammnähe und Bodenrauhigkeit besonders ungünstige Hänge gemeint.

Gefahrenstufe 2 - mäßig
Die Schneedecke ist an einigen Steilhängen nur mäßig verfestigt, ansonsten allgemein gut verfestigt - als Steilhänge gelten jene Hänge, die steiler als 30 Grad abfallen; sie sind im LLB im Allgemeinen näher beschrieben (zum Beispiel mit Himmelsrichtung, Geländeform, Höhenlage).
Die Auslösung ist bei großer Zusatzbelastung (siehe oben), vor allem an den angegebenen Steilhängen, wahrscheinlich. Größere und spontane Lawinen sind nicht zu erwarten.

Gefahrenstufe 3 - erheblich
Die Schneedecke ist an vielen Steilhängen (siehe oben) mäßig bis schwach verfestigt.

Die Auslösung ist bei geringer Zusatzbelastung (siehe oben), vor allem an den angegebenen Steilhängen, wahrscheinlich. Fallweise sind spontan (ohne menschliches Dazutun) einige mittlere, vereinzelt aber auch große Lawinen möglich.

Gefahrenstufe 4 - groß
Die Schneedecke ist an den meisten Steilhängen (siehe oben) schwach verfestigt.
Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung (siehe oben) an den meisten Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan viele mittlere, mehrfach auch große Lawinen zu erwarten.

Gefahrenstufe 5 - sehr groß
Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil.

Spontan sind zahlreiche, große Lawinen auch in mäßig steilem Gelände zu erwarten.

Quellen und Literatur
- www.vdbs.de
- Günter Durner und Alexander Römer, Lawinen Know-How, 1. Aufl. 2003, ISBN 3-9807101-5-7
- Günter Durner und Alexander Römer, Erste Hife Bergrettung, 1. Auflage 2002, ISBN 3-9807101-2-2
- Werner Munter, 3x3 Lawinen - Entscheiden in kritischen Situationen, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-00-002060-8
- Martin Engler, Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen..., 1. Aufl. 2001, ISBN 3-9807591-1-3