Der Niederösterreicher Rolf Majcen ist ein erfahrener Skibergsteiger. Als vielseitiger Extremsportler gewann er einen Hochhauslauf mit über 7000 Teilnehmern auf den CN-Tower in Toronto, er kann auf Gipfelbesteigungen in den Alpen, Anden und Afrika zurückblicken und sich über gute Ergebnisse bei Langstrecken-Radmarathons freuen, darunter Platz 13 beim "Race Across The Alps" (540 Kilometer, 13.700 Höhenmeter) und bei "Paris-Brest-Paris" (1225 Kilometer, 10.000 Höhenmeter). 2002 veröffentlichte Majcen mit "Sieg in den Bergen" das erste deutschsprachige Buch über das Wettkampf-Skibergsteigen.
Der Familienvater, nebenbei auch ausgebildeter Flugretter und Absolvent der Winterausbildung für Heeres-Bergführer, hat uns mit seiner alpinen Erfahrung im Verlauf des Lawinenspezials wiederholt begleitet - wir sprachen mit ihm darüber, was ihn immer wieder in die Berge lockt.

ski2b: Seit wann zieht es Sie in die Höhen?
Rolf Majcen: Meine erste Skitour habe ich vor 22 Jahren gemacht, damals war ich 15. Von diesem Moment an betrieb ich das Skibergsteigen regelmäßig, und das bis heute. 60 Touren und mehr im Jahr sind dabei keine Seltenheit.

ski2b: Was fasziniert Sie jenseits der ausgetretenen Pfade?
Rolf Majcen: Da gibt es unterschiedliche Typen: die einen lieben den Aufstieg, anderen geht es um die Abfahrt oder um beides.
Über eine Wintersaison betrachtet überwiegt bei mir eindeutig das Naturerlebnis während des Aufstiegs! In den Genuss richtig toller Pulverschneeabfahrten komme ich eher selten, und den passend aufgefirnten Hang habe ich auch nicht oft. Meist sind die Schneeverhältnisse eher schwierig zu fahren und die Abfahrt ist dann mehr ein Mittel zum Zweck, um wieder ins Tal zu gelangen.
Ich bin gefangen von den wechselnden Landschaftsformationen entlang einer Tour - und liebe übrigens ganz besonders die Dolomiten, diese einzigartige, winterliche und wilde Felsszenerie.
Und es ist der Reiz, die eigene Spur in eine Landschaft zu legen - wobei es mir darauf ankommt, stets die idealste Spur, die ausgeglichenste und gleichzeitig sicherste, in einem vorgegebenen Gelände zu finden.


ski2b: Ist es auch die körperliche Herausforderung?
Rolf Majcen: Eher weniger - dank der gewohnten Wettkampfbelastungen fordert mich eine mehrstündige Tour (noch) nicht entsprechend. Von den Eindrücken her kann aber auch eine kurze Tour ein großartiges Erlebnis sein.

ski2b: Ergibt sich ein Reiz aus dem Auf und Ab, aus dem Hoch und Runter, das das alltägliche Leben spiegelt?
Rolf Majcen: Vielleicht. Ich mag solche Touren, bei denen das Aufstiegsziel erst nach Überwinden mehrerer Geländekanten erreicht werden kann.
Beim Wettkampf-Skibergsteigen müssen wir zum Beispiel oft drei, vier Aufstiege bewältigen. Dazwischen liegen immer wieder auch lange Abfahrten und die Materialwechsel, wenn die Felle auf- oder abgezogen werden müssen. Touren mit mehrmaligem Auf und Ab sind sehr reizvoll, weil man "sein" Tourengebiet von unterschiedlichen Höhen und aus unterschiedlichen Perspektiven sehen kann.

ski2b: Unabhängig von der Art der Tour, wie wichtig ist die vorausgehende Planung?
Rolf Majcen: Tourenskigehen bedeutet einen exakt geplanten Aufstieg und eine gezielte Abfahrt. Wieder unten angelangt, mache ich mir auf der Rückfahrt im Auto bereits Gedanken über die nächste Tour...

ski2b: ... weil die Planung neben der Erfahrung ein elementarer Bestandteil und Voraussetzung sicherer alpiner Erlebnisse ist?
Rolf Majcen: Exakt. Planung ist immens wichtig, will man sich in die Höhe wagen. Wer sich für den Tourenskilauf entscheidet, ist nun einmal mit der Gefahr von Lawinen konfrontiert, mit dem Risiko, von einer Lawine erfasst, verletzt oder getötet zu werden. Das muss man ganz ehrlich eingestehen.
Dieses Risiko zu minimieren, muss immer ein vorrangiges Ziel bei der Planung und während der Tour sein. Und die Anforderungen sind diesbezüglich in den letzten zehn Jahren sicher gestiegen: durch die allgemeine Erwärmung und die geringen Niederschlagsmengen im Herbst kommt der Lawinenkunde eine immer größere Bedeutung zu. Es hilft sicher, wenn man um die Bedeutung der Wetterbedingungen, von Schneefall, Wind und Temperatur, die zum 'Reifen' der Lawine führen, Bescheid weiß. Da wir uns das Lernverfahren "trial and error" wegen der damit verbundenen Lebensgefahr nicht leisten können, wird der Lernprozess, das richtige Verständnis der Zusammenhänge, ungemein erschwert.
So ist man als Tourenskifahrer nie vollends abgesichert unterwegs. Und dieses Gefahrenmoment kann man als einen Reiz wahrnehmen, den ich aber derart empfinde, dass ich mich - gesund und munter am Gipfel angekommen - über die richtig getroffenen Entscheidungen freue, wie auch über eine Spur, die als elegante Linie optimal an den Berg gezogen ist.

Solche Freuden können nur enstehen, wenn sich Erfahrung und Respekt vor dem Berg mit einer entsprechend soliden Planung paaren - diesen ganzen Prozess einer Skitour erfolgreich umzusetzen, das ist sicher auch ein Reiz, der immer wieder für Befriedigung sorgt.

ski2b: Danke, dass Sie für das Interview zur Verfügung gestanden haben.