Georg Nickaes (Jahrgang 1971) ist verheiratet, Vater eines Kindes und ehemaliger Aktivensprecher der DAV-Nationalmannschaft Skibergsteigen. In Bad Reichenhall geboren, ist er mit allen Formen des Alpinismus, vom Berglaufen über das Eisklettern bis hin zum Expeditions-Bergsteigen, wohlvertraut. 1994 schloss er die Heeresbergführer-Ausbildung ab, seit zehn Jahren betreibt er das Skibergsteigen als Leistungssport. Mehrere Male war er Teilnehmer an der berüchtigten "Patrouille des Glaciers", dem beeindruckendsten internationalen Wettkampf dieser Disziplin. Als bester deutscher Teilnehmer beim "Diamirrace" am Dammkar 1999 bekam er in der Folge die Nominierung, bei internationalen Wettkämpfen für den Deutschen Alpenverein an den Start zu gehen. 2001 schaffte Nickaes beim Hochalpinrennen "Trofeo Mezzalama" in einer Dreiermannschaft die beste jemals von deutschen Startern gelaufene Zeit. Er ist seit 1999 im Europacup vertreten und mehrmals bei Europa- und Weltmeisterschaften am Start gewesen.

ski2b: Herr Nickaes, Sie haben eine Lawine am eigenen Leib erlebt...
Georg Nickaes: ... das ist ein Moment, den ich nicht gerne erinnere: Vor drei Jahren bin ich bei einer dreitägigen Skidurchquerung im Berchtesgadener Land zusammen mit zwei Begleitern verschüttet worden. Unterwegs hatte enormer Schneefall eingesetzt und für uns existierte nur die Alternative, sich einzugraben und abzuwarten oder die Flucht nach vorne anzutreten. Wir gingen weiter, als uns - bei fehlender Sicht und entsprechend ausbleibender Orientierung - ein kleines Schneebrett, das über uns abriss, erfasste. Alle drei hatten wir den Kopf frei und oberhalb der Schneedecke, nachdem die Schneemassen in einer Senke sehr schnell wieder zum Stehen gekommen waren. Der Schnee war nicht extrem verdichtet und wir konnten uns selbst ausgraben.


ski2b: Ein Beleg dafür und eine unangenehme Erinnerung daran, dass man sich besonders im Schnee am Berg eigentlich permanent in kritischen Situationen befindet?
Georg Nickaes: Damals war uns das Risiko aufgrund der widrigen Bedingungen nur zu gegenwärtig - wenn man am Berg unterwegs ist, muss einem vielmehr klar sein, dass man ein permanentes Restrisiko zu tragen hat, auch bei besten Bedingungen! Insofern lauert die eigentliche Gefahr in den Situationen, in denen man sich relativ sicher fühlt, denn wie kritisch es unter Umständen ist, kann selbst der Experte nur auf ein Restrisiko minimieren.
Wenn die Spannungen durch die auf dem Hang aufliegenden Schneemassen hörbar werden, gilt es, die richtige Entscheidung zu treffen und umzukehren; so ist man um eine wichtige Erfahrung reicher geworden: der Schein kann trügen, absolute Vorsicht ist geboten und die Erfahrung vieler Situationen, die stets von veränderten Bedingungen bestimmt sind, wichtig.

ski2b: Man kann das Risiko also nicht ausschließen. Man kann es aber, entsprechend ausgerüstet und erfahren, handhabbar machen?
Georg Nickaes: Wenn man in der Lage ist, bei Unsicherheit auch auf eine Tour verzichten zu können und nicht der fatalen Überzeugung aufsitzt, einem selbst würde schon nichts passieren, ja - nur ein alter Bergführer ist auch ein guter Bergführer...
Wenn man ins Gelände aufbricht, dann geht das nicht ohne eine gewisse Ausrüstung: zu der gehören an erster Stelle der "Piepser", eine Schaufel und Sonde. Alle Untersuchungen und Statistiken zeigen, dass länger als 15 Minuten Verschüttete kaum noch Aussicht auf eine Rettung haben - ohne LVS-Gerät und Sonde kann es unmöglich sein, Verschüttete innerhalb dieser Zeit überhaupt zu finden und selbst Gefundene oder Geortete können in einer Viertel Stunde mit bloßen Händen unter Umständen nicht ausgegraben werden, wenn der Schnee zu sehr verdichtet ist.
Große Suchaktionen mit Hunden und Sonden können schon zu lange dauern. Es ist wichtig, dass jene, die vor Ort und nicht betroffen sind, sofort und gezielt Hilfe leisten können; und das geht nur mit dem Dreigestirn: Piepser/Sonde/Schaufel.
Und im Hinblick auf eine erfolgreiche, schnelle Rettung ist es schließlich unabdingbar, Betroffene auch medizinisch erstzuversorgen und vor weiterer Unterkühlung zu schützen: Erste Hilfe-Paket und entsprechender Wärmesack passen in jeden Rucksack.

ski2b: Mit welcher Ausrüstung arbeiten Sie?
Georg Nickaes: Mich begleiten die LVS-Geräte "x1" und "F1 focus" und auch sonst greife ich auf das breite Angebot der Firma "Ortovox" zurück, die mich bei der Ausübung meines Sports unterstützt. Was die Technik betrifft, sehe ich einen Vorteil der digitalen Lawinensuchgeräte darin, dass sie leicht zu bedienen sind. Man sollte aber verschiedene Geräte kennen, um damit umgehen und helfen zu können.

ski2b: Man sollte sich also im Umgang mit seiner Ausrüstung schulen?
Georg Nickaes: Unbedingt. Und zwar regelmäßig und angeleitet von Profis draußen am Berg! Der erfolgreiche Einsatz der Technik zur Lebensrettung von Lawinenverschütteten erfordert nicht zuletzt Erfahrungswissen, dass es nicht im Laden zu kaufen, aber bei entsprechenden Seminaren und Kursen zu lernen gibt.

ski2b: Danke für Ihre Teilnahme an diesem Interview. Ihnen eine erfolgreiche Wettkampfsaison.