Dr. Michael Staudinger ist Leiter der Lawinenwarnzentrale Salzburg. Er war unter anderem an der Entwicklung der europäischen, fünfstufigen Lawinengefährdungsskala beteiligt. Die Lawinenwarnzentrale versorgt die Öffentlichkeit täglich mit aktuellen Berichten zur Schneesituation und entsprechenden Lawinengefährdungen im Salzburger Land.

Skiinfo: Herr Staudinger, wie ist es möglich, ein verständliches Bild einer Lawinengefährdung zu erzeugen?
Michael Staudinger: Täglich erreichen Meldungen von 22 Beobachtungsstationen aus der Region unsere Zentrale; dahinter stehen erfahrene Alpinisten, die in der Lage sind, die Situation vor Ort einzuschätzen und entsprechende Parameter vom Neuschneefall bis hin zum Schichtaufbau der Schneedecke an uns weiterleiten. Die eingegangenen Daten werden mit vorhandenen Statistiken verglichen und füttern ein Computermodell, dass letztlich zur Bekanntgabe einer bestimmten Gefahrenstufe beiträgt.

Skiinfo: Sie waren an der Entwicklung der fünfstufigen Gefährdungsskala beteiligt - wie ergeben sich die Gefahrenstufen, welche Aussagekraft haben sie? Was liegt zwischen dieser Skala und der Bewertung eines Einzelhanges?
Michael Staudinger: Die Lawinenskala wurde 1992 im Rahmen einer internationalen Arbeitsgruppe europaweit vereinheitlicht. Mit zunehmender Lawinengefahr wird eine höhere Gefahrenstufe ausgegeben, doch dieses Instrument ist als Orientierungshilfe zu verstehen: Sie besagt, wieviele Hänge im statistischen Mittel unter den gegebenen Bedingungen in unserem Untersuchungsgebiet gefährdet sind; bei Stufe eins sind das sehr wenige, bei Stufe fünf nahezu alle. Zwischen den ausgesprochenen Gefahrenstufen und einer konkreten Einzelhangbewertung liegen Welten: die Gebietsübersicht des Lawinenlageberichts bezieht sich auf typische Konstellationen, sie ist in jedem Fall durch ein Prüfen und Einschätzen der konkreten, lokalen Bedingungen am jeweiligen Hang zu ergänzen. Erst aus dieser Kombination ergibt sich die Möglichkeit einer Einschätzung des vorhandenen Risikos eines Lawinenabgangs.

Skiinfo: Am gefährlichsten ist es, wenn es eigentlich am schönsten ist: direkt nach Neuschneefällen. Warum?
Michael Staudinger: Weil der Schnee dann noch nicht abgebunden ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit ein instabiles Schichtgefüge vorliegt, das unter Umständen schnell in Bewegung geraten kann.

Skiinfo: In unserer heutigen Zeit gilt vieles als technisch mach- und kontrollierbar. Wo endet die mögliche Kontrolle und wo beginnt das Risiko, wenn Tausende problemlos in hochalpine Bereiche gelangen können?
Michael Staudinger: Auf den markierten Pisten herrscht absolute Kontrolle, das Risiko beginnt im freien Gelände. Dort kann man nicht ohne Risikomanagement unterwegs sein; es gilt, Regeln zu beachten und auch psychologische Aspekte zu bedenken. Planung muss sein: Ich weiß schon am Vortag einer Tour, ob ich nur an Südhängen oder auch nordseitig unterwegs sein werde. Entsprechend hole ich vorhandene Lawinenlageberichte ein, vergegenwärtige mir mögliche Gefahren und versuche, die Lage vor Ort zu verifizieren. Erst dann betrete ich Gefahrenzonen - oder verlasse sie und beende eine Tour vorzeitig, wenn mir das Risiko zu groß erscheint.

Skiinfo: Würden Sie sagen, dass neben der Kenntnis existierender Verhaltensregeln und Methoden zum Risikomanagement die Bereitschaft wichtig ist, die
eigene Beobachtungsgabe zu schulen und Erfahrungen zu sammeln, um überhaupt Beurteilungsfahigkeit von Lawinengefährdungen zu erlangen?
Michael Staudinger: Genau so sieht es aus.

Skiinfo: Vielen Dank, dass Sie für das Interview zur Verfügung gestanden haben.