Martin Engler (Jahrgang 1962) lebt im Allgäu und ist Berg- und Skiführer. Der ausgebildete Heilpraktiker ist Mitglied im Bundeslehrteam Bergsteigen des Deutschen Alpenverein. Einen Namen hat er sich als Lawinenfachmann gemacht, der auch vor Selbstversuchen in und mit Lawinen nicht zurückschreckte - seine mehr als 20-jährige Entwicklungsarbeit im Hinblick auf Entscheidungsstrategien bei Lawinengefahren, gipfelten im "Faktorencheck" und der "SnowCard". Gerade die SnowCard erfüllte den Wunsch vieler alpiner Verbände, Nichtprofis ein winterliches, hochalpines Risikomanagement zu ermöglichen.
Engler fasste sein Fachwissen und seine Ansätze 2001 in dem Buch "Die weiße Gefahr" zusammen, das er selbst verlegt.

ski2b: Herr Engler, Sie haben einmal über Werner Munter gesagt, er habe mit seinem "3x3 Filter" die "verkrustete Lawinenkunde" in Bewegung gebracht. Inwiefern?
Martin Engler: Früher war die Lawinenkunde vom Glaube an die genaue Einschätzbarkeit der Lawinengefahr geprägt. Mit punktuellen Schneedeckentests ("Norwegertest", "Rutschblock") zog man Rückschlüsse auf die Schneedeckenstabilität eines ganzen Hanges oder gar Gebietes. Diese Herangehensweise war zu pauschal: Schneeschichten bilden auch an nur einem Hang selten ein einheitliches Gefüge - zu unterschiedlich ist die Gesamtfläche mit ihren Geländeübergängen, zu verschieden fallen Verfestigung und Verfrachtung des Schnees auch an einem Hang aus, um einige Kriterien zu nennen, die eine genaue Analyse der Situation erschweren oder gar unmöglich machen.

Bereits mit den Arbeiten von Salm, Conway und Abramson in den 80er Jahren, welche die Inhomogenität der Schichtverbindungen und Existenz von sogenannten Hot Spots postulierten, war in Fachkreisen klar, dass diese Testmethoden große Lücken aufwiesen und stark überbewertet wurden. Aus dieser Zeit stammen auch einige meiner Eigenversuche, um die Grenzen des Norwegertests zu belegen.

Werner Munter ist es dann als Mann der Praxis mit viel Erfahrung, guter Rhetorik und Standvermögen gelungen, diese Sachverhalte in die Öffentlichkeit zu transportieren. Gleichzeitig lieferte er auch die Antwort auf aufgeworfene Fragen: ein Entscheidungs- und Planungskonzept, das unscharfes Wissen auf der Basis von einfachen Kriterien wie Gefahrenstufe, Hangneigung und Exposition auf ein Fundament von klaren Fakten stellt. So beendete er die verbreitete Sicherheitsphilosophie der 70er und 80er Jahre zu Gunsten eines bewussten Risikomanagements.


ski2b: Neben Werner Munters "3x3 Filter" sowie dessen "Reduktionsmethode" sind Michael Larchers "Stop or Go" und Ihre "SnowCard" und der "Faktorencheck" die gängigen Ansätze zur Beurteilung einer möglichen Lawinengefahr - Grundlage aller ist, dass lawinenbildende Gelände-, Wetter- und Schneefaktoren gemeinsam mit einer vorausschauenden Planung ein konsistentes Gesamtbild einer Lawinengefährdung erzeugen. Was ist das jeweils Zentrale dieser Bewertungsmöglichkeiten, was unterscheidet sie?
Martin Engler: Merkmal aller Methoden ist die Entscheidung auf der Basis der erwähnten klaren, nachvollziehbaren Fakten Gefahrenstufe, Hangneigung und Hangexposition. Auch die 3x3-Filtermethode und der Faktorencheck fallen darunter, da beide in der Regel in Kombination mit der Reduktionsmethode, respektive SnowCard anzuwenden sind.

Unterschiede bestehen nun zuerst einmal in den Hangneigungsempfehlungen: Stop or Go ist gegenüber SnowCard, SAC-Empfehlungen (Schweizer Alpen Club) und Reduktionsmethode um etwa fünf Grad restriktiver.
Dann gibt es Unterschiede in der Bewertung der Zusatzinformationen des Lawinenlageberichts: Die Snowcard baut voll auf die dort angegebenen Zusatzinformationen und differenziert je nach Möglichkeit durch Beobachtung im Gelände, während Stop or Go von Haus aus stärker auf die Beobachtung vor Ort setzt und die Reduktionsmethode vorwiegend auf statistische Grundlagen baut.

Schwieriger zu beschreiben ist die strategische Gesamtkonzeption der einzelnen Methoden. Ich werde deshalb versuchen, die wichtigsten Stichpunkte herauszuarbeiten und die Gründe zur Entwicklung von SnowCard und Faktorencheck darzulegen: Anfangs ist die Reihenfolge der berücksichtigten Elemente aufzugreifen. Bei Anwendung der Muntermethode wird zuerst der 3x3 Filter angewandt und danach die Reduktionsmethode als limitierende Kontrollinstanz nachgeschaltet. Besonders dieser Aspekt führte zu vielen Konflikten, da sich viele Anwender um die Früchte der gewissenhaften Überprüfung von "3x3" betrogen sahen. Stop or Go löst dieses Problem, indem nun zuerst die limitierenden Aspekte der maximalen Hangneigung ins Spiel kommen und die Eigenbeurteilung danach - allerdings ohne diesen "Eingangswiderstand" nachträglich verändern zu dürfen.

Die SnowCard beginnt nun ebenfalls mit einem Eingangswiderstand - demselben wie Stop or Go, welcher identisch ist mit der elementaren Reduktionsmethode nach Werner Munter. Da sich eine Gefahrenstufe im Lawinenlagebericht (LLB) immer nach den ungünstigen Bereichen im Gelände richtet, können wir nun davon ausgehen, dass in den günstigen Bereichen ein niedrigeres Gefahrenpotenzial herrscht. Sofern diese Stellen vorhanden sind und ermittelt werden können, nimmt hier die SnowCard standardmäßig ein um eine Gefahrenstufe niedrigeres Gefahrenpotenzial an. Speziell Triebschnee, Sonneneinstrahlung oder die Schichtverbindung der Altschneedecke sind hier die bestimmenden Parameter zur Beantwortung der Frage "günstig-ungünstig?".

Im Anschluss ist der Stellenwert der lawinenbildenden Faktoren und der Einzelhangbeurteilung zu betrachten:
"3x3" bezieht die lawinenbildenden Faktoren in einer Matrix ein und lässt dem Anwender relativ viel Handlungsspielraum. Feste Reihenfolgen bestehen nur durch die Abfolge der einzelnen Filter und Themen, nicht aber innerhalb der Felder. So ist die Herangehensweise im wichtigen Feld "Verhältnisse" weitgehend dem Anwender überlassen, wodurch das Ergebnis stark von der Gewissenhaftigkeit und Erfahrung des Anwenders abhängt. Die Reduktionsmethode wird jedoch dieser Analsyse nachgeschaltet und filtert damit grobe Planungsfehler heraus - begrenzt aber unter Umständen mehr als nötig.

Stop or Go konzentriert sich auf häufige Gefahrenmuster: Triebschnee, frische Lawinen, Tauwetter etc., und reduziert die maximal begehbare Hangneigung weiter, wenn diese Gefahrenzeichen entdeckt werden. Damit könnte allerdings ein ungeübter Anwender im steileren Gelände zu finden sein als der erfahrene Profi - was neben pädagogischen Aspekten einer der Gründe für die Entwicklung der SnowCard war.

Der Faktorencheck basiert auf Munters Filtermethode und füllt dessen Baustein "Verhältnisse" mit dezidierten Inhalten. Unser Ziel war es, Munter sozusagen auf den Kopf zu stellen; wir wollten sein System aus pädagogischen und systemischen Gründen umdrehen: am Anfang steht nun die "einfache Reduktionsmethode" in Form der SnowCard, die im Gelände ergänzt wird. Es soll so die Erfahrung ermöglicht werden, dass die eigene Beurteilungsfähigkeit in dem Maße wächst, wie die Auseinandersetzung mit dem Thema intensiviert wird.

Der Faktorencheck vereint alle lawinenbildenden Faktoren in sich und ist entsprechend anspruchsvoll. In einer festen Reihenfolge werden zuerst die Unterfaktoren, die sich aus drei bis fünf Einzelaspekten zusammensetzen, bewertet. Danach erst erfolgt die Hauptbewertung. Mit dieser Vorgehensweise werden Fehler durch Übersehen und psychisch motivierte Bagatellisierung vermieden und eine klare Struktur für komplexe Entscheidungen geschaffen.
So schnell dieser Ansatz aber zur Lehrmethode im Alpenverein wurde, so schnell wurde auch deutlich, dass zum Einstieg und als grundsätzliche Entscheidungsbasis ein leichter überschaubarer Ansatz vonnöten ist: die SnowCard!

Die SnowCard geht grundsätzlich von ungünstig (=Gefahrenstufe im LLB) aus und erweitert den Handlungsspielraum schrittweise, wenn eindeutig günstige Zeichen laut LLB oder Beobachtung vor Ort zu erkennen sind. Damit ist Nichtwissen immer mit mehr Einschränkung verbunden, während die genauere Beobachtung und gewissenhafte Vorbereitung mitunter Vorteile bringt.

Übrigens kommt in Frankreich zu den aufgezählten Methoden noch der "Nivocheck" zur Anwendung und der Schweizer Alpen Club (SAC) arbeitet mit einer ebenfalls stufenweisen Empfehlung von Stefan Harvey vom Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF), für das auch Werner Munter tätig ist, ähnlich der SnowCard, mit "Gefahrenstufen" und "Hangneigung" als zentralen Kriterien.

Ansonsten kann ich mich nur meinen Kollegen anschließen: Die beste Methode nützt nichts, wenn man sich nicht der Mühe einer guten Ausbildung und der wiederholten Übung unterziehen will. Diese Erkenntnis dürfte noch wichtiger sein als die Beantwortung der häufigen Frage nach der besten Methode.

ski2b: Legen Sie nach: Warum wird kombiniert, wie stehen SnowCard und Faktorencheck zueinander in Beziehung?
Martin Engler: Damit der Anwender nicht von einem Wust von Faktoren und Gefahrenzeichen erschlagen wird, bietet die SnowCard von "einfach" bis "komplex" verschiedene "Level". Diese Level werden in der Planung und Entscheidung grundsätzlich von unten nach oben durchlaufen. Ich fange also immer mit den einfachen Kriterien an und gehe soweit in meiner Beurteilung, wie ich die Informationen besitze und auswerten kann. Sobald sich Unklarheiten bei der Beantwortung des Checks zeigen, wiederhole ich den Check oder beende ihn auf diesem Level. Je früher ich beenden muss, desto stärker bin ich in meinem Aktionsradius eingeschränkt:
1. Auf dem untersten Level bietet die Gefahrenstufe und die Hangneigung eine erste, grobe Entscheidungsbasis. Entscheidungsgrundlage ist die SnowCard mit der ungünstigen Grafik. Dann folgen über die Frage "günstig oder ungünstig?" wichtige Zusatzinfos wie gefährdete Hangexpositionen, bestimmte Geländeformen (Mulden, Kanten) und Höhenlagen. Damit kann ich gegebenenfalls manche Hänge als günstig einstufen und die günstige Grafik der SnowCard verwenden.

Zweitens: Auf dem nächsten Level werden zusätzlich die weitergehenden Daten eines Lawinenlageberichts einbezogen, wie Hinweise auf verstärkte Triebschneebildung, Temperatureinflüsse oder eine schlechte Schichtverbindung zur Altschneedecke. Diese werden dann im Gelände mit der Realität verglichen und angepasst. Dies lässt eine noch genauere Unterteilung in für eine Unternehmung im verschneiten Gelände günstige und ungünstige Bedingungen zu.
3. Ausgehend von dem Kriterium der Gefahrenstufe und der Hangneigung kann man also mittels der SnowCard schließlich alle relevanten, lawinenbildenden Faktoren schrittweise einbeziehen: die letzte Schneefallperiode (Neuschneemenge, Setzung, Tragfähigkeit der Schicht), Wind (Triebschneemenge, räumliche Verteilung, Verfestigung), Temperatur (Erwärmung, Abkühlung), Schichtverbindung (Altschnee-Neuschnee) und das Schneedeckenfundament.
Dies ist natürlich nur möglich, wenn man klar der Reihe nach vorgeht und die entsprechende Ausbildung dazu besitzt. Dazu muss ich auch betonen, dass man immer nur soweit geht, wie man die Lage fachlich fundiert beurteilen kann. Ist dies jedoch der Fall, kann man Einzelhänge nach ihrer Auslösewahrscheinlichkeit und deren Risikopotenzial beurteilen - und die Gefahrenstufe lokal anpassen.

Grundsätzlich kann man sagen: ist die Situation kompliziert und komplex, entscheide ich mit einfachen und unter Umständen limitierenden Methoden (SnowCard). Ist sie jedoch aufgrund klarer Informationen einfach erfassbar, ist der verstärkte Einbezug der lawinenbildenden Faktoren vor Ort (Faktorencheck) eindeutig im Vorteil.

ski2b: Der eigentliche Wert eines Lawinenlageberichts (LLB) für eine Tourenplanung besteht also weniger in der Ausgabe einer Gefahrenstufe innerhalb der europäischen Skala als vielmehr im Hinblick auf die Zusatzinformationen lawinenrelevante Parameter wie besondere Gefahrenbereiche, Neuschneefall, Wind, Temperatur, Schneedeckenaufbau und Wetteraussichten betreffend?
Martin Engler: Sowohl aus auch. Die Gefahrenstufe ist ein wichtiges Orientierungsmittel und stellt zum Beispiel die Basisinformation zur Handhabung der SnowCard dar. Richtig effektiv wird eine Beurteilung jedoch erst, wenn die angesprochenen Aspekte schrittweise in die Entscheidung mit einbezogen werden.

ski2b: Alle Methoden behandeln die wichtigen, bekannten Parameter im Hinblick auf bestehende Lawinengefahren - inwieweit findet eine weitere Entwicklung dieser Ansätze statt?
Martin Engler: Ich gehe davon aus, dass es keine größeren Veränderungen im Hinblick auf das Risikomanagement von Lawinengefahren geben wird. Probleme existieren noch in unterschiedlichen Interpretationen der Methoden durch die Anwender. Hier wird es sicher weitere, intensive Bemühungen geben, mittels grafischer oder sprachlicher Ausarbeitungen die Aussagekraft zu fördern. So habe ich zum Beispiel in diesem Winter den SnowCard-Basischeck eingeführt, der bereits bekannte Schritte nochmals einfacher und prägnanter zusammenfasst: Damit aus dem Gefühl der Sicherheit oder Routine heraus möglichst wenige Fehler entstehen und sich auch möglichst viele Profis eingestehen, dass auch sie Fehler machen können.

ski2b: Bringen Sie weiter Klarheit ins Dunkel. Besten Dank für ein gehöriges Maß an Zeit, das Sie bereitgestellt haben.