Rudi Mair ist Meteorologe und er leitet den Lawinenwarndienst Tirol. Mit Schnee befasst sich der Schnee- und Eisphysiker seit nunmehr 25 Jahren, unter anderem verbrachte er zwischen 1988 und 1990 eineinhalb Jahre auf der deutschen Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis.

ski2b: Herr Mair, welche Erkundigungsmöglichkeiten gibt es im Hinblick auf eine vorausschauende Tourenplanung in den winterlichen Bergen?
Rudi Mair: Der Lawinenwarndienst deckt alle Informationen ab, die für eine moderne Tourenplanung unentbehrlich sind. Sie erhalten die dazu notwendigen Informationen via Teletext, Fax, Mail und das Telefon. Insbesondere über das Internet sind mittlerweile alle wichtigen und ausschlaggebenden Daten zu den Wetter-, Wind- und Schneeverhältnissen im angestrebten Zielgebiet schnell und uneingeschränkt erhältlich.

ski2b: Was ist für derartige Planungen zentral?
Rudi Mair: Es gilt, im Vorfeld einer solchen Unternehmung zu überlegen, wo das Zielgebiet aufgrund der herrschenden Bedingungen sein sollte - mögliche Gefahren können so von vornherein gemieden werden.
Alle modernen Strategien zur Beurteilung einer Lawinengefahr setzen diesbezüglich die Gefahrenstufe der fünfteiligen, europäischen Lawinengefährdungsskala in Bezug zur Hangneigung der ausgewählten Routenführung - eine Grundregel besagt: meide Hänge von über 40 Grad bei Gefahrenstufe zwei, von über 35 Grad bei Stufe drei und von über 30 Grad bei Stufe vier. Neben dem Einholen der zentralen meteorologischen und geografischen Informationen betone ich die Wichtigkeit einer realistischen Selbsteinschätzung. Grundsätzlich gilt: ab Lawinenwarnstufe drei sollten ausnahmslos nur noch Kenner der Gefahr abseits präparierter Pisten unterwegs sein, Grundkenntnisse der Lawinenkunde müssen vorhanden sein.

ski2b: Wie kommt ein Lawinenlagebericht (LLB) zustande?
Rudi Mair: Den ganzen Winter über - von Oktober bis März - gibt es für die Lawinenwarnzentralen keinen freien Tag! Zum einen liefert uns ein dichtes Netz automatischer meteorologischer Stationen permanent Messwerte Temperatur, Wind und Niederschläge sowie daraus resultierenden Schneehöhen betreffend. Diese Daten werden zum anderen durch Berg- und Skiführer ergänzt, die regelmäßig und viel im Gelände unterwegs sind, und uns neben ihren Eindrücken vor Ort auch Warnzeichen wie Lawinenabgänge oder Triebschneeansammlungen melden. Sollte eine besonders kritische Situation vorliegen, nutzen wir mitunter auch Hubschrauber, um unzugänglichere Bereiche schnell und direkt in Augenschein zu nehmen. Aus diesen meteorologischen und schneekundlichen Daten und Erfahrungen sind wir in der Lage, den täglichen LLB zu erstellen, der vor bestimmten Konstellationen am Berg warnt und auch auf regionale und lokale Besonderheiten eingeht.

ski2b: Ist die Tourenplanung von zu Hause aus der wirksamste Filter zur Reduzierung eines Lawinenrisikos?
Rudi Mair: In der Tat. Erfolg und Misserfolg einer Tour werden ganz entscheidend von der vorausgehenden Planung mit beeinflusst; was nicht bedeutet, dass problematische Situationen nicht auch vor Ort im Gelände zu beurteilen sind. Es macht keinen Sinn, sich Wochen vorher auf eine Tour festzulegen, ohne die konkreten Bedingungen einer Lokalität zum gegebenen Zeitpunkt in die Überlegungen und Risikoabwägungen einzubeziehen. Je mehr ich aber im voraus plane, desto weniger Überraschungen werde ich erleben.


ski2b: Inwieweit ist ein LLB und sein Stellenwert für die vorausschauende Planung von der eigenen Erfahrung abhängig?
Rudi Mair: Dieser Stellenwert hängt ganz enorm von der Erfahrung ab - ein Winter ist wie ein Buch, das die Natur immer wieder neu schreibt; man darf kein Blatt auslassen, will man es verstehen. Mit unserem Team sind wir während eines Winters mindestens 150 Mal direkt in den Bergen unterwegs, und auch im Sommer unternehmen wir weitreichende Querungen durch unser Gebiet - um unsere Hänge und Täler mit ihren geografischen Fein- und meteorologischen Besonderheiten besser kennen zu lernen. Nur so können wir für unseren Zuständigkeitsbereich eine immer größer werdende Prognosezuverlässigkeit erreichen, und beantworten, wie sich die vorherrschende NW-Wetterrichtung in bestimmten Tälern und an deren Hängen konkret auswirkt.

ski2b: Wie zutreffend ist Ihre Einschätzung denn in der Regel?
Rudi Mair: 65% unserer Beurteilungen halten einer Überprüfung stand, von den restlichen 35% bewerten wir die Hälfte der Gebiete um eine Gefahrenstufe zu hoch, die andere Hälfte eine Stufe zu niedrig - allein dieser letzte Anteil ist also problematisch, da die tatsächliche Gefahr unterbewertet wird. Diesbezüglich zeigt die Erfahrung aus Jahrzehnten, dass mit zunehmender Technisierung auch in unserem Arbeitsfeld die Beurteilungen vorliegender Lawinengefahren zwar besser werden, eine 100%ige Sicherheit wird es aber nie geben - da hilft die beste Technik nichts. Ein Restrisiko bleibt am Berg stets bestehen, so sehr wir auch bestrebt sind, das zu ändern. Was eben auch mit der Tatsache zu tun hat, das jeder Winter anders ist!

ski2b: Welche typischen Fehler können bereits bei der Planung passieren?
Rudi Mair: Ob bei der Planung oder im Gelände, der häufigste Fehler ist meines Erachtens eine zu optimistische Herangehensweise an eine solche Unternehmung. Man sollte nie vergessen, dass man sich im Hochgebirge bewegt, wo es gefährlich ist, ohne den notwendigen Respekt unterwegs zu sein.

ski2b: Inwieweit ist die Ausrüstung in die Planung einzubeziehen?
Rudi Mair: Wer ohne Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS) unterwegs ist, handelt unverantwortlich. Ebenso unentbehrlich sind Lawienensonde und -schaufel, ohne die die Rettung anderer aus einer Lawine nur schwer möglich ist. Vor einer Tour ist das LVS auf seine Funktionstüchtigkeit zu überprüfen.

ski2b: Danke, dass Sie Sich Zeit für uns genommen haben.