Jan Mersch (Jahrgang 1971) lebt im Chiemgau und arbeitet seit 1993 als professioneller Bergführer. 30 Wochen im Jahr, ein gutes Drittel dieser Zeit im Winter, begleitet er Menschen durch die Berge. In der momentanen Jahreszeit ist die Führung von Skitourengruppen sein Arbeitsschwerpunkt. Der erfahrene Alpinist, der Mitte bis Ende der 90er Jahre unter anderem zusammen mit Thomas und Alexander Huber in Pakistan unterwegs war, arbeitet neben der klassischen Bergführerarbeit als Trainer des Expeditionskaders des Deutschen Alpenverein. Im Rahmen dieser Tätigkeit bietet er Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten im Alpinismus auf hohem Niveau zu steigern und weiter zu entwickeln.
Mersch war an der Entwicklung der Snow Card beteiligt. Für Martin Englers Buch "Die weiße Gefahr" hat er einige Beiträge verfasst, so den Abschnitt über Lawinen-Risikomanagement; dort setzt er sich damit auseinander, wie die Ablaufsystematik einer Unternehmung in den winterlichen Bergen strategisch sinnvoll sein kann.

ski2b: Herr Mersch, bis hierhin haben wir mit dem Lawinen-Spezial angedeutet, wie zum Beispiel eine Skitour zu planen ist und welche Methoden bestehende Lawinenrisiken wie handhabbar machen. Was ist zur konkreten Taktik vor Ort im Gelände zu sagen?
Jan Mersch: In erster Linie, dass dort bei allen Entscheidungen das eigentliche Ziel, sich erst gar nicht in Gefahr zu begeben, das wichtigste ist. Denn so gut die Planung war, mit welcher Methode das Lawinenrisiko auch abgewogen wurde, viele Gefahrenstellen bleiben. Ob Munters "3x3", Larchers "Tourenplanung" oder Englers "Szenario" - die gängigen Methoden beinhalten allesamt Strategien, die eine einer Tour vorausgehende Planung beinhalten. Unterschiede bestehen in den modernen Strategien zwar durchaus, doch arbeiten schließlich alle mit denselben zentralen Faktoren zur Risikoabwägung.
So liegt meines Erachtens ein besonderes Gewicht darauf, sich in Fortsetzung einer soliden Planung an festgelegte Checkpunkte zu halten, an denen man am Hang innehält, also stehenbleibt und nachsieht: Was ist wirklich an dem Hang los, in den ich einsteigen will.


ski2b: Was sind solche Stellen?
Jan Mersch: Nichts allgemein Definierbares, sehr häufig sind die Gefahrenstellen jedoch vor allem durch Versteilungen des Geländes über 35 beziehungsweise 30 Grad gekennzeichnet. Grundsätzlich sollte man Abstand zu möglichen und ausgemachten Gefahrenstellen einhalten und sie vor dem Betreten beurteilen - das gilt immer. Ebenso die auf der Hand liegende Notwendigkeit, das Gebiet der Route einsehen zu können: Steht man direkt unter einem Geländeübergang, sollte man den Bereich darüber vorher betrachtet haben, denn von dort aus ist der angestrebte, oberhalb liegende Punkt zwischenzeitlich nicht zu überblicken. Das sind zwei Beispiele aus einer endlosen Fülle denkbarer und vorhandener Gefahrenstellen, die es notwendig machen, stets die eigenen Sinne dahingehend zu schulen, aussagekräftige Informationen sammeln zu können. Ein klares Wissen um die Alarmzeichen im Gelände ist wirklich wichtig. S
o muss man zum Beispiel Windzeichen im Schnee oder Selbstauslösungen beachten, die auf bestehende Gefahren hinweisen. Sicher kann man auch ein regelrechtes Schneegefühl entwickeln, auch wenn das ein weiches Kriterium ist. Wer kein ausgesprochener Kenner des Zielgebietes ist, kann eine Beurteilung der tatsächlichen Hangneigung bei schlechten Sichtverhältnissen kaum vornehmen.

ski2b: Man sollte also immer mit einer Diskrepanz zwischen der Planung und den tatsächlichen Bedingungen rechnen?
Jan Mersch: Das ist schwierig zu sagen. Vielleicht ist eher von einer Weiterführung der Planung zu sprechen. Trotz fachmännischer Führung, guter Organisation einer Gruppe und Kenntnis von Sicherheitsregeln müssen gemachte Pläne geändert werden, weil zum Beispiel bei Schneefall Schneehöhenangaben stündlich neue Werte bringen - und sich entsprechend während einer Tour schon allein daraus eine neue Gefahrenstufe ergeben kann. Natürlich ist es auch möglich, Bedingungen anzutreffen, die exakt so im Lawinenlagbericht beschrieben worden sind.
Bei dieser Frage ist wohl eher entscheidend, ob man dazu neigt, mit einem größeren Risikofaktor zu planen und demnach genauestens am Hang Überprüfungen der tatsächlichen Bedingungen anstellen sollte oder ob man zu jenen zählt, die offensichtliche Risikobereiche wie Hangneigungen über 35 Grad von vornherein ausschließen und meiden. Was man nicht tun sollte, ist tourenlastig zu planen, sich also Wochen vorher auf ein Ziel zu versteifen. Oftmals passen die Bedingungen dann einfach nicht. Mir erscheint es sinnvoller und weniger gefährlch, sich gewissenhaft zu informieren und entlang der Planung kurzfristig ein Ziel auszusuchen.

ski2b: Was bestimmt Ihre Taktik, wenn Sie im Winter in den Bergen unterwegs sind außerdem?
Jan Mersch: Die Erkenntnis, dass man am Ende einer gelungenen Tour nie weiß, ob das Glück oder die eigene Berechnung dafür verantwortlich war, das man wohlbehalten wieder angekommen ist. Es gibt im Lawinen-Risikomanagement keinen Nullpunkt, der ablesbar macht, wie weit die Katastrophe entfernt war oder ist. Derartige Bestätigung findet nur negativ durch Lawinenabgänge statt. Im umgekehrten Fall einer erfolgreichen Unternehmung ist keine Bewertung der Gründe dafür möglich - trotzdem liegt etwas dazwischen; das, was die Erfahrenen und Gebietskenner umtreibt. Persönlich lege ich besonderen Wert auf das Studium von Kartenmaterial - das schult das räumliche Denken. Und der Hinweis sei mir gestattet, dass der Lawinenlagebericht als Basis aller Methoden zur Einschätzung bestehender Lawinengefahren nicht primär für Skifahrer erstellt wird, sondern im Hinblick auf Gefahren für Infrastruktur und Verkehr. Bewertungsraster sind entsprechend unterschiedlich, die lokalen Feinheiten können oft nicht so gut vorhergesagt werden - dieselbe Schneemasse wirkt auf Menschen anders als auf Straßen oder Gebäude!

ski2b: Danke für das Gespräch.