Der Schweizer Lawinenexperte Werner Munter räumt der juristischen Thematik in seinem Buch "3x3 Lawinen" ein eigenes Kapitel mit dem Untertitel: "Ansätze einer forensischen Nivologie" (3. Aufl., 2003, 183ff) ein. Wir geben einige seiner Überlegungen wider.

Literaturempfehlung
Andere Lawinenbücher sind vielleicht populärer geschrieben - wer aber wirklich in die Lawinenproblematik eintauchen möchte kommt an Munters Werk nicht vorbei; Prädikat: absolut empfehlenswert!

Josef Pichler (zit. nach Munter 2003: 183)
"Eine lebensnahe Rechtspraxis muss berücksichtigen, dass Bergsteigen und Skifahren im freien Gelände von der Gesellschaft gebilligte, besonders gefahrengeneigte Tätigkeiten sind, wo nicht jeder Unfall seinen Täter hat."

Die rechtliche Dimension
Passieren Unfälle, bei denen es schwer Verletzte oder gar Tote gibt, ist es in mitteleuropäischen Rechtsstaaten die Pflicht der Staatsanwaltschaften, Untersuchungen der Geschehnisse anzuordnen. In der Folge wird - je nachdem, ob Verursachern von Unfällen Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann oder nicht - strafrechtlich Anklage erhoben oder das Verfahren eingstellt: "Fahrlässigkeit ist dann - und nur dann - gegeben, wenn die Gefahr vorhersehbar und damit vermeidbar gewesen wäre. Irrtümer und Fehleinschätzungen innerhalb des üblichen Ermessens- und Interpretationsspielraumes sind demzufolge nicht strafbar" (Munter).

Neben des strafrechtlichen Ansatzes haben Lawinenunfälle auch eine zivilrechtliche Dimension: Dabei geht es um Haftpflichtansprüche und um Schadensersatz, über die neben der strafrechtlichen Beurteilung des Hergangs getrennt entschieden wird.

Beweislast
In beiden Verfahrenstypen liegt die Beweislast beim Kläger, er hat den Verschuldensnachweis zu erbringen - bei Lawinenunfällen ist ein Verschulden in der Regel über die Verletzung von Sorgfaltspflichten nachzuweisen.

Zum Begriff der Vorhersehbarkeit
Dass ein Unfall vorhersehbar gewesen ist, muss die Staatsanwaltschaft beweisen - im Zweifelsfall hat der Richter eine Entscheidung zu Gunsten Angeklagter zu treffen. "Die Frage der Vorhersehbarkeit spielt die Rolle einer Haftungslimitierung: Hat man die Gefahr, die den verpönten Erfolg bewirkte, im voraus überhaupt nicht erkennen können, trifft den Schädiger für sein Verhalten keine Verantwortung" (Jürg Nef, 1987, zit. nach Munter 2003: 185).

Über die Fahrlässigkeitsdogmatik
"Die juristische Fahrlässigkeitsdogmatik wurde vor allem anhand von Straßenverkehrsunfällen entwickelt, und es ist unzulässig, diese Begriffe und Vorstellungen, die aus einer weitgehend technisch beherrschten, gesetzlich geregelten, rationalisierten und normierten Zivilisation stammen, auf ungezähmte Naturereignisse zu übertragen, deren Gesetzmäßigkeiten noch zu wenig erforscht sind, um zuverlässige Prognosen erstellen zu können. Da Lawinenunfälle selten sind, hat sich noch keine spezifische Fahrlässigkeitsdogmatik und keine forensische Nivologie entwickeln können" (Munter 2003, 185).

Irrtum nicht strafbar
Fällt die juristische Bewertung einer Gefahrensituation mit Unfallfolge so aus, dass die Gefahr nicht erkennbar gewesen ist, kann in diesem Zusammenhang niemand strafrechtlich verurteilt werden: "Nicht der Irrtum innerhalb des Interpretations- und Ermessensspielraums ist strafbar, sondern die Unterlassung von Untersuchungen und Analysen" (Munter 203: 186). Wer eine Lawine ausgelöst hat, sollte also vorher tunlichst entlang der gängigen Methoden zur Beurteilung einer Lawinengefahr (3x3, SnowCard, Faktorencheck, Stop or Go, Reduktionsmethode) abgewogen und analysiert haben, ob es tragbar gewesen ist, den Hang zu betreten oder zu befahren.

Grundsätze einer juristischen Beurteilung
Werner Munter empfiehlt, bei juristischen Entscheidungen im Zusammenhang mit Lawinenunfällen "Grenzen der Vorhersehbarkeit" zu respektieren und den "Ermessensspielraum" nach folgenden zehn Grundsätzen zu berücksichtigen (Munter 2003: 187f).

Lawinenlagebericht
Anwendung des Lawinenlageberichts auf einen bestimmten Geländeabschnitt (Lokalisierung) lässt einen weiten Interpretationsspielraum. Zudem betragen die normalen lokalen Abweichungen vom regionalen Durchschnitt plus/minus eine Gefahrenstufe, was den Wert eines Lawinenlageberichts stark relativiert.

Richtigkeit des Lawinenlageberichts
Der Lawinenlagebericht muss nach dem Unfall auf seine Richtigkeit überprüft werden. Auch bei einer Trefferquote von 85% ist immer noch ein Bulletin pro Woche falsch.

Intuition ist nicht justiziabel
Die ganzheitliche Beurteilung der Lawinengefahr nach der "Formel 3x3" kann zu einem lückenhaften Puzzle führen, das wohl oder übel intuitiv zu einem Gesamtbild ergänzt werden muss. Hier sind oft mehrere sich widersprechende Varianten möglich, die im Moment des Entscheids gleichwertig sind.

Winterliches Gebirge
Unsichtbare Situationen sind im winterlichen Gebirge der Normalfall.

Falsche Extrapolation von Stichproben
Die Möglichkeit der falschen Extrapolation einer stichprobenartigen Punktmessung bei örtlich variabler Schneedecke muss in Betracht gezogen werden.

Vorhersehbarkeit
Bei latenter Gefahr ist Vorhersehbarkeit zu verneinen.

Gängige Praxis
Die gängige Praxis muss berücksichtigt werden: Was ist bei solchen Verhältnissen üblich? Welche Touren wurden im Unfallgebiet am Unfalltag unternommen?

Was ist gefährlich, was sicher?
Die Abgrenzung zwischen "gefährlich" und "sicher" ist fließend und abhängig von den besonderen Umständen und von der alpinen Erfahrung des Entscheidungsträgers.

Gefahrenanalyse ex post und ex ante
Es geht um die Unterscheidung zwischen Gefahrenanalyse ex post (nach dem Unfall) und Gefahrenbeurteilung ex ante (vor dem Unfall).

Auskünfte
Auskünfte sind nach dem Schema zu klassifizieren: Einfache Auskünfte, Vorbehalte, Warnungen.

Quellen und Literatur
- www.vdbs.de
- Günter Durner und Alexander Römer, Lawinen Know-How, 1. Aufl. 2003, ISBN 3-9807101-5-7
- Günter Durner und Alexander Römer, Erste Hife Bergrettung, 1. Auflage 2002, ISBN 3-9807101-2-2
- Werner Munter, 3x3 Lawinen - Entscheiden in kritischen Situationen, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-00-002060-8
- Martin Engler, Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen..., 1. Aufl. 2001, ISBN 3-9807591-1-3