Im vierten Teil der Lawinenreihe wird es konkret: Wir stellen euch relevante Faktoren der Lawinenbildung und fünf gängige Methoden zur Beurteilung einer Lawinengefahr vor.

Faktoren der Lawinenbildung
Hauptsächlich fünf Faktoren machen laut Martin Engler eine bestehende Lawinengefahr aus: Neuschneefälle, Wind, Temperatur und Sonneinstrahlung, Altschneeoberfläche und Altschneetiefe. Werner Munter nennt die Witterungselemente Neuschnee, Wind und Temperatur (plötzliche, massive Erwärmung) mit direktem Einfluss auf die Lawinenbildung. Zudem spielen Hangneigung, Hangform und Hangexposition eine wichtige Rolle im Hinblick auf die Stabilität einer Schneedecke.

Wetterfaktoren
Zentral für die Schnee- und Lawinensituation sind in erster Linie Wetterfaktoren, insbesondere Windstärke und -richtung (Triebschnee), Temperatur und winterliche Niederschlagsmengen (Neuschnee) - unter entsprechenden Bedingungen können bereits Neuschneeauflagen von zehn oder 20 Zentimetern zu einer erheblichen Schneebrettgefahr führen.


Neuschneefälle
Mit Neuschnee ist die zusammenhängende Auflage der letzten Schneefallperiode gemeint. So sehr massive und anhaltende Schneefälle die Lawinengefahr erhöhen, so kann der zunehmende Druck in Kombination mit Temperaturschwankungen ebenso für eine Verfestigung der Schneedecke sorgen. Zentral für die Beurteilung der Lawinengefahr ist also weniger allein die Gesamtschneehöhe, sondern vielmehr die Niederschlagsintensität. Die Beurteilung der Neuschneemenge sollte stets zu bestimmten Gegebenheiten in Bezug gesetzt werden: Windstärke und -richtung, Temperatur, Altschneeoberfläche (Schmelzharsch, Oberflächenreif als Gleitschichten) und die Häufigkeit der vorliegenden Hangbefahrung. Zentrale Fragen lauten: Wieviel hat es geschneit? Wie lange ist es her? Wie stark hat sich der Schnee gesetzt und verfestigt?

Wind
Durch den Wind werden gigantische Mengen an Schnee verfrachtet und so wieder abgelagert, dass gefährliche Schichtgefüge in der Schneedecke entstehen können - "Wind ist der Baumeister der Lawinen", zitiert Martin Engler in seinem Buch den Skipionier Wilhelm Paulcke, Werner Munter erinnert an den Auspruch von Mathias Zdarsky: "Wind als Baumeister von Schneebrettern". Durch "Windeinfluss abgelagerter Schnee wird in sich fest gebunden [und] hat zudem häufig weniger Bindung zur Altschneeoberfläche" (Dörner und Römer: 8).
Wind trägt den Schnee an Luvseiten davon und lagert ihn im Windschatten (Lee) einer Struktur wieder ab, das heißt Luvstellen sind relativ sicher zu begehen, im Lee hingegen lauert gefährlicher Triebschnee; insbesondere an über 30 Grad steilen Schattenhängen ist mit Schneebrettgefahr zu rechnen. Allerdings kann Triebschnee auch im Luv in Rinnen, Mulden und am Fuße von Steilstufen abgelagert werden, Ausnahmen sind also zu beachten.
Besonders problematisch ist die Tatsache, dass Schnee auch unter wechselnden Windrichtungen abgelagert wird und entsprechende Windzeichen, die Hinweise auf die Windrichtung bei der Ablagerung geben (wie Gangeln, Rippen, Wächten oder Dünen), eingeschneit oder bei schlechter Sicht nicht erkennbar sein können.
"Für die Lawinenkunde ist die Kenntnis der kritischen Windgeschwindigkeit unerläßlich, bei der Schnee in erheblichen Mengen windtransportiert wird" (Munter: 58), die zwischen 25 und 30 Stundenkilometern liegt, was Windstärke vier auf der Beaufortskala entspricht. "Die meisten potentiellen Schneebretter bilden sich während oder kurz nach dem Schneefall unter Windeinfluß" (Munter: 59) und "nach einem bedeutenden Schneefall mit starken Winden finden wir gefährliche Triebschneeansammlungen praktisch in allen Expositionen", denn für die Verteilung verfrachteten Schnees sind nicht Höhenströmungen sondern die Richtung der Bodenwinde entscheidend (Munter: 60). Triebschnee sollte stets umgangen werden, das ist eine elementare Vorsichtsmaßnahme im Gebirge.

Zentrale Fragen lauten: Wieviel Schnee wurde verfrachtet? Wo liegt der Triebschnee, wo nicht? Wie lange ist die Schneeverfrachtung her?

Temperatur und Strahlung
"Wärmeeinflußfaktoren wie Lufttemperatur, Regen und Sonneneinstrahlung haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Stabilität der Schneedecke" (Durner und Römer: 10). Von zentraler Bedeutung sind markante Amplituden wie große Kälte oder Wärme beziehungsweise starke Abkühlung oder Erwärmung (vgl. Engler: 268f), weil sich dadurch Veränderungen in der Schneedecke vollziehen. Werner Munter (63f) bietet bezüglich der Temperatur fünf anwendbare Faustregeln als Entscheidungshilfen:
- Plötzliche, massive Erwärmung erhöht die Gefahr kurzfristig.
- Langsame, maßvolle Erwärmung entspannt eine trockene Schneedecke und bewirkt eine günstige Setzung und Verfestigung.
- Kälte konserviert bestehende Gefahren, Spannungen in der Schneedecke bleiben erhalten.
- Abkühlung verfestigt feuchte Schneedecken (wie nächtliche Abkühlung bei Schönwetter).
- Im Frühjahr, bei Sulzschnee, verläuft der Grad der Gefahr meist parallel zum Tagesgang und Sonnenstand und der Temperatur. In der zweiten Nachthälfte und frühmorgens weist die oberflächlich gefrorene Schneedecke große Tragfähigkeit auf, die bei Sonneneinstrahlung rapide abnimmt. Morgens werden Osthänge bestrahlt, mittags Südhänge und nachmittags Westhänge. Dies ist bei der Tourenplanung zu berücksichtigen, beispielsweise durch einen frühen Start für Osthänge, sei es vor Sonnenaufgang. Für die Abfahrt bevorzuge man nach Möglichkeit West- bis Nordhänge.
- Länger andauerndes Strahlungswetter (schön und kalt) schafft ungünstige Bedingungen für den nächsten Schneefall - indem die Oberfläche der Altschneeschicht verharscht und Neuschnee dann keine Bindung mit dem Untergrund eingehen kann.

Weitere Grundannahmen zur Temperatur
- Ein relativ gleichmäßiger Temperaturverlauf um den Gefrierpunkt wirkt sich langfristig positiv auf die Verfestigung der Schneedecke aus, Kälte hingegen verzögert eine Verfestigung.
- Eine markante Abkühlung im Anschluss an Tauwetter sorgt durch das Gefrieren des aufgetauten Schnees prinzipiell für mehr Stabilität. Bei langandauernden tiefen Temperaturen wiederum setzt sich die Schneedecke nur langsam und die Schichten innerhalb eines Gefüges verbinden sich kaum.
- Eine starke Erwärmung ist immer ein Gefahrensignal, auch wenn es sich um eine Erwärmung unterhalb des Gefrierpunktes handelt, denn dadurch verursachte Setzungsprozesse verursachen eine vorübergehende Instabilität. Findet eine Temperaturerhöhung bis in die Plusgrade hinein statt, fällt der Effekt umso stärker aus. Feuchtet eine Schneedecke bei hohen Temperaturen bis zum Grund durch, geht die Haftung verloren und sie kann als Grundlawine abgehen.
- Demgegenüber festigt eine langsame und moderate Wärmeentwicklung die Schneeschichten. "Ideal ist eine Erwärmung bei Tag und eine Abkühlung (gefrieren) bei Nacht" (Durner und Römer: 10).

Hangform
"Der Faktor Hangneigung steht im direkten Zusammenhang mit Lawinen. In Hängen, die steiler als 30 Grad sind passieren ca. 97% aller Lawinenunfälle [...]. Das Risiko einer Lawinenauslösung kann deutlich gesenkt werden, wenn auf steile Hänge verzichtet wird [...]. Zur Risikoeinschätzung ist eine möglichst exakte Bestimmung der Hangneigung wichtig" (Durner und Römer: 11).

Unterschiedliche Hang- und Geländeformen haben gehörigen Einfluss auf den Schneedeckenaufbau, eventuelle Schwachstellen sind nicht ohne weiteres zu erkennen: Vom Wind werden Rinnen und Mulden mit Triebschnee gefüllt, während er Grate und Geländekanten vom Schnee freibläst - die ursprüngliche Form des Geländes wird so verdeckt, die Beurteilung von Hangneigung und -form entsprechend erschwert.

Hangexposition
70% aller Lawinenunfälle ereignen sich in nordexponierten Hängen, nur etwa 30% in südlichen Lagen. Die mit Abstand meisten Lawinenunfälle passieren im Bereich zwischen Nordwest (NW) und Nordost (NE), das heißt Lawinenunfälle und Hangexposition stehen in einem direkten Zusammenhang. Und wer "bei unsicheren Verhältnissen auf Steilhänge in dieser Exposition verzichtet, halbiert das Risiko" (Durner und Römer: 13). Gründe für diese Unterschiede sind die je nach Exposition verschiedenen Schneebeschaffenheiten und ein entsprechend unterschiedlicher Schneedeckenaufbau.

Altschnee-Oberfläche
Hier geht es um die Schichtverbindung zwischen bedeutenden Schneefallperioden und der Altschneedecke (vgl. Engler: 270f). Es handelt sich um den in der Praxis schwierigsten und zugleich bedeutendsten Faktor zur Beurteilung einer Lawinengefahr - entscheidend ist die Beschaffenheit der alten Oberfläche der Schneedecke "unmittelbar während und die Temperatur während und nach dem Einschneien" (Engler: 270).

Zentrale Fragen lauten: Ist die Oberfläche kalt eingeschneit? Ist es kalt seit dem Einschneien? Gab es zuvor eine längere, womoglich kalte Schönwetterperiode? Gab es zuvor einen Temperatursturz mit wenig Schnee? War es zuvor kalt mit wenig Schnee?

Altschnee-Tiefe
In niederschlagsreichen, kalten Wintern und "in Hochlagen ist die Dicke der Altschneeschicht stark variabel bis undurchschaubar. In warmen Wintern ist dieser Faktor oft vernachlässigbar mit Ausnahme der Durchfeuchtung von Grashängen" (Engler: 272).

Quellen und Literatur
- www.vdbs.de
- Günter Durner und Alexander Römer, Lawinen Know-How, 1. Aufl. 2003, ISBN 3-9807101-5-7
- Günter Durner und Alexander Römer, Erste Hife Bergrettung, 1. Auflage 2002, ISBN 3-9807101-2-2
- Werner Munter, 3x3 Lawinen - Entscheiden in kritischen Situationen, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-00-002060-8
- Martin Engler, Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen..., 1. Aufl. 2001, ISBN 3-9807591-1-3