Janica Kostelic kann sich nicht entscheiden – starte ich, starte ich nicht, starte ich ... sehr zum Leidwesen ihrer Konkurrentinnen. Kaum wägen diese sich in Sicherheit, malen sich gar Medaillen-Chancen aus, schon macht Janica ihnen einen Strich durch die Rechnung und startet doch. Dieses 'Spielchen' zieht sich bereits durch die gesamte WM.

Hüh, hott!
Beim zweiten Kombinationstraining setzte sie auf Grund ihrer stetigen Knieprobleme aus, beim Riesenslalom zog sie sich durch Kollision mit einer Torstange eine Schulter-Prellung zu. Immer wieder: "Ich starte, ich starte nicht!"

Dornenweg:
Der Erfolgsweg der Kroatin ist mit Verletzungen, Entbehrungen und Schmerzen gepflastert. In der Saison 1999/2000 galt Janica mit mehreren Siegen und weiteren guten Platzierungen im Gesamtweltcup als überragende Favoritin. Dann kam ein folgenschwerer Trainingssturz im Dezember 1999 – eine Patellarsehne, zwei Minisken und sechs Bänder wurden in Mitleidenschaft gezogen und mussten operiert werden. Im Jahre 2001 folgten drei weitere Operationen im rechten Knie.

Zähne zusammenbeißen:
Wer aber hier ein Karriere-Ende vermutete, wurde eines Besseren belehrt: Kurze Zeit später stand sie jedes Mal wieder auf Skiern. "Ich habe nie daran geglaubt, dass Schluss sein könnte. [...] Das Knie tut fast ständig weh, aber man darf einfach nicht daran denken, sonst komme ich nie irgendwo hin", sagte Kostelic damals.

Auf der Bühne:
Bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City hieß es dreimal Gold (Kombination, Slalom und Riesenslalom) und einmal Silber für Janica Kostelic. Anschließend freute sie sich: "Ich bin so glücklich. Das ist ein großartiger Tag. [...] Das ist eine Medaille für die Familie."

Hinter den Kulissen:
Aber man konnte nur vermuten, was sich familienintern wirklich abspielte: Ihr Vater Ante, ehemaliger Handballspieler, gilt als äußerst ehrgeizig, übt einen starken Druck aus, ist ihr Vorbild. Janica hat gelernt, auch unter größten Schmerzen ihre Rennen zu fahren und Siege nach Hause zu holen. Der unglaubliche Erfolg wurde stets von Schmerzen begleitet. Mit einem Scherz versuchte sie in Salt Lake City ihr Leid zu verbergen: "Nur im rechten Arm habe ich keine Schmerzen, und meine Haare tun nicht weh."

Desinteresse:
In dieser Saison hat der Gewinn des Gesamtweltcups, die große Kristallkugel, oberste Priorität. Ein Weltmeisterschafts-Titel in St. Moritz war nach ihren eigenen Worten noch nicht geplant. Immer wieder wird sie von Schmerzen geplagt: "Zu Hause beim Training vor der WM ist es plötzlich wieder ganz schlimm geworden." Ziemlich gleichgültig steht sie dementsprechend ihrem WM-Gold in der Kombination vor Nicole Hosp (AUT) gegenüber: "Es ist nur ein Rennen mehr, ein weiterer Sieg. Ich habe beim Lauf von Hosp gar nicht hin geschaut. Wäre ich Zweite geworden, wäre es auch in Ordnung gewesen."
"Es ist eine große Genugtuung, meine erste WM-Medaille zu gewinnen", sagte Kostelic,

Schmerz oder nicht Schmerz? - Das ist hier die Frage:
Natürlich freut sie sich ein wenig, spricht von "Genugtuung", erwähnt aber im gleichen Atemzug ihr 'Aua-Knie': "Mein Knie schmerzt extrem. Ich glaube nicht, dass ich so noch ein weiteres WM-Rennen gewinnen kann." Sie weiß, wie man der Konkurrenz Mut machen kann.

Glaubenssache:
"Eine reine Show", ist Damenchef Herbert Mandl überzeugt. "Im Training fährt sie sechs Läufe und geht normal, zwischen den Rennen humpelt sie."
Michaela Dorfmeister bezeichnet Janicas Verhalten gar als "oscarreif". Zum Beweis führt sie an: "Vergangenes Jahr haben wir sie in Saalbach auf das Podest gehoben, solche Kreuzschmerzen hatte sie. Drei Wochen später ist sie uns bei Olympia um die Ohren gefahren." Hier kann Janica also kein Mitleid erwarten.

Und nach der WM?
Wie geht es nun mit Janicas Knie weiter? Der kroatische Mannschaftsarzt Zeljko Sucur fordert: "Eine Operation ist notwendig, der Meniskus ist komplett zerrissen." Demgegenüber beschwichtigt Teamsprecher Ozren Mueller: "Das werden wir erst am Montag nach ihrer Rückkehr nach Zagreb wissen, wenn sie untersucht wird." Kostelic selbst ist wie immer unverwüstlich: "Ich schätze die Meinung der Ärzte, der Mannschaftsleitung und meines Vaters, aber ich fühle am besten, wie es meinem Knie geht." Da bleibt viel Platz für Spekulationen, inwieweit es mit der Echtheit ihrer Schmerzen bestellt ist. Soll hier etwa ein Mythos entsstehen: 'Schmerz-Gold'? Oder stecken hier radikale pädagogische Maßnahmen bis zur Selbstzerstörung dahinter? Janica sollte ihren Körper nicht grenzenlos schinden – es gibt ein Leben nach dem Sport – und da sind zwei gesunde Knie nicht unnütz ...