1995, ohne ein Team im Rücken, schmiedete Erik Schlopy einen unorthodoxen Plan: Stelle ein paar Leute zusammen, such´ dir einen Trainer und starte bei der U.S. Profi-Tour. Die Absicht lag nicht nur darin, seine Brötchen zu verdienen, sondern vielmehr genug Rennen zu gewinnen um eventuell den Weg in das amerikanische Ski-Team für die Winter-Olympiade 2002 in Salt Lake City zurückzufinden.
„Das war die einzige Möglichkeit mich außerhalb des Ski-Teams weiterzuentwickeln,“ sagt Schlopy. „Ich dachte, vielleicht erlauben sie ja auch Profis bis zu den Spielen 2002.“
Seiner „Amerika-Auswahl“ gehörte auch Jeremy Nobis an, der bis dato sein Potential im U.S. Team auch nicht hatte ausschöpfen können.
Dabei wurde die Profi-Tour von den Weltcup-Fahrern als die „Kann-man-sich-sparen-Tour“ belächelt.

Gladiatorenkämpfe bei der Pro-Tour
Andererseits hatte Schlopy die Final-Rennen in Schladming, Österreich im Jahr zuvor mitverfolgt. „Ich habe die Käufe von Bernhard Knauss (der Tour-Sieger) und Sebastian Vitzthum gesehen. Whoa, die sind gut. Ich war ernsthaft gewillt von den Jungs etwas zu lernen.“
Anders als der Weltcup, wo die Läufer ein oder zwei Läufe am Tag absolvieren, war die Pro-Tour wie harte, zermürbende Gladiatorenkämpfe. Die Rennen Mann gegen Mann verlangten 10 Läufe bis zum endgültigen Sieg. „Der Unterschied ist wie der eines Sprinters gegenüber eines Running Backs im American Football, „ sagt Schlopy. Im ersten Rennen wurde ich zweiter. Am Ende der Saison wurde ich sechster und gleichzeitig zum Nachwuchsfahrer des Jahres ernannt.
Wenn es die Pro-Tour noch gäbe, sollten dort die Fahrer des U.S. Teams starten, um sich zu entwickeln. Man bekommt dort eine ganz andere Einstellung zum Sport. Entweder du gewinnst, oder du fährst mit leeren Händen nach Hause. Aussetzer darfst du dir nicht erlauben. Und du musst zehn Läufe überleben. Athleten müssen dazu lernen. Und ich lerne schnell dazu.“

Die `One-Man-Show` Erik Schlopy
Allerdings fehlten Schlopy jetzt die helfenden Hände: Niemand, der sich um die Reisen, Hotels und Verpflegung kümmerte. Er hatte keinen Techniker, der seine Ski präparierte. Also übernahm er das Abstimmen und Wachsen selbst. Dadurch entwickelte er einen großen Respekt für diese Vorgänge. Er kümmerte sich um seine Trainingsplätze und steckte selbst die Pisten ab.
Nach mindestens 10 Trainingsläufen packte er seine Sachen wieder zusammen, ging ins Fitness-Studio und arbeitete dort mit weiteren Übungen an seiner Muskulatur, aß etwas, ging ins Bett und startete am nächsten Morgen das Ganze von vorn. Er trainierte zusammen mit anderen Teams, z.B. aus Kanada, Slowenien oder Schweden.
„Ich fand heraus, wie mich mit möglichst geringem Einsatz sehr viel erreichen konnte. Das war eine sehr gute Lektion für mich.“
Und es gab noch weitere Lektionen zu lernen. Anders als im Weltcup mussten für die Slalom- Läufe der Pro-Tour keine einzelnen Stangen, sondern zweifache, abklappende Stangen umfahren werden. Das „Cross-Blocking” mit dem Außenarm, das dem Fahrer erlaubt, eine Stange aus dem Weg zu räumen, bevor man an ihr vorbeifährt, war bei den Profis wesentlich schwieriger. „Ich brauchte beide Hände, um durch die Stangen fahren zu können,“ erinnert sich Schlopy. „Das half mir, mich im Gleichgewicht zu halten.“
Und dann war da noch sein Schwachpunkt: Die Sprünge. „Die Sprünge bei den Profis (mindestens zwei in jedem Kurs) lehrten mich in der Luft besser zu werden. Ein kleiner Fehler und du landest auf deinem Rücken, liegst dann im Schnee und denkst über das Geld nach, das du gerade verloren hast. Das zwang mich, in der Luft nicht in Rücklage zu geraten. Und das nicht nur in der Luft, sondern auch in den Gräben auf den Pisten.

Der harte Weg zurück
Aber die anstrengende Teilnahme an der Profi-Tour war ein leichteres Unterfangen im Vergleich dazu, eine Rückkehr in das U.S. Ski Team zu schaffen.
Er nahm wieder Kontakt auf und bat höflich um eine neue Chance und beharrte darauf keine bevorzugte Behandlung zu bekommen, was nur fair war.
Sie ließen ihn im Nord-Amerika-Cup starten, in kleinen Ligen mit der maximalen FIS-Punktzahl von 990 (bei den Rennen sind weniger Punkte besser). Er startete mit einer hinteren Startnummer, auf den vereisten und mit Furchen durchzogenen Pisten. Es war ein bisschen wie auf der Pro-Tour. Fest entschlossen es in das B-Team der USA zu schaffen, lieh sich Schlopy Geld von einem guten Freund, kaufte eine Wohnung in der Nähe des Teamquartiers in Park City, Utah und nahm sich einen Trainer. Sein Budget war mehr als bescheiden.
„Ich hatte eine sehr harte Zeit in dieser Saison,“ sagt er. „Ich schlief bei Fremden, hinter Bowlingbahnen für 20$ die Nacht, traf eine Menge Leute, die ich kannte und die mir igendwie helfen konnten.“ Er qualifizierte sich für die nationalen Meisterschaften, wo er sechster im Slalom wurde, allerdings im Riesenslalom stürzte. Schlopy hatte sich genau ausgerechnet, wie niedrig sein FIS-Punktestand sein musste und was er zu tun hatte, um ihn zu erreichen damit er es wieder ins U.S. Team schaffte. Der Durchbruch dazu kam in Lutsen, Minnesota. Am ersten Tag im Finale der Frühjahrs-Serie, riss eine Bindung an seinem Ski und er stürzte. Er reparierte die Bindung und gewann am nächsten Tag mit einem Vorsprung von 1,5 Sekunden - was reichte, um auf der FIS-Weltrangliste auf den 96. Platz und somit ins B-Team zu gelangen. Er schaffte es im letzten Rennen der Saison, die andernfalls wohl seine letzte gewesen wäre. Seitdem kletterte er stetig in der Weltrangliste. Im letzten Weltcup fuhr er als bester Amerikaner auf den 3. Platz im Riesenslalom, als 22. im Slalom und belegte den 15. Platz in der Gesamtwertung.
„Ich bin dankbar für die Chance, die mir das Team noch mal gab,“ sagt er. „Und diese werde ich auf jeden Fall nuzten. Und sollte ich von Verletzungen verschont bleiben, ist das sicherlich erst der Beginn meiner Weltcup-Karriere.“