Am Freitag Abend gewann die Lenggrieserin den Kombi-Slalom auf der „Sonnenwiese“ in St. Anton, die Krönung einer bis dato wechselvollen Saison im Stile einer Achterbahnfahrt.

Starker Saisonauftakt:
Die Saison 2000/ 2001 hätte für Martina Ertl nicht besser beginnen können. Die 27-jährige Profifahrerin war in Topform und ließ der Konkurrenz kaum eine Chance.
Gleich zum Auftakt in Sölden gewann sie den Riesenslalom und das, obwohl sie nach dem ersten Durchgang nur auf Platz 17 gelistet war. Dieser Sieg war bezeichnend für ihre weiteren Weltcup-Rennen. Der zweite Platz im Slalom von Park City folgte, danach ein weiterer Podiumsplatz in Lake Louise (Dritte) und ein vierter Platz in Sestrières. Nach einem kleinen Rückschlag in St. Moritz bei ungünstigen Pistenbedingungen, machte die DSV-Läuferin mit dem vierten Rang im Riesenslalom von Sestrières wieder alles wett. Damit stand sie unangefochten an der Spitze der Weltcup-Gesamtwertung und blickte zuversichtlich ins neue Jahr.
Alles lief wie am Schnürchen - zumindest bis zum 1. Slalom-Durchgang des 20.12. ...

Ein Unglück kommt selten allein...
Die Pechsträhne begann beim Slalomtraining in Sestrières. „Ihr braucht eigentlich nicht messen. Der Ski ist noch gekennzeichnet vom Slalom in Park City", sagte sie noch scherzhaft zu den FIS-Kontrolleuren. Doch die Scherze vergingen ihr leider allzu bald. Die Disqualifikation wegen zu schmaler Ski (9/100 Millimeter) stand kurz darauf endgültig fest. Die deutschen Fans und die Trainer waren ratlos, Martina jedoch zeigte, wenn auch unter Tränen, Verständnis: „...Normen und Regeln müssen halt eingehalten werden.“ Um so größer waren schließlich ihre Vorfreude und Motivation für das Rennen am Semmering mit Blick auf den 30. Dezember. Auf der schwierigen Piste vor den Toren der österreichischen Hauptstadt Wien wurde ihr eine Bodenwelle kurz vor dem Zielhang zum Verhängnis. Ihr verriss ein Ski und sie stürzte. „Ich habe gleich gemerkt, dass da am Knie irgendetwas locker ist“, beschrieb sie nach dem Lauf ihr Gefühl unmittelbar nach dem Sturz. Die Diagnose des Kniespezialisten Dr. Münch fiel entmutigend aus: Innenbandanriss und Haarriss am rechten Schienbeinkopf. Das bedeutete für Martina eine Rehabilitationsphase von mindestens 4 - 6 Wochen und die damit verbundene Ungewissheit, an der WM in St. Anton teilnehmen zu können.

Die Kämpferin:
Aber sie wäre nicht Martina Ertl, wenn sie sich davon hätte entmutigen lassen ... Nur eine Woche vor Beginn der WM in St. Anton nahm sie das Training wieder auf. „Ein traumhaftes Gefühl wieder auf der Piste zu sein, anstatt im Therapiezimmer.“ Das Ziel „Weltmeisterschaft“ hatte offenbar wahre Wunder gewirkt! Lediglich eine leichte Spezialschiene unterstützte das Knie beim Training. Allein Ambitionen auf Edelmetall hegten nur die kühnsten Optimisten. Martina indes genoss allein schon das Gefühl dabei zu sein.

Das Wunder vom Arlberg:
Als beste Deutsche beendete sie das Training zur Kombi-Abfahrt am 1. Februar auf dem 17. Platz. Nachdem es keiner mehr wirklich erwartet hatte, holte Martina Ertl in der Weltmeisterschaft in St. Anton wieder so richtig auf. Mit einem für die lange Trainingspause beachtlichen 14. Platz war sie dann bei der Kombi-Abfahrt am nächsten Tag „sehr zufrieden und superfroh“. Der abschließende Nachtslalom geriet dann zu einer Ertl-Show. Mit einer Galavorstellung im Slalom-Finaldurchgang holte sie Kombi-Gold und brachte die deutschen Fans zum Toben. Ertl, die Nervenstarke, die Konkurrenz patzte und sie triumphierte. Mit einem bayrischen Urschrei („Ich schreie immer so laut, wenn ich mich freue“) ließ die Powerfrau ihren aufgestauten Gefühle freien Lauf.

Ein unbeschreibliches Gefühl:
„Nach dem Rennen bin ich erst um 1.00 Uhr früh ins Bett gekommen. Es war zwar ein anstrengender, langer 16 Stunden Tag, aber ich war noch so aufgedreht, dass an Schlaf nicht zu denken war.“ Insbesondere dem Techniktrainer Franz Gamper galt ihr Dank. „Er hat uns nach dem ersten Slalomlauf richtig gepuscht. Er hat gesagt, wir sollen so fahren wie in Lauf 1, nur mit noch mehr Gas. Ich bin Vollgas gefahren, es war ein Lauf am Limit und der Rest war wie im Märchen“, erinnert sich Martina an die ersten Sekunden nach der Zieldurchfahrt. Das Schulterklopfen nach dem goldenen Schnell-Comeback wollte kein Ende nehmen. Das schönste Kompliment machte ihr vielleicht aber Karen Putzer (Italien), die am Ende der Kombinationswertung mit der Bronzemedaille bedacht wurde. Sie schrieb Martina Ertl in ihr Homepage - Gästebuch: „Incredible what you did...you have been great!”