"Am Anfang stand der pure Spaß, nicht die Absicht den Skisport zu revolutionieren."

Die Freestyle-Welle begann in den späten 70ern und frühen 80er Jahren. Buckel- und Luftakrobatik waren neu und aufregend, endlos viele neue Möglichkeiten taten sich auf. Mit dem technischen Fortschritt entwickelten Freestyler fahrerisches Können und ihre eigene Freestyle-Mentalität.

Im neuen Jahrtausend dreht sich in der Theorie alles um die Selbstverwirklichung auf zwei Brettern. Diese Gegenbewegung nennt sich selbst "New Freestyle". Glen Pake versteht die ganze Diskussion nicht, für ihn ist alles ganz leicht auf den Punkt zu bringen.

Als Daffys, Spreads und Hot-Dogs langsam in Vergessenheit gerieten, begann eine andere Zukunft des Skisports und versetzte die Skigemeinde in Aufruhr. Alle die zum ersten Mal diese Art des Skifahrens sahen, mussten annehmen, diese neue Spezies sei aus einem Raumschiff direkt über einer Skipiste abgeworfen worden.

Ende des letzten Jahrzehnts versammelte sich eine erlesene Gruppe von jungen, kreativen Skifahrern (JF Cusson, JP Auclair, Vincent Dorian, Mike Douglas and Shane Szocs) und begannen, mit der neuen Technik zu experimentieren. Sie waren es leid, ständig von Snowboardern eine Horde gut angezogener Snobs genannt zu werden. Also klauten sie deren Tricks und fingen an, Dinge auf Skiern zu tun, die bis dahin für unmöglich gehalten worden waren. In der Saison 96/97 herrschte Krisenstimmung in Whistler.

Der Fotograf Alex Guzman erinnert sich: „Damals waren das alles nur Buckelskifahrer in teuren Skiklamotten, die sich bei Drehungen und Überschlägen verausgabten. Sie suchten und fanden ständig neue Tricks, die sie dann wieder verwarfen. Dennoch sah man, dass sie mit einer ungemeinen Ernsthaftigkeit an die Sache herangingen. Ich erinnere mich noch, wie Mike Douglas einmal einen seiner ersten von etwa 720 noch folgenden Überschlägen machte. Alle standen wir gelähmt da und fragten uns was zum ... das gerade gewesen ist. Wir hatten gerade einen Meilenstein in der Skigeschichte miterlebt und waren alle tief bewegt, dabei gewesen zu sein.“

Die Szene fand ihr Vorbild in John DeCesare. Dessen Kult-Video The Degenerates war wie ein Schlag ins Gesicht des Ski-Establishments.
Der Wandel vollzog sich langsam. Zahlreiche neue Figuren entstanden im Kopf der Freestyle-Pioniere, konnten aber mit der damaligen Ausrüstung nicht umgesetzt werden. Mit ihren halsbrecherischen Amateurvideos unterm Arm klopften die Freaks bei den großen Skiherstellern an, um sie für die Idee eines Skis mit Spitzen an beiden Enden zu begeistern, mit dem auch Rückwärtssprünge und -landungen möglich sein würden.
Die Firma Salomon war die erste, die diese Idee aufgriff - das Ergebnis waren die ersten doppelspitzigen Skier „Salomon Teneighty“. Eine technische Revolution, die Tricks ermöglichte, von denen man bis dahin nur träumen konnte. Nicht nur dass sämtliche Snowboard-Figuren jetzt auch auf Skiern möglich waren, sondern auch noch nie dagewesene Tricks.

Der Schock saß tief bei den ahnungslosen Skiurlaubern, die im Winter 1998 beim Aprés-Ski mit ihren Daffy-Twister-Spreads angeben wollten. Um in der Szene zu beeindrucken, musste es jetzt schon mindestens etwas Drehendes und Fliegendes sein, am besten auch noch rückwärts.
Das Freeskiing brachte dem Skisport endlich die jungen Leute zurück, die er bereits vor Jahren an das Snowboarden verloren zu haben glaubte. Sponsoren stürzten sich auf den neuen Sport. Events wie die Winter X Games machten aus träumerischen Kindern Superstars, und jetzt, da Geld in diesen Sport floss, wurden für einige von ihnen die kühnsten Träume wahr.

So weit, so gut. Jeder der meint, dem Skisport etwas Neues geben zu können, bekommt seine Chance. Jetzt, wo die Industrie auf den fahrenden Zug aufspringt und versucht, daraus Kapital zu schlagen, wird es nicht mehr so sein wie früher. Es hat eine Weile gedauert, aber jedes große Ski-Label hat heute einen Zweispitzer im Sortiment, manche gleich mehrere. Junge Unternehmen wie Line bieten ausschließlich zweispitzige Skier an.

Was wird die Zukunft bringen? Wir sind alle keine Astrologen, aber eines ist ganz sicher:
Der Fortschritt ist nicht mehr aufzuhalten. Eine treibende Kraft ist mit Sicherheit Phillippe Poirier. Bei den 99er US Freeskiing Open überraschte er das Publikum mit einer Rückwärtsrolle. Das brachte dem Jungen, von dem niemand vorher gehört hatte, einen goldenen Halsschmuck und er verließ das Terrain mit der tiefen Gewißheit, einen Wandel vollzogen zu haben. Er löste einen Trend aus - jede traditionelle Figur wurde jetzt auch rückwärts versucht. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Skifahrer heute rückwärts abheben und auch wieder landen oder auch einfach nur rückwärts durch den Schnee gleiten.
Man kann davon ausgehen, dass die Skier in Zukunft noch länger und technisch ausgefeilter werden. Auch hier sind der Stil und das Flair entscheidend. Letztendlich steht dem Freestyle dasselbe bevor, was Snowboarding, Skateboarding und Rollerblading passiert ist:
es wird sich normalisieren. Die "alte Schule" des Skifahrens wird es immer geben. Aber egal ob traditionell oder Freestyle - der Fun-Faktor ist bei beidem 100 Prozent.