Ski2b: Christian, Du bist einer der wenigen Experten, die den Skizirkus aus vielen Perspektiven betrachten, da Du viele Erfahrungen als erfolgreicher Rennläufer, Geschäftsmann und Medienfachmann gesammelt hast. Wohin schreitet der alpine Weltcup derzeit?
Neureuther: Es ist sicher so, dass es einige gute, jedoch auch einige schlechte Facetten gibt. Folgende Punkte sollten aus meiner Sicht überdacht und verändert werden. Es ist bereits seit ungefähr 20 Jahren ein Thema, dass der alpine Skisport in ganz profesionelle Hände gehört, die unabhängig vom Einfluss der Verbände und der alten Strukturen den Skizirkus reorganisieren und vermarkten müssen. Hier gehört dann eine Top-Fachkraft an die Spitze, die unter Berücksichtigung von sportlichen, wirtschaftlichen und medialen Interessen die Sportart voranbringt.

Ski2b: Gibt es zur Zeit einige Persönlichkeiten und Möglichkeiten diese Strukturänderung in die Wege zu leiten?
Neureuther: Ich sehe weder die Persönlichkeiten noch die Möglichkeiten. Ich befürchte, dass sich die Verantwortlichen im Frühjahr wieder an einen Tisch setzen und dann erneut in einer gleichen Art und Weise weitermachen.

Ski2b: Welche Möglichkeiten gibt es, um den Skisport atraktiver und interessanter den Zuschauern zu präsentieren? Gibt es auf diesem Gebiet noch Reserven?
Neureuther: Die ARD bemüht sich im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten, durch Hintergrundberichte, fundierte Analysen, interessante Einstellungen....die Faszination der Sportart und auch die "Typen" dem Zuschauer darzustellen. Ich glaube jedoch, dass man sich seitens der Verbände und der Organisation den berichtenden Medien gegenüber weiter öffnen muss. Hier ist man noch zu wenig zusammengewachsen, denn wenn man das Skifahren und die Aktiven besser darstellen möchte, müssen die Medien professioneller integriert werden.

Ski2b: Gibt es Initiativen, die die nationalen Verbände, die FIS und die Medien an einen Tisch bringen, oder liegt dieser Bereich zur Zeit brach?
Neureuther: Dieser Bereich liegt brach! Hier fehlen Investoren und Visionäre, die die alpinen Übertragungs- und Vermarktungsrechte bündeln und diese Position dann dafür nutzen, die Sportart voranzutreiben.

Ski2b: Ist der DSV auf dem richtigen Weg in der Zukunft weiterhin (bei den Damen) und erneut (bei den Herren) ein gewichtiges Wort mitzusprechen?
Neureuther: Ich glaube, dass das Wichtigste für den DSV und auch die Aktiven ein offener Dialog aller Interessengruppen ist. Hier meine ich die sogenannten Experten, wie z.B.: Bittner, Wörndl, Wasmaier, Neureuther.., die Trainer, die Aktiven und auch die DSV - Führung. Hier gilt es dann in einer sportlichen und offener Diskussion die Kräfte zu bündeln und in neue Anregungen und Änderungen umzusetzen.

Ski2b: Was würdest Du in der Situation als Entscheidungsträger in die Wege leiten und ändern?
Neureuther: Da möchte ich mich ein wenig zurückhalten. Personen wie Wolfgang Maier oder Martin Osswald sollen meine Vorschläge nicht aus den Medien erfahren, sondern in einem persönlichen und konstruktiven Gespräch. Ich möchte nicht nur als Kritiker dastehen, sondern bin gewillt mich auch der Verantwortung zu stellen.

Ski2b: Welche Entwicklungen könnten nach der Carvingwelle die Zukunft des Skifahrens in einer ähnlichen Weise beeinflussen?
Neureuther: Es gibt zwei Entwicklungen.
Ich sehe ganz klar den Trend, dass zur Zeit die Disziplinen Big-Air, Halfpipe und Skiercross mehr und mehr an Popularität gewinnen. Die Attraktivität und Beliebtheit dieser Neuentwicklungen ist schon enorm.
Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Carvingwelle noch weiter gehen wird. In den Skigebieten sehe ich noch sehr viele Skifahrer, die mit altem Material unterwegs sind und plötzlich ganz fasziniert sind, wenn sie die neuen Carvingski ausprobieren. Die Carving-Ski erleichtern den Weg zu Erfolgserlebnissen und Skivergnügen. Durch die Differenzierung der Carvingski sind nun diese Ski nicht nur den Experten vorbehalten, sondern erleichtern auch den Anfängern das Erlernen dieser Sportart.