Alex Grauvogl sorgte mit ihrer Bronzemedaille bei der Skicross-WM in Madonna di Campiglio (ITA) für die erste deutsche Skicross-Medaille. Ski2b sprach mit der Studentin über die vergangene Saison, die teilweise schwierige Vorbereitung der Skicrosser und ihren großen Traum von Olympia.

Ski2b.com: Alex, im letzten Winter hast du mit dem Gewinn der WM-Bronzemedaille einen echten Glanzpunkt gesetzt. Im Weltcup dagegen konntest du nicht unter die ersten zehn fahren. Wie fällt dein Fazit des letzten Winters aus?
Alexandra Grauvogl: Mit meiner Leistung bei den vier Wettkämpfen vor der WM (drei Weltcups und ein Int. Saab Salomon Crossmax) kann ich natürlich nicht zufrieden sein. Es waren die ersten Wettkämpfe nach meiner Knieverletzung im November 2005 und ich habe mich da selbst zu sehr unter Druck gesetzt und von bestimmten Personen negativ beeinflussen lassen. Hinzu kam dann manchmal noch etwas Pech, wie z.B. ein verwachster Ski oder eine Windböe auf dem flachen Kurs in Japan. Aber bei der WM wendete sich dann das Blatt: Dank eines extrem positiven Umfelds bin ich zum ersten Mal wieder gelöst Ski gefahren und hatte auch das nötige Glück und vor allem einen schnellen Ski. Mit der WM-Medaille und dem kurz darauf errungenen Deutschen Meistertitel kann ich also trotz verpatztem Weltcup auf eine erfolgreiche Saison zurückblicken.

Ski2b: Die Medaille bei der WM war die erste Skicross-Medaille für Deutschland. Ist dadurch das Medieninteresse stark angestiegen? Wie hast du das wahrgenommen?
Alex: Das Medieninteresse ist schon höher geworden, vor allem im Printbereich. Dies ist wohl auf die Informationsdienste von dpa und sid zurückzuführen, die sich wenige Stunden nach den Skicross-Wettkämpfen in Madonna di Campiglio bei mir telefonisch über den Rennverlauf erkundigten. Auch das Fernsehen zieht nach: Das ZDF berichtete ja bereits über unsere Japan-Reise, Eurosport 2 übertrug die WM live und bei der Deutschen Meisterschaft in Oberstdorf war ein Team des BR vor Ort. Allerdings scheint das ganze noch sehr ausbaufähig zu sein, denn wir Skicrosser werden nicht selten gefragt, warum denn da nicht öfter was käme. Das sei doch viel spannender als diverse andere Sportarten, die oft auf der 'Mattscheibe' zu sehen sind.

Ski2b: Wie sieht bei dir die Vorbereitung auf den kommenden Winter aus? Wie viele Tage trainierst du auf Schnee?
Alex: Das mit dem Schneetraining ist schwierig, besonders nach so einem schlechten Winter. Ich denke vor Ende September wird da nicht viel los sein mit Gletschertraining. Man kann nur hoffen, dass man auf 20-25 Schneetage kommt vor den ersten Rennen. Momentan befinde ich mich im allgemeinen Konditionstraining. Dabei werde ich vom Medical Park in Bad Wiessee sportmedizinisch und bei der Trainingsplanung und -durchführung unterstützt. Nach einer ersten Leistungsdiagnostik standen in den vergangenen Wochen vor allem lange Einheiten auf dem Rennrad und allgemeine Rumpfstabilisation an. Demnächst beginnen wir dann mit gezieltem Krafttraining für Beine und Oberkörper und erst kurz vor der Saison mit dem Training für einen explosiven Start, der bei mir noch sehr ausbaufähig ist. Außerdem gehe ich meinen anderen beiden Lieblingssportarten nach, die mich auch im Skicross weiterbringen: In München betreibe ich im Hochschulsport Modernes Sport Karate (perfekt zur Schulung von Taktik, Reaktion, Körperbeherrschung und Fitness) und zuhause am Tegernsee spiele ich mit den Damen der SF Gmund-Dürnbach Fußball in der Bezirksoberliga.


Ski2b: Im alpinen Bereich reisen die Mannschaften zu dieser Zeit nach Übersee und trainieren dort. Wie sieht es bei euch im Skicross aus? Trainiert ihr als Mannschaft auf den Gletschern oder trainierst du viel allein?
Alex: Für solche Scherze wie Training in Neuseeland, Chile oder in der Skihalle in Dubai haben wir natürlich nicht die nötigen finanziellen Mittel. Wie die Planung für dieses Jahr aussieht, weiß man noch nicht so genau, da sich ja hoffentlich einige Veränderungen hinsichtlich der Unterstützung von Seiten des DSV ergeben. Bisher war es so, dass man die freien Skitage auf dem Gletscher im September und Oktober alleine absolviert bzw. sich regional zusammengerottet hat. Ab Ende Oktober ging es dann über verlängerte Wochenenden 3-4 Tage zu zentralen Lehrgängen z.B. ins Kaunertal. Da wurde dann mit Coach Alex Böhme Riesenslalom trainiert, Startübungen mit dem Gate gemacht oder über die großen Kicker die Sprungtechnik verbessert. Ich denke so ähnlich wird das diese Saison auch noch laufen.

Ski2b: Wo setzt du im Training die Schwerpunkte? Was musst du verbessern, um im kommenden Winter eventuell einen Weltcup-Sieg zu erringen?
Alex: Wie bei den meisten Mädels in unserem Team wird das auch bei mir der Start sein. Hier kann man im Wettkampf einfach am meisten verlieren oder auch gewinnen. Ich hatte schon einige sehr gute Starts und dann aber auch wieder sehr viele miserable. Ich muss versuchen, dass die guten kein Zufallsprodukt bleiben, sondern regelmäßig abrufbar sind.

Ski2b: Aus deinen Erfahrungen vom alpinen Rennsport weißt du wie wichtig gutes Material ist. Wie sieht es bei dir im Skicross aus? Bekommst du dort Unterstützung von einem Servicemann oder einer Skifirma?
Alex: Auch im Skicross ist es entscheidend was für Material man unter den Füßen hat. Das habe ich diesen Winter nur zu gut erfahren. Im Weltcup musste ich meine Ski selbst präparieren und bekam in den Qualifikationsläufen eine Klatsche nach der anderen, auch von Läuferinnen, die technisch nicht unbedingt besser sind als man selbst. Als sich bei der WM dann der für diesen Wettkampf vom DSV finanzierte Servicemann Simon Bauer um das richtige Wax gekümmert hat, hatte ich dann plötzlich die vierte Qualizeit (statt 12.) und war statt drei Sekunden nur noch eine hinter der Besten dieses Winters, Ophelie David, die immer einen professionellen Service erhält. Also ich kümmere mich ja gerne um meine Ski, aber anscheinend schaffe ich es einfach nicht, sie schnell zu kriegen, und das ist nicht so gut ;-) Es ist halt auch ein großer psychologischer Vorteil, wenn man weiß, dass man Raketen unter den Füßen hat. Mein Sponsor Salomon unterstützt mich zwar mit der Bereitstellung des Materials, wofür ich sehr dankbar bin. Mehr Service ist aus finanziellen Gründen zur Zeit aber leider nicht möglich, was für mich aus oben geschilderten Gründen im Moment keine optimale Situation darstellt. Hoffentlich findet sich da noch eine Lösung bis zum Winter!

Ski2b: Neben dem Sport absolvierst du auch ein Studium. Was sind dort deine Pläne nach Ende des Studiums? Wie geht es mit dem Sport dann weiter?
Alex: Mein Master in Kommunikationswissenschaft neigt sich ja - glücklicherweise - dem Ende zu. Diesen Winter könnte es noch einmal stressig werden, da wir relativ viele verpflichtende Präsenzzeiten haben werden. Dann steht noch die Abschlussarbeit an. Im Sommer 2008 sollte ich dann fertig sein und würde am liebsten im Sportjournalismus tätig werden. Ich arbeite ja bereits als Freie Mitarbeiterin beim Deutschen Sportfernsehen und bei unserer Tageszeitung im Lokalsport. Irgendwann will ich Monika Lierhaus als Sportschau-Moderatorin ablösen, oder noch besser Gerhard Delling ;-) Aber auch in der Unternehmenskommunikation würde ich mich wohl fühlen. Wenn sich allerdings die Möglichkeit ergibt, Skicross bis Olympia professionell auszuüben, werde ich diese Chance ergreifen, um mich mit 100% darauf vorbereiten zu können. Ansonsten geht es nur neben dem Job, das ist dann halt nicht optimal und wesentlich schwieriger.

Ski2b: Was sind deine Ziele für den kommenden Winter?
Alex: Ich würde gerne Platzierungen unter den TOP-4 im Weltcup erreichen, die Chance bei den X-Games zu rocken wäre auch klasse, aber vor allem will ich gesund bleiben!

Ski2b: Das Skicross-Team in Deutschland ist gespickt mit jungen Athletinnen. Was traust du dem Team im Winter 07/08 zu? Wer könnte vorne in der Spitze mitmischen?
Alex: Vor allem bei den Mädels sind wir ja als „Pampers-Nation“ verschrien, da hier mit Sarah Reisinger und Christina Manhard extrem junge, aber äußerst talentierte Athletinnen am Start sind. Den beiden traue ich nach dem mehrmaligen Erreichen der Finalrunden in der letzten Saison auf alle Fälle Platzierungen unter den TOP 8 im Weltcup zu. Julia Manhard hat nach ihrem bestandenen Abitur nun den Kopf frei und als Mitglied in einem internationalen Firmenteam ein professionelles Umfeld. Auch sie ist noch jung und steht erst am Anfang ihrer sportlichen Karriere. Wenn sie cool bleibt und sich nicht so unter Druck setzen lässt wie bei der letzten JWM, als viele von ihr die sichere Titelverteidigung erwarteten, dann ist sie auf alle Fälle für einen Podestplatz im Weltcup reif. Aber man sollte nicht die „alten“ Hasen wie mich und Angela Senftinger vergessen, schließlich sind wir bisher die einzigen Deutschen, die unter die TOP 3 der Welt fahren konnten. Angela ist sehr ehrgeizig, organisiert sich immer ein perfektes Umfeld und sobald das Wetter schön ist und der Kurs ihr liegt, ist sie eine Kandidatin für die vordersten Plätze. Bei den Herren stellt sich das alles ein bisschen schwieriger dar, da hier noch ein viel größerer Konkurrenzdruck herrscht als bei den Damen. Außerdem sind die deutschen Jungs wie Frank Maier, Daniel Jud, Andreas Tischendorf und Fabian Grafetstetter noch relativ jung im Verhältnis zur internationalen Konkurrenz auf den vorderen Plätzen, und haben teilweise auch große physische Nachteile. Thorsten Götze, der deutsche Meister 2007, könnte sich im Weltcup bestimmt unter den TOP 10 platzieren. Allerdings muss er zugunsten von Arbeit und Familie oft auf eine Teilnahme verzichten. Aber bei der Deutschen Meisterschaft sind sowohl im Herren- als auch im Damenbereich neue Gesichter aufgetaucht, die man vielleicht bald öfter sehen wird.

Ski2b: 2010 ist Skicross zum ersten Mal bei Olympia dabei. Ist das auch ein Ziel für dich oder ist das noch zu weit weg?
Alex: Olympia war und ist immer noch mein größter Traum. Als ich 2003 so unrühmlich aus dem Kadersystem der Alpinen geworfen wurde, brach für mich eine Welt zusammen, denn ich dachte: Ende Gelände! Das war’s dann wohl mit meinem großen Ziel! Die ganze Schufterei war umsonst und noch dazu hatte ich den Spaß am Skifahren verloren. Und mit Skirennsport wollte ich erst recht nichts mehr zu tun haben. Doch nachdem ich Skicross für mich entdeckte, verflog die Frustration und Skifahren hat mehr Spaß gemacht als je zuvor. Dass sich jetzt durch Skicross auch noch die Chance für mich ergibt, meinen Traum von Olympia im neuen Anlauf zu verwirklichen, ist natürlich der Wahnsinn! Ich bin hungrig wie nie und werde die kommenden zweieinhalb Jahre alles für dieses Ziel tun! Wenn meine Gesundheit, insbesondere mein Knie, mitspielt, wird mit mir 2010 zu rechnen sein! Schließlich bin ich da auch erst 28, also im besten Skicross-Alter!

Ski2b: Alex, vielen herzlichen Dank für das Interview und wir wünschen Dir eine gute Vorbereitung auf den Winter 2007/2008.