Marc Girardelli hat den Skiweltcup auch in Adelboden wieder genau beobachtet. Im Interview mit Ski2b spricht er über die Siege von Raich und Berthod, sowie über seine eigenen Erinnerungen.

Ski2b: Hallo Marc, hast du die Rennen in Adelboden verfolgen können?
Marc Girardelli: Ja, natürlich!

Ski2b: Im Slalom haben wir da einen außergewöhnlichen Sieg von Marc Berthod gesehen, der mit Startnummer 60 erst 27. wurde und dann im Finale auf Platz eins vorfuhr. Wie hast du es erlebt?
Marc: Das war einer der besten Slaloms, die ich jeh gesehen habe. Der Berthod hat ja nicht wegen der Verhältnisse gewonnen, sondern weil er außergewöhnlich gut gefahren ist. Ich habe das verfolgt und dachte mir schon, dass er sehr gut ist. Aber das es dann bis nach vorne reicht ... Man muss aber sagen, dass die, die mit ein, zwei oder drei Sekunden Vorsprung ins Rennen gegangen sind, einfach nicht die Nerven hatten, nicht die Courage um zu attackieren. Und die, die es versucht haben wie ein Bode Miller, hatten Pech. Ihm ist da wohl die Bindung aufgegangen. Aber die anderen hatten einfach die Hosen voll. Natürlich, es war ein schwerer Hang und es gab schlechte Sicht und schlechtes Wetter.

Ski2b: Benni Raich schaute eher ungläubig auf die Anzeigetafel, als er knappe drei Sekunden auf Berthod verloren hatte. Hast du auch schon einmal einen solchen Vorsprung verspielt?
Marc: Ich habe mal 1,4 Sekunden verspielt, bei einem Riesenslalom in Australien war das. Da hatte ich einen dicken Fehler drin. Aber sonst ist mir das nicht passiert. Ich glaube, so etwas kann vorkommen, wenn man sich zu sicher fühlt. Mit Aggressivität kannst du heute mehr holen als mit guter Technik. Wer mit 70 oder 80 Prozent Einsatz sauber runterfährt ist immer langsamer als einer, der voll angreift und dabei einige Fehler macht. Es gewinnt letztlich der, der am meisten attackiert.

Ski2b: Ist so ein Rennen gut für den Skisport?
Marc: Ja, das ist gut für den Skisport. Man sagt so schnell, nach einigen Fahrern hat die Piste nachgelassen und es geht nichts mehr. Adelboden hat gezeigt, dass das nicht stimmt. Da hat auch der Veranstalter eine sehr gute Leistung gezeigt und die Piste gut hergerichtet. Aber mit Startnummer 60 zu gewinnen, das ist eine absolute Neuheit und das wird es auch so schnell nicht wieder geben. Man kann aber eben auch mit hoher Startnummer ganz vorne dabei sein. Und für die Zuschauer war es toll - man klebt am Fernseher und fragt sich: Hat er es geschafft? Das ist sehr gut.

Ski2b: Für die Schweizer war es ein Fest. Ein Sieg nach so langer Zeit vor heimischem Publikum - und sie konnten den Führenden ja lange feiern.
Marc: Im Slalom waren die Schweizer ja noch nie was! Da haben die ja überhaupt erst ein paar Rennen gewinnen können. Deshalb zählt der Sieg wahrscheinlich doppelt für sie!

Ski2b: Am Tag davor fand der Riesenslalom statt, den du 1989 und 1991 ja auch schon gewonnen hast. Was macht diesen Hang zum Klassiker?
Marc: Was macht Adelboden aus? Das ist ja eher eine bäuerliche Gegend und immer sehr kurios. Zu meiner Zeit, da mussten wir zur Besichtigung sehr früh raus, sind mit einem uralten Schlepplift aus den 50er Jahren hoch. Die Absperrungen waren wohl von der Skischule. Man hat geglaubt, man sei bei Heidi auf der Alm! Der Hang erscheint sehr leicht, aber da gibt es sehr viele Übergänge. Er gehört nicht zu den steilsten im Weltcup, ist aber sehr ungleichmäßig. Auch die Einfahrt ins Ziel ist schwierig, da muss man mit viel Erfahrung rangehen, sonst passieren diese Innenskifehler, wie man sie von Miller gesehen hat. Es ist ein trügerischer Hang.

Ski2b: Benni Raich konnte dort wieder gewinnen, insgesamt hat er 180 Punkt aus den beiden Rennen geholt. Ist damit seine Mini-Krise beendet und er ist wieder so stark wie im Vorjahr?
Marc: Benni hatte im letzten Jahr auch eine kleine Slalom-Krise, da hat er dem Rocca den Slalom-Weltcup geschenkt. Das durfte ich mir damals bei Ingemar Stenmar oder Pirmin Zurbriggen nicht erlauben. Da ist er auch schon wieder herausgekommen. Er und auch Michael Walchhofer sind noch nicht so stark wie im Vorjahr, aber bei Raich wird es wohl für den Weltcup knapp reichen.

Ski2b: Du glaubst also, dass Raich Aksel-Lund Svindal noch an der Spitze des Gesamt-Weltcups ablöst, obwohl der ja auch kostant Spitzenresultate einfährt?
Marc: Ja, der Svindal hat ja im Slalom nur ein paar Pünktchen geholt und in der Abfahrt tut er sich auch schwer. Es wird sicher eng, und das ist ja auch gut für den Sport, aber ich glaube, Raich wird sich gegen Svindal und auch einen Miller wohl durchsetzen.

Ski2b: Als nächstes steht nun Wengen auf dem Programm. Dort gibt es eine Super-Kombination, einen Slalom und natürlich die Abfahrt. In Bormio hat sich Michael Walchhofer zurückgemeldet. Ist er der Top-Favorit auf der Lauberhorn?
Marc: In der Abfahrt ist Walchhofer der einzige Österreicher, der vorne wirklich mithalten kann. Ich wundere mich darüber schon sehr, eine solch schwache Phase gab es schon lange nicht mehr. Bei Maier wundert es mich besonders. Er klagt über das Material, aber ich glaube, er hat einen technischen Fehler drin und seine Trainer sehen es nicht. Er sucht wohl selbst am falschen Ende.

Ski2b: Bei Michael Walchhofer ist der Knoten in Bormio offenbar geplatzt. Nach schwachen Ergebnissen auf einmal der Doppelsieg. Wie kommt man aus so einem Leistungsloch?
Marc: Beim Walchhofer ist das Problem wohl ein anderes als bei Maier. Ich habe ihn in den ersten Rennen in der Frühsaison gesehen und dachte, es sieht so aus, als ob er Probleme mit dem Material hat. Man sah es in den Kurven, die fuhr er ruckartig und gehackt. Dabei ist er sonst einer der besten Kurvenfahrer. In Bormio hab ich dann eingeschaltet und gleich gesehen, dass er gleichmäßige und elegante Kurven gefahren ist. Da dachte ich gleich, dass er schnell sein wird. Er hat seinen Fehler gefunden und wird sehr stark sein, natürlich ist er ein heißer Favorit für Wengen. Aber auch Miller erwarte ich ganz oben.


Ski2b: Was sagst du zu Didier Cuche? Er fährt beim Gesamt-Weltcup vorne mit, hat den ersten Saisonsieg aber immer knapp verfehlt.
Marc: Ein Cuche kann ab und zu mal ein Rennen gewinnen, aber ihm fehlt das Durchsetzungsvermögen, um wirklich den Sack zuzumachen. Auch wenn er in der Saison zu einem Zeitpunkt der beste Fahrer ist, ein Fehler passiert ihm. Und dann sind da Walchhofer und Co. und nutzen das aus. Die sind so kalt. Ein Siegläufer legt immer noch ein paar Prozente zu. Cuche gibt die eher ab. Er ist ein Zufallssieger. Andere legen noch einen drauf, gehen an ihre letzten Grenzen, das macht er nicht. Er ist ein super Athlet, keine Frage. Aber er ist kein echter Siegläufer.

Ski2b: Eine andere Meldung gab es am Wochenende noch: Kjetil Andre Aamodt hat seine aktive Karriere beendet. Damit verlässt einer der ganz Großen die Bühne. Was sagst du zu ihm?
Marc: Tja, Aamodt - fünf Jahre habe ich mich noch gemeinsam mit ihm auf den Pisten gestritten. Das war Anfang der 90er, sogar im selben Rennstall, bei Dynastar, waren wir die größten Konkurrenten. Im Weltcup hat er gar nicht so viel gewonnen, meine ich. Aber wenn es um Medaillen ging, dann war er stark. Auch wenn er aus dem Nichts kam. Er konnte eine echte Punktlandung machen, wie auch ein Lasse Kjus. So etwas gibt es ganz selten. Und auch vom Charakter war er ein guter Typ, den die Leute sehr gemocht haben.

Ski2b: Danke Marc, für deine Zeit - und bis zum nächsten Mal!
Marc: Danke und bis bald!