Am Glacier 3000 wüten die Teufel. Sie tanzen auf dem „einzigen Gletscherskigebiet des Berner Oberlandes“ ihre Neckspiele, vergnügen sich mit Felsbrocken beim Kegelspiel. Da rollt schon mal einer in den Abgrund und reißt Tonnen mit sich, wie die Felsstürze in der südseitigen Derborence belegen. Den Hirten waren die Rochers oder Scex de Champ verflucht. Sie gaben ihnen den Namen Diablerets, Teufelshörner. Auch die Tourismusplaner mag der Teufel geritten haben, nicht zuletzt Mario Botta, der Stararchitekt, der schon schönere Bauwerke konzipiert hat, als den Klotz der Bergstation. Snowpark, Loipe, die höchste Rodelbahn der Welt... Schnell ziehen wir unsere Spur in die einsame Welt, zum Col du Sanetsch, wo das Panorama genauso wundervoll ist, nur ohne die Stadt in die Berge holen zu wollen. Ohne präparierten Vergnügungspark lässt sich’s leichter atmen. Ansichtssache. Denn fortan trägt jeder die Verantwortung selbst. Für die Einen Last, für die Anderen Freiheit. Durch unsere Anreise haben wir Zeit verloren. Es ist bereits später Mittag. Die Arête de l’Arpille, über die wir hinauf müssen, ist eisig. Wir kommen nur langsam vorwärts. Martin kollert ein paar Meter den Hang runter, dann verliert Eugen einen Ski, Markus ist sich nicht mehr so sicher, ob der richtigen Route... Die letzten stotzigen Höhenmeter auf den Arpelistock finden im gleißenden Sonnenuntergang statt. Oben empfängt uns eine gewaltige Stimmung. Ein Feuer legt sich auf die Berge über dem Rhonetal: vom Mont Blanc über Matterhorn, Mischabel bis zum Monte Leone. Die Abfahrt zur Geltenhütte erfordert Konzentration, denn die Konturen des Geländes verblassen zunehmend. Wir stieren durchs Dämmerlicht. Endlich die Lichter des rustikalen Stützpunktes, in dem die Gäste bereits ihre Suppe schlürfen. Es wird zusammen gerückt. Die Hütte ist gut besucht. Die Berner Haute Route West von den Diablerets zur Gemmi ist längst ein Klassiker. Vor 101 Jahren, nämlich im März 1910, wagten die Westschweizer Francois-Frédéric Roget und Marcel Kurz mit den Berner Bergführern Ernst und Viktor Marti als Erste diese Skidurchquerung.  Auch die alpenweit allererste Skitraverse fand in den Berner Alpen statt und zwar von der Ostseite her. Der große Skipionier Wilhelm Paulcke aus Freiburg im Breisgau war 1897 mit drei Straßburger Freunden von der Grimsel über das Oberaarjoch und die Grünhornlücke zum Aletschgletscher unterwegs. In jenen Tagen waren das noch Spinner, nicht für voll genommen mit ihren langen Brettern, die sie sich eigens aus Norwegen haben liefern lassen. Die 1,80 Meter Latten nannte man damals noch „Kurzski“.

Von zahm bis wild

Trotz der wilden Namen wie Teufelshörner, Wildhorn, Wildstrubel geben sich die Gipfel eher zahm „mit gemäßigten Abhängen und sanften Formen“, wie Lawinenexperte Werner Munter schreibt. „Im Gebiet erheben sich keine bizarren Nadeln und Türme und keine himmelstürmenden Grate, es stürzen keine Eiskatarakte ab und keine düsteren 1000-Meter-Nordwände. Der größte Gletscher, der Glacier de la Plaine Morte, erstreckt sich so flach wie nur irgend möglich.“ Damit trumpft dann die Fortsetzung auf, die Berner Haute Route Ost. Der gesteigerten Ansprüche wegen bietet sich deshalb eine Gesamtüberschreitung des über 100 Kilometer langen Berner Hauptkammes von West nach Ost an und nicht umgekehrt. Natürlich kann jederzeit abgebrochen werden. Eine 8 – 10 Tagestour von Hütte zu Hütte mit kläglichen Waschmöglichkeiten ist nicht jederman’s/-frau’s Sache. Allerdings auf halber Strecke lockt Leukerbad mit seiner schon seit Alpenpionierszeiten geschätzten Wellness. Bestens lässt sich’s da regenerieren, und gut gereinigt und gesalbt für die nächste Herausforderung rüsten. Die kommt einer Himalaya-Expedition gleich, denn es wird das einzige Gebiet der Schweiz durchquert, das auf einer 1:25.000er Karte (Blatt Finsteraarhorn) weder Straßen noch Häuseransammlungen aufweist.

Tränen vom Wind und von der Landschaft

Früher Aufbruch von der Geltenhütte. Der Fauxpas des Vortages soll nicht mehr passieren. Der Ausstieg aus dem Geltenkessel ist zäh. Erhellung kommt am Col du Brochet, wo sich die Walliser Haute Volee am Horizont aufreiht und die Umwanderung des Wildhorns mit dieser einmaligen Gipfelschau kurzweiliger gestaltet. Noch steht die Schlüsselstelle am Mont Pucel an, weil sich der Gipfel des Wildhorns nur von Südost mit Ski erobern lässt. Ein Wolkenband macht sich plötzlich breit, verschluckt die Berge zum Einheitsbrei. Der Wind bläst durch die Brille, lässt die Augen tränen und den Tropfen an der Nase gefrieren. Wir steigen trotzdem auf den Gipfel, es ist der höchste der Berner Haute Route West und bei Föhnsturm macht er seinem Namen alle Ehre. Bei besseren Verhältnissen wäre die Gletscherabfahrt zur Wildhornhütte ein Traum.

Anderntags in steilem Zickzack auf das Schnidehorn. Kurz vor dem Gipfel müssen die Ski abgeschnallt werden, da rutscht mir das Harscheisen weg, kullert in den Abgrund. Rainer, vollendeter Kavalier, nimmt den eisigen Abstieg auf sich und rettet das lebenswichtige Teil. Ski am Rucksack, der Atem keucht, am Gipfel ist die Anstrengung vergessen. Die Welt liegt zu Füßen und eine göttliche Abfahrt folgt. Verdiente Pause an der Wildstrubelhütte, bevor es zur Plaine Morte geht. Eine weite, weiße Wanne, neun Quadratkilometer groß. Langlaufgebiet von Crans-Montana. Aber kein Mensch zeigt sich. Auch oben am Wildstrubel, obwohl dort normalerweise Rummel herrscht. Der Skigipfel ist begehrt, wegen seiner leichten Abfahrt zur Gemmi, wegen seinen rassigen Steilabfahrten gen Lenk und Adelboden. Doch es ist wieder einmal spät, die Skitouristen längst in die Hütte oder ins Tal zurück gekehrt. „Breiteis“, der historische Name des Wildstrubels bringt es fast besser auf den Punkt: Drei gleich hohe Gipfel, die sich zur Masse vereinen, nach Nord und West schroff abbrechen. Aus dieser Richtung ist das „prächtige Schneegebirg“ auch dem Berner Geologen und Gründungsmitglied des SAC Edmund von Fellenberg ins Auge gestochen, als er mit einem Einspänner von Zweisimmen her kam. Mit dem Gemsjäger Jakob Tritten macht er sich an den Aufstiegin jene so wenig bekannten Gletschereinöden“ des Wildstrubels, damals im August 1856. „Um 2 Uhr war das hehre Ziel erreicht und von der Südspitze des Strubels, 10,038 Fuß über dem Meere, entrollte sich das von keinem Wölkchen getrübte, endlose Panorama. Die Aussicht genauer zu schildern, die Namen der zahllosen Spitzen der Alpenkette zu benennen, die wir von dieser hohen Warte aus sahen, wäre eine für mich unmögliche Aufgabe gewesen. Nur die Hauptgruppen vermochte ich zu entziffern.“

Von der Rundschau endlich losgerissen, schwingen wir dem Bietschhorn entgegen, das sich so imposant im Osten aufbäumt, dann immer mehr schrumpft, aber Rinderhorn, Balmhorn und Altels dafür in die Höhe wachsen. Die Lämmerenhütte thront wie auf einem Tablett vor dieser Gipfeltapete. Sie zählt zu einer der beliebtesten Hütten der Schweiz, nicht nur wegen der leichten Erreichbarkeit von der Gemmi her, auch wegen dem Engagement von Barbara und Christian Wäfler, die seit bald 20 Jahren das Regiment führen. Ihre beiden Buben sind hier aufgewachsen mit eigenem Lehrer. Büffeln, im Service mithelfen... Und doch kommen Clemens und David, die jetzt in der Lehre sind, jede Ferien herauf. Ein magischer Ort eben. Wie das Daubenhorn, ein Gipfel, den wir uns anderntags nicht entgehen lassen. Die weiten Nordhänge erlauben auch an winterlichen Hitzetagen feinsten Pulverrausch. Der höchste Punkt ist eine schmale Gratschneide zwischen Himmel und Erde. Unter den klobigen Skischuhen stürzt die Südwand 1500 Meter in die Tiefe. Im Kessel von Leukerbad ist es vielleicht schon grün, während hier oben dicke Schneewechten hängen.

Ein Sprung in erquickende Thermalquellen

Dank der Gemmibahn lässt sich das heute leicht bewerkstelligen. Mitunter war das Badeleben den Alpenpionieren nicht ganz suspekt. So wagte sich Thomas Woodbine Hincliff (einer der Begründer des britischen Alpine Clubs), der zuvor mit dem Haslitaler Melchior Anderegg (mit Christian Almer der erste patentierte Bergführer der Schweiz) den Altels bestiegen hatte, gar nicht erst ins Wasser, sondern beobachtete lieber amüsiert die seltsame Badegesellschaft, „die sich wie spielende Schweinswale vergnügte. Bis zum Hals im warmen Wasser, waren viele von ihnen dazu verurteilt, dort acht Stunden am Tag zu sitzen. Auch wenn die meisten unter verschiedenen Beschwerden litten, schienen sie glücklich mit ihrem Los. Viele bekamen Kaffee auf kleinen schwimmenden Tischchen serviert und der größte Spaß schien, mit wildem Gespritze die anderen Frühstücksesser zur Revanche heraus zu fordern. Die Spritz-Kämpfer nutzten unter Geschrei ihre Tabletts mit beiden Händen...“ Ein Jahr später kam Hincliff wieder und bestieg mit Leslie Stephen und Melchior Anderegg am 11.September 1858 erstmals von der Gemmi den Wildstrubel. Der heutige Normalweg war damit eröffnet. Edward Whymper, der dem Badeort 1860 einen Besuch abstattete, stellte sich die Frage, ob es schicklich für ältere Männer sei, junge Frauen aus einer in die andere Ecke zu jagen. Dabei war es schon in der Badeordnung von 1825 unter Strafe verboten „andere zu bespritzen, ins Becken zu speien, zu pfeifen oder zu schmauchen, zu singen, religiöse Diskussionen zu führen, unanständige Handlungen vorzunehmen oder ärgerliche Reden zu führen.“

„Es dienet dem duncklen gesicht und triefenden augen ..., dem fluss der nasen, der schwachen lungen und dem blöden magen“  beschreibt Sebastian Münster 1541 die Wirkung des Gesundbrunnens in der ältesten Schrift über die Thermalquellen. Jahrhunderte lang war man der Ansicht, dass nur stundenlanges Sitzen im Wasser von heilender Wirkung sei. Damit der Gesellschaft nicht all zu schnell langweilig wurde, gab es „auf dem Wasser kleine Tische schwimmend, mit Kaffeetassen, Zeitungen, Tabaksdosen, Büchern und anderem Zeitvertreib“, wie Domino- und Schachspiele. Nach wie vor sprudeln täglich 3,9 Millionen Liter aus 65 Quellen, wird Leukerbad mit dem reichsten Thermalwasser-Vorkommen der Alpen beschenkt. Das Badeverhalten hat sich freilich geändert. Zur Zerstreuung dienen heute: Römisch-irische Wassertherapie, Rutsche, Whirlpool, Traubenkernbehandlung, Sauna-Dorf.... Doch nichts herrlicher, als nach einer längeren Skitraverse einfach nur im wohligen Wasser zu schweben, den Blick zum Daubenhorn klettern zu lassen, wo man eben noch stand.

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