...Fortesetzung von Teil 1

Hinüber ins UNESCO-Weltnaturerbe

Man könnte meinen, dass durch die Liftanlagen, die von Leukerbad fast bis zum Torrenthorn führen, an diesem Gipfel viel los wäre. Aber wir sind allein an dieser Aussichtswarte, von der sich das Bietschhorn so nah und prächtig präsentiert. Die Abfahrt zum Wysse See ist kurz, aber eine Wucht. Dann heißt es wieder anfellen und über den Restipass ins Lötschental. Mit dem Bus in den Talschluss. Hinauf zur Lötschenlücke und hinein in die größte Ansammlung an Eis und Schnee, die der gesamte Alpenbogen zu bieten hat. Der Konkordiaplatz, wo gleich vier Gletscherströme zusammenfließen, bildet eine Arena von ungeheurem Ausmaß. Immer noch. Wie mächtig die Eismassen einst wirklich waren, zeigt der lange Treppenaufstieg zur Konkordiahütte, der im Laufe des Eisschwundes der letzten Jahrzehnte immer wieder verlängert werden musste. Als die erste der Konkordiahütten 1877 gebaut wurde, lag sie 50 Meter über dem Gletscher. Heute sind es über 150 Meter. Ein Logenplatz. Schon damals so beliebt, dass der Fiescher Hotelier Emil Cathrein 1898 ein zweites Haus bauen ließ, den Pavillon Cathrein. Zu Fuß musste alles herauf transportiert werden. Schwere Last stundenlang über den Gletscher. Heute versorgt der Heli den Stützpunkt und das Abendessen ist mit frischem Salat und Gemüse angereichert. Weil das Wasser mühsam aus Schnee gewonnen und abgekocht werden muss, ist Trinkwasser kostbar und wird auch von auswärts eingeflogen. Die anderthalb Liter Mineralwasserflasche geht für 12 Franken über den Tresen. Bis in die Abendstunden kommen Gruppen von Skialpinisten vom Jungfraujoch herunter. Der leichteste Einstieg zum Platz der „Concordia“, der Göttin der Eintracht und Harmonie in der römischen Mythologie. Seine Benennung geht auf den britischen Alpinisten J.F.Hardy zurück, der hier einen Vergleich zum berühmten Platz in Paris zog, weil ihn die Eisströme an das harmonische Zusammentreffen der Straßenzüge am  „Place de la Concorde“ erinnerten. Der Name blieb und 148 Jahre später wurde mit der „Charta vom Konkordiaplatz“ der Grundstein zum UNESCO-Weltnaturerbe gelegt, in der sich die Anliegergemeinden für eine nachhaltige Entwicklung verpflichten.

Oben glüht die Jungfrau, unten der Monte Leone

Abend- und Morgenstimmung sind hinreißend von der Konkordiahütte. Oben glüht die Jungfrau, unten der Monte Leone. Dazwischen wälzen sich weiße Gletscherschlangen. Ewig könnte man an der „Reling“ dieses Felsenschiffes über der gefrorenen Brandung stehen. Und wenn es zu kalt wird, schlüpft man in die warme Stube. Welch ein Luxus. Paulcke und seine Freunde hatten auf ihrer Skipionierstour im Januar 1897 weniger Glück. Sie fanden das Innere der Konkordiahütte voller Schnee vor, schliefen nicht auf, sondern unter den Pritschen und standen schon um zwei Uhr nachts wieder auf, um der bitteren Kälte zu entfliehen. Wegen des schlechten Wetters konnten sie weder die Jungfrau noch das Finsteraarhorn erobern. Jetzt bei gutem Wetter in der Skihochtourensaison April ist an diesen Gipfeln eine Menge los. Zuviel für unseren Geschmack und wir ziehen nach der Überschreitung der Grünhornlücke eine Besteigung des Wannenhorns vor, bevor wir uns in der Finsteraarhornhütte einquartieren. Die alte Hütte unterhalb des 2004 errichteten Neubaus könnte den Wandel des Hüttenwesens im Laufe des Alpinismuszeitalters nicht deutlicher zeigen. Der Holzschuppen 1905 aus den Brettern der alten Oberaarjochhütte gezimmert mit karger Einrichtung, der Kasten darüber fast Hotel ähnlich, mit Betten, die so breit sind, dass fast zwei Personen darin Platz fänden. Vreni und Hans aus Grindelwald haben das Management des fast ausgebuchten 106-Betten-Komplexes voll im Griff. Es wird sich auch Zeit genommen, bei jedem Gast zu notieren, woher er kommt und wohin er will. Das ist wichtig, sagt Vreni, falls etwas passiert. Während das Gros sich zum Finsteraarhorn aufmacht, verlassen wir den Rummelplatz in die Einsamkeit des Galmigletschers. Vor allem dort, wo dieser sich mit dem Fieschergletscher vereint und gen Rhonetal abbricht, ist das Szenario himmlisch. Weissmies, Alphubel, Mischabel, Matterhorn, Weisshorn reihen sich am Horizont auf. Mit jedem Höhenmeter gegen das Oberaarjoch wird die Schau prächtiger.

„Feenpalast“ mit Donnerbalken

Für einmal ist die Oberaarjochhütte unbewartet. Der neue Hüttenwart ist einfach nicht angetreten. Vielleicht hat ihn die Panik gepackt, in unwirtlichen Höhen wirtschaften zu müssen. Wenn er nur wüsste, was er verpasst: Einen Adlerhorst, kühn in den Felsen klebend, mit museumsreifem Donnerbalken, wo man sein Geschäft noch 50 Meter in die Tiefe verfolgen kann. Der Abort hatte schon damals die Gemüter erhitzt. Eine Madame de Volden fand ihn 1899 etwas riskant. Auch Besucher, die vom Galmigletscher herauf kamen und der Wind ungünstig stand. Heute ist dieses Problem gelöst mit einem geruchsfreien, windgeschützten Trockenklo über der urgemütlichen Stube. Der „Luxus“ ist perfekt, Holz- und Gasherd, Vorräte in der Küche, Schlafkojen mit Duvets, doch alles etwas romantischer als in den hochmodernen Hütten. Edmund von Fellenberg, der auch bei der Einweihung der ersten Hütte im August 1883 zugegen war, erschien sie „wie ein Feenpalast“, gab es doch zuvor nur den Unterschlupf am Rotloch, den er eine „elende Wolfshöhle“ nannte. Am 18. Januar 1897 trugen sich Paulcke und seine Freunde als erste Skitouristen ins Hüttenbuch ein: „ Temperatur in der Hütte bei Ankunft –5° R (Reaumur = - 6 ,25 °C)...Gepäck ohne Skier 35-40 Pfund....“ Der damalige Hüttenwart Johann Rufibach half dem Trupp von der Handegg hinauf beim Tragen, deutlich im Nachteil mit seinen Schneeschuhen, die sich die Einheimischen eben nur leisten konnten. Verständlich, dass er anstelle des Trägerlohns nur noch Skier wollte, nachdem ihm Paulcke & Co. den Abfahrtsrausch demonstriert hatten. Rufibach wurde „zu einem tüchtigen Skiläufer“.

Ein Highlight ist der Sonnenaufgang vom Oberaarhorn, auch wenn der Zustieg durch das lose Gestein mit klobigen Skischuhen ein Graus ist. Das Finsteraarhorn regt sich zum Greifen nah keck in den Himmel. Schlange werden sie dort oben stehen, während wir hier allein sind. Zwei schwarze Punkte kommen gerade von der Gemschlicke herunter, ziehen elegante Bögen durch das makellose Weiss des Studergletschers. Sie werden bestimmt das Galmihorn ansteuern. Eine Stunde später tun wir es ihnen nach. Der Gipfel lockt auch wegen seiner phantastisch langen Abfahrt 2200 Höhenmeter nach Reckingen hinunter. Naja, nicht ganz, der Frühling ist schon ein bisschen höher geklettert.

Infos

Anreise: Von Norden durch das Simmental oder aus dem Süden vom Unterwallis zum Col du Pillon.

Ausrüstung: Skihochtourenausrüstung (Lawinensuchgerät, Schaufel, Sonde, Harscheisen, Felle, 30-Meter-Seil, Steigeisen)

Route: Berner Haute Route West

1.Tag: Col du Pillon/Bergstation Glacier 3000 (2940 m) – Col de Sanetsch (2242 m) – Arête de l’Arpille – Arpelistock (3035 m) – Geltenhütte (2003 m): 5 Std.

2.Tag: Geltenhütte – Col du Brochet/Geltenlücke (2757 m) – Wildhorn (3247 m) – Wildhornhütte (2303 m): 5 Std.

3.Tag: Wildhornhütte – Schnidehorn (2937 m) – Wildstrubelhütte (2791 m) – Weisshorn (2948 m) – Plaine Morte (2720 m) – Wildstrubel-Westgipfel/Lenkerstrubel (3243 m) – Lämmerenhütte (2501 m): 8 Std.

4.Tag: Lämmerenhütte – Daubenhorn (2942 m) – Gemmi Bergstation (2356 m), Gondelfahrt nach Leukerbad: 4 Std.

Wer in Kandersteg abbrechen möchte: Lämmerenhütte – Roter Totz (2848 m) – Üschenetal – Kandersteg (1194 m): 3 Std.

Route: Berner Haute Route Ost

Der Abschnitt zwischen Lötschenlücke/Jungfraujoch und Finsteraarhorn ist deutlich belebter als der Rest der Berner Haute Route.

Die meisten steigen am Jungfraujoch ein, wobei man dann meist schlecht akklimatisiert ist und die Nächte auf den nun höher gelegenen Hütten nicht unbedingt so gut verträgt.

5.Tag: Leukerbad/Bergstation (2730 m) – Torrenthorn (2998 m) – Wysse See (2337 m) – Restipass (2711 m) – Ferden (1375 m): 3-4 Std. Bus nach Blatten (1540 m). Aufstieg von Blatten zur Anenhütte (2358 m) 3-4 Std.

6. Tag: Anenhütte – Lötschenlücke (3173 m) – Hollandiahütte (3240 m) – Konkordiahütte (2850 m): 3 Std.

Gipfelabstecher Lötschenlücke – Äbeni Flue (3962 m): 3 Std.

7.Tag: Konkordiahütte – Grünhornlücke (3280 m) – Finsteraarhornhütte (3048 m) 3 Std. Gipfelabstecher Gross Wannenhorn (3906 m) zusätzlich: 3.30 – 4 Std. Gipfelabstecher Finsteraarhorn (4274 m): 4-5 Std., Kletterstellen II am Nordwest-Grat.

8.Tag: Finsteraarhornhütte – Oberaarhornhütte (3256 m): 3 Std. Gipfelabstecher Oberaarhorn (3631 m): 1.30 Std. Oder: Finsteraarhornhütte – Vorder Galmihorn: 3.30 Std. – Oberaarjochhütte 1.30 Std.

9.Tag: Oberaarhornhütte – Vorder Galmihorn (3517 m): 1.30 Std. Abfahrt südseitig durch das Bächli-Tal nach Reckingen 3 Std.

Von der Oberaarjochhütte kann auch über den Oberaargletscher abgefahren und zum Grimselpass gequert werden.

Wer noch nicht genug hat: Interessant ist eine Fortsetzung über das Scheuchzerjoch zur Lauteraarhütte, weiter zur Gaulihütte mit Schlussabfahrt über den Rosenlauigletscher.

Hütten

Geltenhütte, 2003 m, ca. Mitte März bis Anfang Mai, Tel. 033/765 32 20, www.geltenhuette.ch

Wildhornhütte, 2303 m, Anfang März bis Anfang Mai, Tel. 033/733 23 82, www.wildhornhuette.ch

Wildstrubelhütte, 2791 m, Ende Febr. bis Ende April, Tel. 033/744 33 39, www.wildstrubelhuette.ch

Lämmerenhütte, 2501 m, Anfang Febr. bis Anfang Mai, Tel. 027/470 25 15, www.laemmerenhuette.ch

Anenhütte, 2358 m, März bis Mai, Tel. 079/864 66 44, www.anenhuette.ch

Hollandiahütte, 3240 m, Mitte März bis Mitte Mai, Tel. 027/939 11 35, www.hollandiahuette.ch

Konkordiahütte, 2850 m, ca. Mitte März bis Anfang Juni, Tel. 033/855 13 94, www.konkordiahuette.ch

Finsteraarhornhütte, 3048 m, Mitte/Ende März bis Ende Mai, Tel. 033/855 29 55, www.finsteraarhornhuette.ch

Oberaarjochhütte, 3256 m, Mitte März bis Ende Mai, Tel. 079/359 21 79, www.sac-biel.ch

Alle Hütten, ausser die Anenhütte, verfügen über einen stets geöffneten Winterraum

Veranstalter

Berner Haute Route West z.B. bei Alpinschule Bietschhorn Ausserberg, Tel. 027/923 09 03, www.alpinschule.ch

Berner Haute Route Ost: Grindelwaldsports, Tel. 033/854 12 90, www.grindelwaldsports.ch.

Bergschule Uri, Tel. 041/872 09 00, www.bergschule-uri.ch. Freddy Grossniklaus, Tel. 079/334 61 59, www.swissrockguides.com. Alpinschule Berg + Tal, Tel. 041/450 44 25

Karten

Landeskarte der Schweiz, 1:50 000, Blatt 273 S Montana., Blatt 263 S Wildstrubel, Blatt 264 S Jungfrau, Blatt 265 S Nufenenpass.

Literatur: Bergverlag Rother: Skitourenführer Berner Oberland, Daniel Anker (Darin enthalten auch die Berner Haute Route West). Westalpen Skitouren, Reinhard Klappert.

SAC-Verlag: Skitouren Berner Alpen West sowie Berner Alpen Ost, beide von Daniel Anker/Ralph Schegg.

Text & Fotos: IrisKuerschner.com