La poule – In Frankreich weiß jedes Schulkind, wie das Vanoise Massiv auf der Landkarte im Gewirr der französischen Bergketten zu entdecken ist. Denn das durch die Täler der Isère (Tarentaise genannt) und Arc (Maurienne genannt) umschlossene Gebiet nur wenig südwestlich des Mont Blanc zeichnet die unverkennbare Form eines Huhns und sticht sofort ins Auge. Das Poulet liegt im südlichsten Zipfel des Departements Savoie, das zu Frankreichs größter Region Rhône-Alpes gehört und im Südosten an Italien angrenzt. Im Hinterteil der Henne befindet sich der Vanoise Nationalpark, der älteste Nationalpark Frankreichs. Im Bauch, das muss erst mal verdaut werden, liegen die berühmten Trois Vallées, mit 600 Pistenkilometern Frankreichs größtes Skigebiet. An der Schädeldecke klebt Albertville, die ehemalige Olympiastadt. Nicht nur der Inhalt des Huhns ist für Skitouren äußerst interessant, sondern auch der Saum drumherum birgt faszinierendes Gebirgsrelief, mitunter gar noch wilder und einsamer.

Im Vanoisegebiet stoßen Kontraste zusammen. Skizirkus, Retorten und hinterm nächsten Bergrücken pure Natur und Einsamkeit, nur hie und da mal eine Berghütte kilometerweit entfernt. In der Haute Maurienne, wie auch im Herzen der Vanoise um Pralognan und Champagny sind die Dörfer beinahe unverschandelt geblieben. Hübsche Holz- und Steinhäuser im savoyardischen Stil, rustikale Restaurants in denen savoyardische Spezialitäten serviert werden: Tartiflette, Crozets, Raclette... Vom südlichsten Punkt Deutschlands bei Basel braucht es rund fünfeinhalb Stunden in das Skiparadies, das das größte Gletscherplateau der Alpen birgt und eine Unzahl mäßig schwieriger Skitourengipfel mit endlosen Abfahrten. Schon lange ein Traum von uns, die wir das Gebiet von vielen Sommertouren her kennen und schätzen gelernt haben.

Heiße Winter

In Pralognan, dem Bergsteigerdorf am Nordfuß der Vanoise-Gletscher, wollen wir starten. Dort, wo anno 1860 einst William Mathews mit Michel Croz und Etienne Favre in aller Herrgottsfrühe des 8. Augusts aufbrachen, um die Grande Casse als Erste zu besteigen. Der höchste Gipfel der Vanoise soll uns krönender Abschluss sein. Doch es kommt immer anders als man denkt. Vielleicht ist es so heiß wie an besagtem 8. August, was uns aber so gar nicht in den April passt. Der Schnee schwitzt und wir mit. Erbarmungslose 24 Grad, wir dürfen die Ski schleppen, denn der Weg zum du Refuge Roc de la Pêche ist aper. Wanderer in Shorts kommen uns entgegen. Murmeltiere hoppeln schon fröhlich am Wegesrand. Wir fühlen uns etwas deplaziert in unserer Skitourenmontur, die bald am Rucksack hängt.

Das Refuge du Roc de la Pêche auf nicht ganz 2000 Meter ist eine Deluxe-Hütte: Sauna, Dampfbad, Jacuzzi, rustikale Kaminstube, Bibliothek. Allein von hier aus lässt sich eine Woche mit attraktiven Skitouren füllen. In den Cirque du Génépy, dessen Gletscher unmittelbar über der Hütte blitzen, auf die Aiguille de Polset, dessen breite Eisflanke im Talschluß herabfließt. Wieder war es der Brite Mathews, der mit seinem Gefolge 1861 den ersten Fuß auf den Gipfel setzte. Als Grundstücksmakler und Landvermesser konnte er gar nicht anders, waren Barometer und allerlei andere Messinstrumente selbstverständlich mit im Gepäck. Seine Erkenntnisse und Höhenangaben waren W.A.B. Coolidge wertvolle Hilfe, der 1878 die Erstbesteigung der benachbarten Aiguille de Péclet einheimste und das Gebiet für einen Tourenführer auskundschaftete. Hier pure Stille, auf der anderen Seite wird die Aiguille de Polset gar nachts noch mit Flutlicht von Val Thorens aus in Szene gesetzt.

Wo Mönche einst siedelten

Vor dem Refuge du Roc de la Pêche sitzt Philippe Granier und studiert das Gelände durch sein Fernrohr. Stundenlang. Eine Regung irgendwo? Ihm entgeht nichts. Birkhühner, Gämsen. Ein paar Strichmännchen am Col d’Aussois, die zu Tale schwingen. Das muss die Gruppe sein, die sich gestern angemeldet hat. In keinster Weise vermisst er das Confiseriegeschäft, das er mit seiner Frau Guylaine in Aix-les-Bains geführt hatte. 35 Jahre Stress. Jetzt entspannt er sich am Fernrohr, wenn er nicht gerade Kuchen bäckt oder kocht für die Gäste. Alles überschaubar. Auch seine Frau strahlt Gelassenheit und Heiterkeit aus. Vor zehn Jahren übernahmen sie die Hütte während ihrer Suche nach Lebensveränderung. Ein Kraftort, den nicht nur Augustinermönche schätzten, die sich um das 12. Jahrhundert hier für drei Jahrhunderte nieder ließen. Die Kapelle, die sie bauten, steht auf einem keltischen Kultplatz. Die Chapelle de la Motte gleich neben der Hütte zählt zu den ältesten Kapellen der französischen Alpen. Schätze an Holzschnitzereien birgt ihr Inneres, wie auch das der Hütte. Allein der Kronleuchter gleich neben dem Kamin lässt staunen oder „le trézain“, ein Glockenspiel-Rad, mit dem nicht nur zu Messen, sondern auch zum Abendessen geläutet wird. Mittels eines Metallstabs werden 13 Glocken zu einer melodischen Melodie gebracht. Das hört man auch bis in die Sauna.

Der klassische Wechsel vom Refuge du Roc de la Pêche in die Maurienne führt über den Col d’Aussois. Wegen der Hitze muss der Aufbruch für diesmal sehr sehr früh geschehen. Philippe gibt zu bedenken, dass wir an der Steilrampe über den Chalets de Ritort, wo im Sommer der köstliche Beaufortkäse fabriziert wird, eventuell Steigeisen bräuchten. Unsere Harscheisen packen den Hang, aber es ist harzig. Für den im Talausgang leuchtenden Mont Blanc haben wir erst später Muße, als die ersten Sonnenstrahlen uns wärmen. Um 9 Uhr haben wir es geschafft, nach bald vier Stunden Plackerei. Ein gigantisches Panorama, eine Firnabfahrt nach Süden, die jauchzen lässt. Juste en minute. Eine halbe Stunde später wären wir wahrscheinlich immer wieder eingebrochen auf den grasigen Grund. In der Ebene ist der Bach, der lieblich durch den Fond d’Aussois mäandert, schon längst freigedeckt. Im Stausee schwimmen letzte Eisreste. Klimaerwärmung auf Tuchfühlung. Aber die Technik versucht dem zu trotzen mit Schneelanzen und Kanonen. Ein weißer Streifen zieht sich vom Skigebiet südseitig des Dent Parrachée bis Aussois, wo die Osterglocken und Forsythien blühen, der Pinienwald nach Mediterranem duftet. 28 Grad auf 1500 Meter im Dorf auf einem Hochplateau über der Arcschlucht.

Die Teufel von Bessans

Mit dem Bus nach Bessans, dem Langlaufparadies der Haute-Maurienne. Ein archaisches Dorf, in dem die Teufel Geschichte schrieben. Die „Diables de Bessans“, sie schmücken den Dorfbrunnen, die Schaufenster, das Atelier von Georges Personnaz, der eine Menge Legenden über seine grotesken Satansfiguren zu erzählen weiß.

„Die Menschen hier haben schon immer an den Teufel geglaubt“, sagt Georges. „Alles Unerklärliche, alles Übernatürliche, c’était le Diable. Stets war er es, der die Lawinen auslöste, die Flüsse überlaufen ließ...“

Alte Volkskunst hat in Bessans eine lange Tradition. Die Kapelle St-Antoine auf dem Dorfhügel ist mit herrlichen Fresken ausgeschmückt. Darunter auch eine Szene mit dem Grabtuch Christi, das im 16.Jahrhundert auf Schleichwegen über den Grenzkamm nach Turin gebracht wurde. Diesen Weg werden auch wir nehmen. Hinauf zum Refuge d’Avérole, das in einem ergreifenden Amphitheater liegt. Unterwegs Vincendières, eine archaische Siedlung, die, wie auch das etwas oberhalb gelegene Avérole, bis 1960 noch ganzjährig bewohnt war. Von Vincendières käme sein Urururgroßvater, erzählt uns Jean-Philippe Clappier. Ein Bildhauer, in den Krieg einbezogen und verletzt, der mit seiner Kriegsrente 1870 das erste Hotel in Bessans baute. Zunächst logierten dort Zöllner, die den regen Grenzhandel kontrollierten. Dann wurde der Alpinismus modern und Bergführer pendelten mit ihren Gästen zwischen dem italienischen Balme und Bessans. Die enge Beziehung zu den Lanzo-Tälern spiegelt sich auch im Dialekt wieder, der ähnlicher ist, als zum Nachbardorf Bonneval im eigenen Tal. Immer noch ist das Hotel Mont Iseran der Platzhirsch in Bessans, von Jean-Philippe nun in fünfter Generation geführt.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil - mit allen Infos und Skitourentipps in der Region des Vanoise-Massiv.