Fortsetzung von Teil 1

Bessans ist auch der Startpunkt der Alpinschule Berg + Tal, die sich eine gelungene Runde durch die Highlights der Vanoise-Region ausgedacht hat. Zuerst die imposanten Grenzgipfel wie den Albaron, dann eine Überschreitung der Vanoise-Gletscher und durch die Séracs unter der gewaltigen Nordwand der Grande Casse. Wir schließen uns an, treffen Dani mit seiner Gruppe im Refuge d’Avérole. Die Hütte ist gut besucht. Wegen der Hitze ist man eben schon mittags zurück, genießt die Wärme auf der Sonnenterrasse, plaudert, lacht, ließt. So entspannt ist der frühe Aufbruch ein Klacks. Und auch notwendig, nicht nur wegen der Hitze. Der Aufstieg zum Albaron dauert. Die Abfahrt ist dafür ein langes Gedicht. Am Skidepot stecken fünf Stunden in den Beinen. Noch gilt es den Felsaufschwung zu meistern. Fixseile helfen. Dennoch flattert das Herz, wenn die klobigen Schuhe auf eisigen Partien keinen Halt finden. Dann besser Steigeisen an. Alpinisten mit Skiern am Rucksack kommen entgegen. Sie haben eine Überschreitung vom Refuge des Evettes gewagt. Endlich oben, wirkt der Albaron sanft. Ein breites Plateau mit einer gigantischen Aussicht. Im Süden grüßt die markante Pyramide des Monviso. Der unermüdliche Mathews war auch dort der Erstbesteiger, noch im selben Monat nachdem er die Grande Casse gemeistert hatte. Hautnah die Ciamarella mit ihrer kleinen Schwester. Gran Paradiso, Mont Blanc… wäre es klarer, könnte man vielleicht vom Monte Rosa bis zum Meer sehen. Zurück an der Hütte steht uns allen die göttliche Firnabfahrt ins Gesicht geschrieben.

Vom Gletschersee zum Krokus

Tage später erleichtert uns der Sessellift von Aussois den Aufstieg zum Col de Labby, der Pforte zum größten noch verbliebenen Gletscherplateau der Alpen. Zuerst quält die Sonne, dann beißende Windböen am Pass. Aber genau dieser Wind hält die Wolken fern und die Schau zu den Écrins-Gipfeln ist einfach grandios. Im windstillen Schutz des mächtigen Dent Parrachée carven wir zu Tale. Die lange Sonnenperiode hat pistenähnliche Verhältnisse hinterlassen. Kein Bruchharsch, kein Einbrechen. Der Lac de l’Arpont glitzert türkisblau in der weißen Prairie. Ein kurzer Gegenanstieg, dann wird es zunehmend sulziger. Wir schlängeln uns über letzte Schneereste, die sich dank eines nordseitigen Couloirs fast bis zum Etappenziel erhalten haben. Das Refuge de l’Arpont liegt bereits im Grünen. Krokusse recken ihre Hälse aus den weichen Matten. Welch ein Kontrast. Der Küche entströmt schon ein verführerischer Duft, in der urgemütlichen Stube bullert ein schmiedeeiserner Ofen, steht Empfangstee bereit. Valérie weiß ihre Gäste zu verwöhnen. Ihr halbes Leben ist sie Hüttenwirtin. Das muss Passion sein. „Mes petits chats, allez manger“. Vor allem die Tarte à l’Orange ist so köstlich, das man gerne noch ein Stück genommen hätte. Die Hütte, die dem Nationalpark untersteht, wird sich verändern. Eine Vergrößerung und ein Umbau zum Passivhaus sind geplant. Nicht mehr Betten, aber mehr Komfort und Energieeffizienz. Eine Hütte der Zukunft.

Arktische Dimensionen

Die Wetterprognosen sind düster. Valérie hat sie gerade ausgedruckt. Jetzt wo es ans Highlight geht. In den frühen Morgenstunden noch mystische Stimmungsbilder, dann Whiteout für Stunden. Wäre nicht plötzlich mit dem Aufstieg Schluss, wir würden gar nicht merken, dass wir auf dem Dôme de Chasseforêt stehen. Die Hoffnung auf ein Wolkenfenster erfüllt sich nicht. Die Psyche leidet und nagt auch an der Kondition einiger Teilnehmer. Dani entscheidet: Abbruch. Die Sicherheit steht an oberster Stelle. Das Gletscherplateau im Nebel birgt ein hohes Gefahrenpotenzial. Natürlich könnte man sich mit GPS durchquälen. Aber warum? Besser, sich noch mal unter die Fittiche von Valérie begeben und den nächsten Tag abwarten. Für den sieht die Prognose schon Erhellenderes vor. Nichtsdestotrotz beginnt er genau wie der vorherige. Ohne GPS keine Chance sich zurechtzufinden. Dann aber ganz plötzlich wird es heller, wirkt die Dimension der Gletscherflächen unendlich, weil der Blick zum Horizont verstellt bleibt. So würde man sich die Arktis vorstellen. Ganze elf Kilometer lang und zwei bis drei Kilometer breit ist das Plateau der Glaciers de la Vanoise.

Die Königin der französischen Skiberge

Die Grande Casse, die man vom Col du Dard so schön gesehen hätte, gibt sich verhüllt. Dafür fünf Kilometer Abfahrt erst sanft, dann steil zum Refuge du Col de la Vanoise. Auch Paul, ein französischer Bergführer hat es mit seiner Gruppe durch den Nebel geschafft. Auf der Grande Casse ist er letztjährig im Juni gewesen. Bei Top-Verhältnissen, die Vorraussetzung sind. „Die Casse ist ein Prüfstein für Könner, ein Meisterbrief“, schreibt Reinhard Klappert. In seinem Westalpen Skitourenführer reiht er sie „ungeachtet aller Modetrends in einer imaginären Skitourenhitliste“ ganz vorne ein. Hätte es zu Mathews Zeiten schon Ski gegeben, der Brite hätte sicherlich den Winter vorgezogen. Mathews, Favre und Croz mussten 1100 Stufen einschlagen, um den 45° steilen Hang zu bewältigen – 800 mit der Axt und den Rest mit den Füssen, präzisiert Mathews in seinen Notizen. Mathews gehört zu den fünf Briten, die im August 1857 auf dem Gipfel des Finsteraarhorn beschlossen, den ersten alpinen Club der Welt zu gründen, was dann auch vier Monate später offiziell in London geschah.

Viele kommen zig mal umsonst, bevor die Grande Casse einen gewähren lässt. Aber was heißt hier umsonst? Die Abfahrt nach Pralognan gibt noch mal ein paar Kilometer her. Oder im Fall guter Sicht beschert die Route über den Col de la Grande Casse einen unvergesslichen Blick in die monströse Nordwand. Durch spektakulär zerrissene Séracs kurvt man schließlich ins liebliche Champagny-Tal. Wir kultivieren uns im Hôtel Les Glières in Champagny. Salben unsere aufgesprungenen Lippen, die spröde Haut, schwitzen uns in der Sauna vom Hüttenmief rein. Und können es dann doch nicht lassen, einen Blick in den Skizirkus zu werfen. Eine Gondel verbindet mit „Paradiski“, dem Verbund von La Plagne und Les Arcs: 425 Pistenkilometer, 179 Lifte, die längste schwarze Abfahrt der Welt über 2000 Hm...Vielleicht doch wieder zurück nach Champagny, wo alles überschaubar geblieben ist.

Infos

Anreise

Mit dem Auto von München über Bern und Lausanne nach Genf, dann Autobahn Annecy – Chambéry – Albertville. N90 durch das Isère-Tal bis Moûtiers und durch das Bozel-Tal nach Pralognan.

Öffentliche Verkehrsmittel: Zug bis Moûtiers (www.voyages-sncf.com), dann per Bus nach Pralognan, Fahrpläne: www.altibus.com. Zwischen Dezember und April Direktbuslinie vom Genfer Flughafen bis Val d’Isère. Für Pralognan muss in Moûtiers umgestiegen werden. Gratis Skibus zwischen Aussois und Bessans nur auf Reservierung: www.altibus.com. Gratis Navette zwischen Champagny-le-Haut und Champagny-en-Vanoise

Information

Office de Tourisme de Champagny-en-Vanoise, Tel. +33/(0)4/79 55 06 55, www.champagny.com

Office de Tourisme de Pralognan, Tel. +33/(0)4/79 08 79 08, www.pralognan.com

Maison d’Aussois, Tel. +33/(0)4/79 20 30 80, www.aussois.com

Office de Tourisme de Bessans, Tel. +33/(0)4/79 05 96 52, www.bessans.com

Parc National de la Vanoise, www.parcnational.vanoise.fr

Hütten

Refuge du Roc de la Pêche, 1911 m, ganzjährig außer 10.5. bis 1.6., 2.11. bis 27.12, Tel. +33/(0)4/79 08 79 75, www.rocdelapeche.com

Refuge de Péclet Polset, 2474 m, Tel. +33/(0)4/79 08 72 13.

Refuge Dent Parrachée, 2511 m, Tel. +33/(0)4/79 20 32 87, www.dentparrachee.refuges-vanoise.com

Refuge d’Avérole, 2210 m, Mitte März bis Anfang Mai, Tel. +33/(0)4/79 05 96 70, //refuge.averole.free.fr

Refuge de l’Arpont, 2309 m, Tel. +33/(0)4/79 20 51 51, März bis 1.Mai, www.arpont.refuges-vanoise.com

Refuge Col de la Vanoise, 2517 m, Tel. +33/(0)4/79 08 25 23, www.coldelavanoise.refuges-vanoise.com

Refuge du Laisonnay, 1579 m, Mitte Februar bis ca. Mitte April, Tel. +33/(0)6/08 54 34 61, www.laisonnay.com

Hotels

Aussois: Hôtel Le Soleil, Tel. +33/(0)4/79 20 32 42, www.hotel-du-soleil.com; Hôtel Les Mottets, Tel. +33/(0)4/79 20 30 86, www.hotel-lesmottets.com

Bessans: Hôtel Le Mont Iseran, Tel. +33/(0)4/79 05 95 97, www.montiseran.com

Champagny-en-Vanoise: Hôtel Les Glières, mit Sauna, Tel. +33/(0)4/79 55 05 52, www.hotel-glieres.com

Literatur

Westalpen Skitouren, Reinhard Klappert, Bergverlag Rother

Karten

IGN Top 25, mit Skirouten, Blatt 3534 OT Les Trois Vallées (mit Pralognan, Vanoisegletscher und Aussois); Blatt 3633 ET Tignes.Val d’Isère (mit Grande Casse und Tourengebiet Albaron).

Oder Ski- und Wanderkarte Vanoise, 1 :50.000, Didier Richard.

Skigebiete XXL

www.les3vallees.com

www.paradiski.com

Skitouren

Col du Génépy, 2903 m: mäßig schwierig. Aufstieg vom Refuge du Roc de la Pêche 4 Std.

Roc du Blancon, 2747 m : mäßig schwierig. Aufstieg vom Refuge du Roc de la Pêche 3.30 Std.

Col d’Aussois, 2916 m: mäßig schwierig. Kurze Steilrampe über den Chalets de Ritort 35°. Aufstieg vom Refuge du Roc de la Pêche 4 Std.

Dôme oder Aiguille de Polset, 3326 m/3501 m: mäßig schwierig, doch sehr lang. Auf 150 Hm ca. 30°. Bei Start vom Refuge Péclet Polset 2 Std. kürzer. Aufstieg vom Refuge du Roc de la Pêche 6-7 Std.

Tipp: Im Refuge du Roc de la Pêche kann man sich Beschreibungen von acht Sterntouren anschauen.

Albaron, 3637 m: mäßig schwierig bis Skidepot, Schlüsselstelle ist die Kletterei auf das Gipfelplateau, oft sind Steigeisen notwendig, eingerichtete Abseilstelle. Aufstieg vom Refuge d’Avérole 5-6 Std.

Quille d’Arbéron, 3563 m: mäßig schwierig, Gipfelgrat meist zu Fuss, jedoch unschwierig, Aufstieg vom Refuge d’Avérole 5 Std.

Vanoise-Überschreitung: mäßig schwierig. 1. Tag: Sessellift Aussois – Refuge Dent Parrachée, 1 Std. – Col de Labby, 3 Std. – Refuge de l’Arpont, 2 Std.; 2. Tag : Refuge de l’Arpont – Dôme de Chasseforêt, 5 Std. – Col du Pelve – Col du Dard – Refuge du Col de la Vanoise, 3 Std. (Schlechtwetter-Variante vom Refuge de l’Arpont ostseitig unterm Dôme de Chasseforêt zum Col du Pelve, 3 Std.).; 3. Tag: Refuge du Col de la Vanoise – Col de la Grande Casse – Laisonnay – Champagny-le-Haut, 5 Std.  

Grande Casse, 3855 m: anspruchsvoll, meist nur mit Steigeisen möglich, über 600 Hm führen durch rund 45° steiles Gelände, Topverhältnisse sind Voraussetzung. Aufstieg vom Refuge du Col de la Vanoise 4.30 bis 5 Std.