Verantwortung übernehmen für Besatzung und Patienten, schnell reagieren, die richtigen Entscheidungen treffen und dabei einen Kindheitstraum leben, das ist der Beruf des Rettungshubschrauberpiloten. Gerade bei Notfällen am Berg können die Retter aus der Luft die entscheidende Hilfe leisten. Wir haben einen Piloten begleitet, und erfahren, was ihn beschäftigt, was ihn ärgert und warum das immer noch ein Traumberuf ist.

Lebensretter aus der Luft

„Vier Millionen ist der wert!“, kräht der blonde Junge begeistert und hält die Miniaturausgabe eines orangenen Hubschraubers in die Luft. So, dass er ihn direkt vor seinen Augen hat, direkt vor dem lärmenden Original, dem Rettungshubschrauber Christoph 14. Strahlende Kinderaugen. „Jürgen, du bist ihr Held“, ruft die Mutter des Kleinen dem schlanken Mann zu, der mit den Augen ebenfalls dem aufsteigenden Hubschrauber folgt. Jürgen Ackermann lächelt ernst. Der Lebensretter aus der Luft zu sein, das ist der Traum vieler Jungs, war vor langer Zeit auch mal sein eigener. Er hat ihn sich erfüllt. Der 41-jährige ist seit zehn Jahren Pilot, seit sechs Jahren fliegt er Rettungshubschrauber.

In Deutschland gibt es drei verschiedene Betreiber, die die Piloten und die Technik für die Rettungshubschrauber stellen. Man kann sie leicht unterscheiden: gelb ist der ADAC, rot-weiß die Deutsche Rettungsflugwacht und orange die Bundespolizei. Alle Hubschrauber sind nach dem katholischen Schutzheiligen Christoph benannt. Jürgen Ackermann trägt von Kopf bis Fuß dunkelblau, die Farbe der Bundespolizei. Seine Staffel betreut die Stationen Traunstein und Kempten mit den Rettungshubschraubern Christoph 14 und Christoph 17. Nach einem Auswahlverfahren kam auf seinem Weg zum Pilot die eineinhalbjährige fliegerische Ausbildung, dann Übungen in den verschiedenen Einsatzspektren, wie Tagfliegen, Nachtfliegen oder Fliegen in flachem Gelände. Nach 1000 Flugstunden schließlich die Rettungsfliegerei. Um eigenverantwortlich im Gebirge fliegen und retten zu dürfen, ist wiederum eine spezielle Anzahl von Einsätzen und zusätzliche Übungen nötig. Zum Beispiel das Rettungstaufliegen, wo das Tau zum Einsatz kommt, um die Hilfskräfte zum Patienten zu fliegen oder diesen zu bergen.

"Grundsätzlich lauffaul"

Heute ist eine Übung. Die Köpfe der Bergwachtler, Notärzte und Piloten folgen Christoph 14, der gerade dröhnend über dem vorwinterlich grauen Tal kreist. Seine Besatzung besteht aus einem Pilot, gestellt durch die Bundespolizei, einem Rettungsassistent vom Bayerischen Roten Kreuz, einem Notarzt und einem Mitglied der Bergwacht, dem Air-Rescue-Specialist. Letzterer baumelt am 25m langen Tau. Die Männer in den blau-roten Jacken scherzen, sie sind gut drauf und freuen sich sichtlich über die Gelegenheit, mal wieder ein paar Flüge machen zu dürfen. „Die Bergwacht ist ja grundsätzlich lauffaul“, wird erklärt. Mit einem Augenzwinkern, versteht sich. Jürgen Ackermann ist Leiter der Übung und setzt sich nicht nur wegen seiner dunklen Pilotenmontur vom Rest der bunten Truppe ab. Über Funk verfolgt er Abläufe und Kommunikation im Hubschrauber. Bei der Nachbesprechung lobt er, kritisiert, stellt Vergleiche zum tags zuvor Geübten an. Wenn er die lockere Stimmung auch freundlich akzeptiert, auch mal lächelt, so bleibt doch kein Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Übung. Er spricht von dem Vertrauensverhältnis der Besatzung, dem Rettungsassistent auf der Kufe als sprechendem Spiegel des Piloten, der Verbindung, die durch das Tau zwischen den Rettern besteht. Von Absprachen, die eingehalten werden müssen.

Zwei Minuten Zeit

„In Einsatzsituationen funktioniert man“, sagt Jürgen Ackermann. Im Alltag heißt das, 6:40 Uhr Dienstbeginn, 20 Minuten zur Vorbereitung des Hubschraubers, dann Anmeldung bei der zuständigen Rettungsleitstelle. Wenn der Piepser geht, startet der Pilot den Hubschrauber, der Rettungsassistent klärt mit der Leitstelle die wichtigen Details. Das Team muss innerhalb von zwei Minuten in der Luft sein, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Mit Sonnenuntergang endet der Arbeitstag. Klingt nach Struktur und Ordnung. Und was ist wenn nichts passiert? „Man hofft natürlich nicht auf ein Unglück, aber wenn etwas passiert sind wir das hochqualifizierteste Rettungsmittel“, so Ackermann. Für ihn kommen die charakterlichen Anforderungen an einen Rettungshubschrauberpiloten denen eines Polizisten sehr nahe. Auch hier hat man viel Verantwortung, muss schnell die richtige Entscheidung treffen. Hart empfindet er Situationen, in denen er an seine eigene Familie erinnert wird. Wenn die Patienten noch sehr jung sind. Hart ist es, wenn er Nein sagen muss, zu einer komplizierten Landung beispielsweise. „Auch wenn man da ist um Gutes zu tun, man hat ja auch andere Verantwortungen. Der Besatzung oder dem Material, der Maschine gegenüber.“ Und nach dem Einsatz muss jeder einen Weg für sich finden, die Geschichten und Schicksale, die er für ein paar Stunden streift, zu verarbeiten. Manche reden bei einem Bier darüber, manche vertrauen sich professioneller Hilfe an. Ackermann spricht nicht direkt von sich, lässt nicht tiefer blicken. Er sagt, dass er selten fragt, wie es nach der Rettung weiter ging. Wenn er aber hört, dass ein Kind dem Hubschrauber letztendlich sein Überleben verdankt, gibt das eine gewisse Berufszufriedenheit. Dann fühlt er sich gut.

Gefahren werden vermehrt eingegangen

Die Sonne schickt ein paar Strahlen durch die Wolkendecke und bringt den vor der bräunlich-kahlen Bergwand schwebenden Christoph 14 zum Leuchten. Bald wird der erste Schnee kommen und mit ihm die Wintersportler. Auch wenn er betont, dass die Rettung bei jedem Einsatz im Vordergrund steht, ärgert sich Ackermann über gewisse Verhaltensweisen am Berg. Das Handy ist für die Rettung nicht, wie man meinen könnte, immer nur ein Segen. Häufig führt gerade das Bewusstsein, jederzeit Hilfe rufen zu können, zu unverantwortlichem Verhalten. Dass so auch die Retter in Gefahr gebracht werden - gerade Einsätze in der einsetzenden Dämmerung sind mit dem Rettungshubschrauber nicht unproblematisch - wird nicht bedacht. Nun hebt sogar der beherrschte Ackermann die Stimme. „Die Ausrüstung wird immer besser. Die Lifte bringen einen überall hin. Jeder Trottel kann mit einem Rocker in den Tiefschnee fahren. Bitte, wenn die Lawinenwarnstufe nicht hergibt, dass man abseits der Piste fährt, dann soll man es lassen. Die Retter müssen da ja auch hin!“ Wer abseits der Piste fährt, sollte sich über die Risiken und Schwierigkeiten informieren, einen Lawinenkurs besuchen.

Auch am Ende zweier langer Tage wirkt Jürgen Ackermann hochkonzentriert: Er fliegt, leitet an und koordiniert. Dem Beobachter sieht erst nach einer Weile, wie viel Spaß ihm diese Arbeit bereitet: Der Umgang mit dem Hubschrauber, dem hochentwickelten, empfindlichen Gerät und die Eroberung der dritten Dimension, wenn es hoch hinauf geht. Der blonde Junge hat sich inzwischen sattgesehen an den Übungsmanövern. Seine Begeisterung ist einem dringenden Bedürfnis gewichen. Er hat Hunger. Die Bergwacht schafft Abhilfe. Mit dem Mund voll Semmel und Wiener kann der Kleine wieder sichtlich besser träumen. Vom Leben als Retter aus der Luft.

Info: Was tun im Notfall?

Manfred Hasenknopf, Luftrettungsverantwortlicher bei der Bergwacht Bayern, Region Chiemgau, erklärt, was im Notfall auf der Piste zu tun ist: „Grundsätzlich sollte sich jeder Skifahrer dessen bewusst sein, dass er zur Hilfeleistung verpflichtet ist! Die richtige Behandlung eines Patienten bis zum Eintreffen der Bergrettung kann lebenswichtig für die Genesung des Verletzens sein. Daher muss sich jeder Wintersportler an der eigenen Nase fassen und überlegen, ob es nicht Zeit wäre, den Erste-Hilfe-Kurs mal wieder aufzufrischen.“

Wichtig ist es die Unfallstelle zuerst mit gekreuzten Skiern zu sichern und damit nachfolgende Skifahrer zu warnen. Nun setzt man schnellstmöglich den Notruf ab - in Deutschland mit der 112. Auch im Grenzgebiet, kommt man mit dieser Nummer bei einem Disponent der jeweiligen Leitstelle heraus. Dieser ist speziell geschult und stellt Fragen, die möglichst gefasst und schnell beantwortet werden sollten. Zuletzt muss man eine Rufnummer für Rückfragen durchgeben und sollte diese Leitung danach frei halten.

Zur Behandlung des Patienten: Wenn dieser ansprechbar ist, reicht es meist, bei ihm zu bleiben. Mit einer Jacke oder einer Rettungsdecke schützt man den Verletzten gegen Unterkühlung. Ist der Patient leblos, beginnt man mit der Herzdruckmassage, diese erhöht die Überlebenschancen eines Patienten enorm. Im Unterschied zum Notfall auf der Piste dauert es im freien Gelände länger, bis Rettung kommt – die Vorgehensweise bleibt aber dieselbe. Wichtig ist hier, den Standort durch die Angabe von Koordinaten oder auch mithilfe markanter Punkte in der Landschaft möglichst exakt zu beschreiben. Naht das Rettungsteam aus der Luft, muss man deutlich auf sich aufmerksam machen. Bei der Landung, sollte man ruhig abwarten, lose Gegenstände wie Schals festhalten und den Verletzten vor Wind und Schnee schützen. Bekommt man deutliche Signale von Seiten der Rettungshelfer, nähert man sich dem Hubschrauber - immer von vorne. Am Unfall Unbeteiligte bittet die Bergwacht, genügend Abstand zu halten und langsam an der Unfallstelle vorbeizuschieben.