Die Tour beginnt ohne Mühe. Satte 1300 Höhenmeter hat uns die Gondel von Garmisch-Partenkirchen auf den Osterfelderkopf getragen. Beim Verlassen der Bergstation geht der erste Blick zur Alpspitze. Fast möchte die markante Nordwand des dreikantigen Garmischer Wahrzeichens auf uns herabstürzen. Unterhalb starten die Pisten des „Classic-Skigebiets“.

Kein Pistenfahrer kommt je hierher

Dahinter glänzt in der Ferne unscheinbar ein weißes sanftes Plateau. Durch eine kleine Felsmauer ist es vom Skigebiet getrennt, kein Pistenfahrer wird es je betreten. Doch wer, wie wir, Tourenski und Felle hat, kann den Abstecher zum „Stuiben“ gefahrlos wagen. Zunächst geht es 500 Höhenmeter rasant hinab, Schuss- und Gleitpassagen wechseln auf der Osterfelder- und Bernadeinabfahrt mit mäßig steilen Hängen und Schneisen. Kurz vor der Talstation des Bernadeinlifts führt uns eine unscheinbare Spur rechts in den Wald. Hier heißt es anfellen und zwischen oft meterdick verschneiten Bäumen auf die Bernadeinwand zusteigen. Auf und ab geht es durch den Wald, dann kurz steil bergauf und links um die Felsen herum. Am Ende werden die Bäume weniger und die Spur immer flacher. Auf einmal öffnet sich ein genialer Blick. Rechts die Alpspitze, die von Osten viel sanfter, aber immer noch sehr hoch aussieht; vor uns die breiten, glitzernden Stuibenhänge und davor eine kleine Hütte. Kräftig raucht es aus dem Schornstein. Wer hier vorbei steigt, muss für einen Moment innehalten. Seit fast 100 Jahren ist die Stuibenhütte der heimliche traditionsreiche Mittelpunkt der Werdenfelser „Skiszene“. Im Jahr 1920, lange vor den ersten Bergbahnen und Skiliften, wurde sie gebaut.

Im Herzen des Wettersteingebirges

Doch eine ausgiebige Rast müssen wir uns erst verdienen. Gut 300 Höhenmeter Aufstieg warten zu einem der Hüttengipfel. Die kecke, am Schluss recht steile Stuibenspitze lohnt nur bei gutem Schnee. Einfacher ist der ebenfalls mit einem kleinen Kreuz gezierte Mauerschartenkopf etwas dahinter. Ganz oben angekommen stehen wir im Herzen des Wettersteingebirges. Der Blick fällt tief hinab in das Reintal, auf das im schattigen Winterschlaf befindliche Kletterrevier Oberreintal mit seinen Felstürmen und Zacken, auf die Dreitorspitze, Alpspitze und unzählige weitere Gipfel. Im Norden grüßt das Alpenvorland hinter dem Garmischer Talkessel, davor das Classic-Skigebiet. Es wird uns am Ende die letzten 1100 der verbliebenen 1500 Höhenmeter Abfahrt bescheren. Zunächst aber locken die weiten und überwiegend sanft geneigten Flanken hinunter zur Hütte. Genussvoll schwingen wir im meist lawinensicheren Terrain. Der Schnee ist gut, der Winkel stimmt und so gelangen wir ohne Anhalten fast bis auf die Hüttenterrasse.

Die Tradition der Stuibenhütte

Ein Radler auf den sonnigen Holzstößen tut jetzt gut. Doch ein Berggasthaus ist die Stuibenhütte nicht. Getränke kann man kaufen, für das Essen muss man selbst sorgen. Allerdings kocht Hüttenwart Jochen Lingott auch etwas Warmes, wenn die Gäste die Zutaten mitbringen. So will es die Tradition auf der Stuibenhütte seit Jahrzehnten. Hier haben sich Hüttenwirte einen Namen gemacht: Charly Wehrle etwa versorgte sechs Jahre lang die Stuibenhütte und im Sommer die Oberreintalhütte, ehe er auf der Reintalangerhütte am Zugspitzweg zu einem der beliebtesten und bekanntesten Wirte in den Alpen wurde. Eine Legende wurde der „Fischer Franze“, der vor und nach dem Zweiten Weltkrieg guter Geist am Stuiben und im Oberreintal war. Er prägte den Namen für das noch heute außerhalb der Hütte gelegene Toilettenhäuschen: „Schönstes Nebengebäude Europas“. Das Besondere an dem kleinen Holzbau: Hinter ihm bricht die Felswand ziemlich abrupt ab. Einem Hüttengast wurde das mal zum Verhängnis und nur der viele Schnee dämpfte damals seine Blessuren (wir können allerdings nicht ausschließen, dass seinerzeit auch der Alkohol mit im Spiel war).

Seit dem letzten Winter betreut Jochen Lingott die Stuibenhütte. Für den gebürtigen Bayreuther, der schon auf der Weilheimer Hütte im Estergebirge arbeitete, ist es „ein Traum hier oben, vor allem wenn so viel Schnee liegt wie 2011/12.“ Jochen hofft auch für diesen Winter auf viel Schnee. In jedem Fall wird er die Stuibenhütte spätestens zu Weihnachten aufsperren und bis Ostern „bewarten“.

Hinüber zur Kandahar

Schwer können wir uns vom Stuiben trennen, doch da wir keine Übernachtung geplant haben (eine solche ist auf 30 Lagern möglich), zieht es uns wieder ins Tal. Nun wartet eine Abfahrt der besonderen Art: Erst noch ein wenig Tiefschnee im lichten Wald, dann die Spur zurück gleiten und den Bernadeinlift hinauf. Oben schenkt uns die Osterfelderabfahrt einen schönen Hang hinunter zur bewirtschafteten Hochalm. Dann führt ein schneller Ziehweg hinüber zum Kreuzeck. Über die leichten Skiwiesen am „Hexenkessel“ erreichen wir die herrlich gelegene Kreuzalm. Über den Oberen Skiweg geht es hinüber zur Kandahar. Wir erreichen die spektakuläre Weltcupstrecke ein Stück unterhalb vom Starthang. Der meist bucklig ausgefahrene, höllisch steile und oft eisige Tröglhang wird zur ersten Bewährungsprobe (oder leitet einen schnell zur Umfahrung). Dann folgt das breite „Himmelreich“, ein wunderschöner Abschnitt für einen breiten Super G-Schwung. Die Kandahar ist Kult, wenn auch oft hart, schnell und schwierig (vielleicht ist sie gerade deswegen Kult). Benannt ist die Abfahrt nach einem englischen Lord, der im afghanischen Kandahar als Offizier diente. 1911 stiftete er einen Pokal für eines der ersten Skirennen, aus denen später die „Arlberg-Kandahar-Rennen“ wurden. 1954 wurde auch Garmisch-Partenkirchen Austragungsort. Seit 1970 fahren jährlich Weltcup-Abfahrtsprofis auf der Kandahar. Zweimal, 1978 und 2011, war die Strecke Schauplatz alpiner Skiweltmeisterschaften. Jüngst wurde sie umgebaut, um für Damen und Herren eine Trasse zu bieten. So haben auch wir die Qual der Wahl. Links geht es in die alten, für die Damen etwas entschärften Klassiker „Eishang“ und „Hölle“, rechts auf die Herrenstrecke. Wir entscheiden uns für die letztere und nähern uns ehrfürchtig dem „Freien Fall“. Mit 92% Neigung (fast 45 Grad!)  ist sie die steilste Passage im alpinen Weltcupzirkus, steiler noch als die Kitzbüheler „Mausefalle“. Während die Profis hier gut und gerne 60 Meter weit hinab springen, rutschen wir vorsichtig über die Hangkante. Die letzten Streckenabschnitte geht es vergleichsweise sanft ins Ziel. Dort warten keine jubelnden Zuschauer auf uns, dafür lädt die Café-Bar Kandahar zum finalen Einkehrschwung.

Tourenbeschreibung:

Von der Bergstation der Alpspitzbahn (2050 m) über die Osterfelder- und Bernadeinabfahrt hinab. Ca. 50 Meter vor der Talstation des Bernadein-Lifts beginnt rechts im Wald die Skispur zum Stuiben (kein Schild!). Auf ihr ca. 45-minütiger Aufstieg mit Tourenski zur Stuibenhütte. Über die weiten Hänge zur Stuibenspitze (300 Höhenmeter, ca. 1 Stunde, am Ende steil) oder zum links hinten benachbarten Mauerschartenkopf (kaum weiter). Leichte Tiefschneeabfahrt entlang des Aufstiegs über die Hütte zur Talstation und anschließende Auffahrt mit dem Bernadein-Schlepplift. Von dort weitere Abfahrt und Gleitstück über Hochalm und Hochalmweg zum Kreuzeck. Über die Piste Hexenkessel und den Oberen Skiweg zur Kandaharabfahrt und zur Talstation (leichtere Variante über die Olympiaabfahrt).

Für die Kombitour Stuiben/Kandahar gibt es ein spezielles, ermäßigtes Ticket (19 €) der Bayerischen Zugspitzbahn (die einmal die Seilbahn- und einmal die Bernadeinliftbenützung erlaubt). Ein Tagesticket (37 €) erlaubt es nach der Skitour im Classic-Skigebiet noch mehr zu fahren (z.B. Längenfelder, Kandahar-Express, Lifte am Hausberg oder nochmalige Auffahrt mit der Kreuzeckbahn mit weiteren Talabfahrten).

Die Hänge am Stuiben sind überwiegend wenig lawinengefährdet, dennoch ist Lawinenausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde) außerhalb des gesicherten Geländes obligatorisch!

Kontakt Stuibenhütte:

Mobil: 0174/7515911

Reservierungen für Übernachtungen nur per E-Mail: info@stuibenhuette.de

 

Info Skigebiet:

Aktuelle Schneehöhen Classic-Skigebiet Garmisch-Partenkirchen

Weitere Informationen: www.zugspitze.de

 

Buchtipp:

Bergsteiger ohne Maske: Franz Fischer - Hüttenwirt und Original